contradictio.de

Kritik an Ideologien, Aufklärung über populäre Irrtümer, Kommentare zum Zeitgeschehen

GegenArgumente Wien (Radio Orange): Zum 1. Mai: „Das Proletariat“

Von • Mai 7th, 2022 • Kategorie: GSP-Radio

Zum 1. Mai: „Das Proletariat“

Von der Karriere des rechtlosen Lohnarbeiters zum mit Rechten ausgestatteten Staatsbürger

Nichts könnte unzeitgemäßer sein, als heutzutage vom Proletariat zu reden. Ein Proletariat – so etwas mag es früher einmal gegeben haben – im Manchesterkapitalismus, im Kaiserreich, vielleicht noch vor Hitler. Sie vor allem, die mit diesem Fremdwort einmal gemeint waren, weisen den „Proletarier“ als Beleidigung zurück, die sich ehrbare Steuerzahler und Arbeitsplatzbesitzer nicht bieten lassen müssen. Nicht nur das Proletariat ist ausgestorben, es gibt auch keine Arbeiterbewegung mehr, auch das ist Gegenstand der Vergangenheit, wie auch Arbeiterparteien. Die haben sich in Volksparteien aufgelöst.

Tatsächlich hat die bürgerliche Gesellschaft ihr Problem mit dem einst rechtlosen und rebellischen Arbeiterstand offenbar gelöst. Vor der „starken Hand des Arbeiters“, die alle Räder stillstehen lässt, wenn sie nur will, fürchtet sich kein Kanzler und kein Mittelständler mehr. Arbeiterparteien, die den Umsturz von Staat und Wirtschaft betreiben, und Gewerkschaften, die zugunsten des Lebensunterhalts ihrer Mitglieder die Interessen der Wirtschaft missachten, sind verschwunden. Die Gesellschaft kann zufrieden sein.

Aber hat sie auch die Probleme gelöst, die dieser Stand mir ihr hat – oder hat sie nur dessen Widerstandswillen aufgelöst? Jedenfalls sind Armut, Verwahrlosung, Not und Lebenskampf unter den „sozial Schwachen“ nicht zusammen mit dem Proletariat ausgestorben. Was hat sich also geändert seit den Tagen, in denen es ein rechtloses, nicht gesellschafts- und überlebensfähiges Proletariat gegeben hat? Was ist, wenn das, was als Ende des Proletariats gefeiert wird, nichts anderes darstellt als die Vollendung seiner Funktionalität für Staat und Kapital?

 

Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Sendung, die sich in folgende Teile gliedert:

1.Zur Aussage „Es gibt kein Proletariat mehr!“

2.Was ist heute tatsächlich anders als im Manchester-Kapitalismus?

3.Was bedeutet der Kampf um Arbeiterrechte als Antwort auf System der Lohnarbeit?

4.Wohin führt der gewerkschaftliche Kampf um Lohn?

5.Wie steht der moderne Arbeiter nach 100 Jahren politischer Emanzipation, nach seiner Verwandlung zum Bürger da?

6.Was bringt dem Arbeiter die Eingliederung in die Gesellschaft?

 

https://cba.fro.at/556198

 

Siehe auch:

 

Peter Decker | Konrad Hecker

Politisch emanzipiert – Sozial diszipliniert – Global ausgenutzt – Nationalistisch verdorben „Das Proletariat“

Die große Karriere der lohnarbeitenden Klasse kommt an ihr gerechtes Ende

 

Aufstieg und Niedergang der lohnabhängigen Klasse:

  • Vom rebellischen Vierten Stand
  • über eine Gewerkschaftsbewegung und einige Arbeiterparteien • zur politischen Emanzipation, • zur modernen Organisation nützlicher Armut, • zur selbstbewussten Anpassung an den Reformbedarf von Nation und Kapital

https://de.gegenstandpunkt.com/publikationen/buchangebot/proletariat

und

Interview mit Peter Decker zum Buch „Das Proletariat“ (27.10.2002)

https://www.argudiss.de/doku/interview-peter-decker-zum-buch-das-proletariat

und

Das Buch des GegenStandpunkt-Verlags Peter Decker, Konrad Hecker „Das Proletariat“

hat einige linke Rezensenten zu fundamentalen Einwendungen herausgefordert. Wir dokumentieren die wichtigsten und liefern eine nicht minder grundsätzliche Kritik der Kritik.

Thomas Kuczynski (Klassen haben keine Wahl), Sebastian Gerhardt (Gut gemeint – schlecht gemacht), Jörg Roesler (Rahmenbedingungen verunmöglichen Klassenkampf) und Robert Steigerwald (die Zyniker) sind sich nur in ihrer Ablehnung des Buches einig.

 

https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/proletariat-rezensiert

 

und

Vortrag von Peter Decker: „Das Proletariat“ (11.09.2015) Der Aufstieg des Arbeiters zum Bürger ist ans Ende gekommen

Wer heute vom Proletariat redet, disqualifiziert sich als unverbesserlich gestrig. Sozialwissenschaftler können ein Proletariat vom sonstigen Volk längst nicht mehr unterscheiden, Arbeiterparteien, die es einmal organisiert haben, sind verschwunden oder zu Volksparteien mutiert; und die Leute, die damit gemeint waren, die abhängig Beschäftigten, halten die Bezeichnung für eine Beleidigung des ehrbaren Arbeitnehmers. Kein Zweifel: Das Proletariat gibt es nicht mehr.

Dafür gibt es anderes:

– Einen Niedriglohnsektor zum Beispiel, in dem ein paar Millionen Leute arbeiten, ohne dass sie vom dort gezahlten Lohn leben können.

– Hartz-IV, eine soziale Grundsicherung, die weitere Millionen mittelloser Menschen vor Hunger und Verhungern bewahrt.

– eine verarmte und perspektivlose Unterschicht, die ihre Kinder verwahrlosen lässt.

– eine Rentenversicherung für Leute, die durch Arbeit nicht reich werden, und deren vom Lohn abgezogene Beiträge nie reichen, um die versprochenen Leistungen zu bezahlen.

– eine Krankenversicherung, die für die Arbeitgeber immer zu teuer ist und immer weniger das medizinisch Notwendige finanzieren kann, so dass ausgerechnet hier das böse Wort von der „Zwei-Klassen-Medizin“ die Runde macht.

 

Vor allem aber gibt es eine deutsche Republik, die gerade einen glänzenden Aufschwung nach der größten Wirtschaftskrise seit 60 Jahren hinlegt und offen damit angibt, worauf dieser Aufschwung beruht: Deutschland ist mit seinen Industrieprodukten konkurrenzfähig wie nie, weil es im Jahrzehnt vor und während der Krise das nationale Lohnniveau heruntergedrückt und mehr als die europäischen Nachbarn und andere Konkurrenten die Lohnstückkosten gesenkt hat. Wirtschaft, Politik und Medien sind zufrieden und stolz darauf, dass der Reichtum der Nation durch die Armut der arbeitenden Massen so schöne Fortschritte macht.

Der Lohn, das Geld, von dem die große Mehrheit der Bevölkerung lebt, ist eben nicht Ziel und Zweck dieser Wirtschaft, sondern ein leidiger Kostenfaktor für sie: Je billiger sie die Arbeit einkauft und je mehr Leistung sie aus den Arbeitskräften herausholt, desto mehr Ertrag bringt die Arbeit für die, die sie sich kaufen. Das ungefähr ist es, was MARX vor 150 Jahren gemeint hat mit dem Lehrsatz, dass das Dasein als „Ware Arbeitskraft“ das Leben einer ganzen gesellschaftlichen Klasse definiert. Ökonomisch hat sich daran nichts geändert.

Verschwunden ist etwas anderes: Der ärgerliche und rebellische Stand, der sich diese Rolle nicht mehr gefallen lassen will. Was dafür alles nötig war, und was an die Stelle des einstigen proletarischen Klassenbewusstseins getreten ist – davon handelt der Vortrag.

 

https://www.youtube.com/watch?v=2w1WPfvrkog

Leave a Reply