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Suitbert Cechura: Auf verlorenem Posten

Von • Jun 5th, 2024 • Kategorie: Allgemein

Auf verlorenem Posten

Die einen »geben«, die anderen »nehmen« Arbeit – wenn’s gut geht. Wenn nicht, wird ein bisschen »gekämpft«. Ein Streiflicht auf die verlogene Idylle der Marktwirtschaft.

Von Suitbert Cechura

Entlassungen finden täglich statt, das ist Alltag in der hochgelobten sozialen Marktwirtschaft. In die Medien gelangen Meldungen über den Verlust von Arbeitsplätzen in der Regel erst dann, wenn es sich um Massenentlassungen handelt. Aber auch dann sind sie vielfach nur eine kurze Notiz wert, etwa nach dem Muster: »Infineon kündigt Stellenabbau an und senkt die Prognose erneut – Aktienkurs steigt« (heise.de, 8.5.24). Oder: »VW-Mitarbeiter sollen mit Abfindungen gehen« (FAZ, 15.4.24).

Auch solche größeren Vorkommnisse sind nichts Ungewöhnliches. Mal geht es um Entlassungen wegen schlechter Geschäftslage oder -erwartungen, mal um die Sicherung des Geschäftserfolgs durch Rationalisierungen, die die Einsparung von Personal ermöglichen, das heißt marktwirtschaftlich gesprochen: erzwingen. Es gibt eigentlich keinen Zeitpunkt, zu dem sie nicht in der einen oder anderen Branche stattfinden.

Eine besondere Würdigung erhalten sie, wenn es zu Unruhe in der Belegschaft oder zu Protestaktionen kommt – wie jüngst etwa bei Thyssen-Krupp oder Galeria Karstadt-Kaufhof. Dann treten regelmäßig die Gewerkschaften in Aktion, die einen Kampf um Arbeitsplätze ankündigen, und in ihrem Gefolge melden sich auch Landes- oder Kommunalpolitiker zu Wort.

Trostlos sind diese Kämpfe, weil sie den Schaden der Betroffenen als Anlass für ein Protestritual nehmen, statt aus den immer wiederkehrenden Notlagen einen vernünftigen politökonomischen Schluss zu ziehen. Dazu hier einige Argumente.

Hausaufgaben gemacht?

In Szene setzen

Überraschte Aufsichtsräte

Offenkundige Abhängigkeit

Sozialplan als Interessenausgleich?

Problem Kapitalismus

Wenn Arbeitnehmer sich um ihre Existenz sorgen, weil Massenentlassungen anstehen, dann fällt Politikern wie Gewerkschaftsfunktionären nur ein, dass es wichtig ist, sich um den weiteren Erfolg des Geschäftemachens zu sorgen, das gerade diese Opfer produziert. Sie nutzen die Abhängigkeit der Arbeitnehmer vom Gang des Geschäfts um so dringlicher für die Verbreitung des alternativlosen Standpunkts, dass das Geschäftemachen vorankommen muss. Das heißt, es muss sich für diejenigen lohnen, die aus ihrem Geld mehr Geld machen wollen, alles andere ist dem untergeordnet.

Das ist ihr Einsatz für die Arbeitnehmer im Lande, für den sie dann als Politiker oder Betriebsräte gewählt werden wollen. Ganz schön trostlos!

P. S. In der sozialen Marktwirtschaft gilt der Arbeitsplatz als ein höchst erstrebenswertes Gut, um dessen Bereitstellung sich das freie Unternehmertum zu kümmern und auf dessen Erwerb sich alle und der Nachwuchs sowieso vorzubereiten haben.

Schon bei der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise wurde daher die ökonomische Lüge vom Kapitalisten als »Arbeitgeber« ins Leben gerufen und zur verbindlichen Sprachregelung gemacht. Er ist der Spender dieser Wohltat, von der andere, die »Arbeitnehmer«, dann leben. Die Legende hält sich, auch wenn Tag für Tag die lieben Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen darauf hin durchgemustert werden, auf wessen Dienste man verzichten kann, und auch wenn Massenentlassungen nichts Ungewöhnliches sind.
Vielleicht sollte man einmal bei einem alten Rheinländer in seiner berühmten Schrift »Das Kapital« nachschlagen, denn hier wird ein Klartext gesprochen, den im Grunde jeder Wirtschaftsbürger Anno Domini 2024 nachvollziehen kann.

Dort könnte man erstens Aufklärung darüber erhalten, was es mit dem Geben auf sich hat: Ein Unternehmer investiert »variables Kapital«, so wird bei ihm das Personal verbucht; es ist ein Posten in der Rechnung, der sich zu rentieren hat, mehr nicht. Mit der Sicherstellung eines Lebensunterhalts hat das nichts zu tun. Und zweitens ist bei der Vergabe gleich schon der Entzug mit im Visier, also die Frage, ob im Kostenvergleich nicht der Einsatz moderner Technik besser abschneidet; die ganze, enorme Produktivkraftentwicklung im Kapitalismus ist ja die beständige Probe darauf, was sich hier an Manpower durch Hightech ersetzen lässt.

Marx schreibt im »Kapital« (MEW 23, 430), es sei »eins der großen Verdienste« der klassischen politischen Ökonomie, »die Maschinerie nicht nur als Produktionsmittel von Waren, sondern auch von ›überschüssiger Bevölkerung‹ begriffen zu haben.« Aber davon will heute kein Ökonom und Gewerkschaftsvertreter mehr etwas wissen!

[Suitbert Cechura schrieb an dieser Stelle zuletzt am 7. November 2023 über die Widersprüche eines auf Profit orientierten Gesundheitssystems: Auf Verschleiß.]

Aus: junge Welt – Ausgabe vom 04.06.2024 / Seite 12 / Thema: Co-Management

https://www.jungewelt.de/artikel/476663.co-management-auf-verlorenem-posten.htmlAuf verlorenem Posten
Die einen »geben«, die anderen »nehmen« Arbeit – wenn’s gut geht. Wenn nicht, wird ein bisschen »gekämpft«. Ein Streiflicht auf die verlogene Idylle der Marktwirtschaft.
Von Suitbert Cechura

Entlassungen finden täglich statt, das ist Alltag in der hochgelobten sozialen Marktwirtschaft. In die Medien gelangen Meldungen über den Verlust von Arbeitsplätzen in der Regel erst dann, wenn es sich um Massenentlassungen handelt. Aber auch dann sind sie vielfach nur eine kurze Notiz wert, etwa nach dem Muster: »Infineon kündigt Stellenabbau an und senkt die Prognose erneut – Aktienkurs steigt« (heise.de, 8.5.24). Oder: »VW-Mitarbeiter sollen mit Abfindungen gehen« (FAZ, 15.4.24).

Auch solche größeren Vorkommnisse sind nichts Ungewöhnliches. Mal geht es um Entlassungen wegen schlechter Geschäftslage oder -erwartungen, mal um die Sicherung des Geschäftserfolgs durch Rationalisierungen, die die Einsparung von Personal ermöglichen, das heißt marktwirtschaftlich gesprochen: erzwingen. Es gibt eigentlich keinen Zeitpunkt, zu dem sie nicht in der einen oder anderen Branche stattfinden.

Eine besondere Würdigung erhalten sie, wenn es zu Unruhe in der Belegschaft oder zu Protestaktionen kommt – wie jüngst etwa bei Thyssen-Krupp oder Galeria Karstadt-Kaufhof. Dann treten regelmäßig die Gewerkschaften in Aktion, die einen Kampf um Arbeitsplätze ankündigen, und in ihrem Gefolge melden sich auch Landes- oder Kommunalpolitiker zu Wort.

Trostlos sind diese Kämpfe, weil sie den Schaden der Betroffenen als Anlass für ein Protestritual nehmen, statt aus den immer wiederkehrenden Notlagen einen vernünftigen politökonomischen Schluss zu ziehen. Dazu hier einige Argumente.

Hausaufgaben gemacht?

In Szene setzen

Überraschte Aufsichtsräte

Offenkundige Abhängigkeit

Sozialplan als Interessenausgleich?

Problem Kapitalismus

Wenn Arbeitnehmer sich um ihre Existenz sorgen, weil Massenentlassungen anstehen, dann fällt Politikern wie Gewerkschaftsfunktionären nur ein, dass es wichtig ist, sich um den weiteren Erfolg des Geschäftemachens zu sorgen, das gerade diese Opfer produziert. Sie nutzen die Abhängigkeit der Arbeitnehmer vom Gang des Geschäfts um so dringlicher für die Verbreitung des alternativlosen Standpunkts, dass das Geschäftemachen vorankommen muss. Das heißt, es muss sich für diejenigen lohnen, die aus ihrem Geld mehr Geld machen wollen, alles andere ist dem untergeordnet.

Das ist ihr Einsatz für die Arbeitnehmer im Lande, für den sie dann als Politiker oder Betriebsräte gewählt werden wollen. Ganz schön trostlos!

P. S. In der sozialen Marktwirtschaft gilt der Arbeitsplatz als ein höchst erstrebenswertes Gut, um dessen Bereitstellung sich das freie Unternehmertum zu kümmern und auf dessen Erwerb sich alle und der Nachwuchs sowieso vorzubereiten haben.

Schon bei der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise wurde daher die ökonomische Lüge vom Kapitalisten als »Arbeitgeber« ins Leben gerufen und zur verbindlichen Sprachregelung gemacht. Er ist der Spender dieser Wohltat, von der andere, die »Arbeitnehmer«, dann leben. Die Legende hält sich, auch wenn Tag für Tag die lieben Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen darauf hin durchgemustert werden, auf wessen Dienste man verzichten kann, und auch wenn Massenentlassungen nichts Ungewöhnliches sind.
Vielleicht sollte man einmal bei einem alten Rheinländer in seiner berühmten Schrift »Das Kapital« nachschlagen, denn hier wird ein Klartext gesprochen, den im Grunde jeder Wirtschaftsbürger Anno Domini 2024 nachvollziehen kann.

Dort könnte man erstens Aufklärung darüber erhalten, was es mit dem Geben auf sich hat: Ein Unternehmer investiert »variables Kapital«, so wird bei ihm das Personal verbucht; es ist ein Posten in der Rechnung, der sich zu rentieren hat, mehr nicht. Mit der Sicherstellung eines Lebensunterhalts hat das nichts zu tun. Und zweitens ist bei der Vergabe gleich schon der Entzug mit im Visier, also die Frage, ob im Kostenvergleich nicht der Einsatz moderner Technik besser abschneidet; die ganze, enorme Produktivkraftentwicklung im Kapitalismus ist ja die beständige Probe darauf, was sich hier an Manpower durch Hightech ersetzen lässt.

Marx schreibt im »Kapital« (MEW 23, 430), es sei »eins der großen Verdienste« der klassischen politischen Ökonomie, »die Maschinerie nicht nur als Produktionsmittel von Waren, sondern auch von ›überschüssiger Bevölkerung‹ begriffen zu haben.« Aber davon will heute kein Ökonom und Gewerkschaftsvertreter mehr etwas wissen!

[Suitbert Cechura schrieb an dieser Stelle zuletzt am 7. November 2023 über die Widersprüche eines auf Profit orientierten Gesundheitssystems: Auf Verschleiß.]

Aus: junge Welt – Ausgabe vom 04.06.2024 / Seite 12 / Thema: Co-Management

https://www.jungewelt.de/artikel/476663.co-management-auf-verlorenem-posten.htmlAuf verlorenem Posten
Die einen »geben«, die anderen »nehmen« Arbeit – wenn’s gut geht. Wenn nicht, wird ein bisschen »gekämpft«. Ein Streiflicht auf die verlogene Idylle der Marktwirtschaft.
Von Suitbert Cechura

Entlassungen finden täglich statt, das ist Alltag in der hochgelobten sozialen Marktwirtschaft. In die Medien gelangen Meldungen über den Verlust von Arbeitsplätzen in der Regel erst dann, wenn es sich um Massenentlassungen handelt. Aber auch dann sind sie vielfach nur eine kurze Notiz wert, etwa nach dem Muster: »Infineon kündigt Stellenabbau an und senkt die Prognose erneut – Aktienkurs steigt« (heise.de, 8.5.24). Oder: »VW-Mitarbeiter sollen mit Abfindungen gehen« (FAZ, 15.4.24).

Auch solche größeren Vorkommnisse sind nichts Ungewöhnliches. Mal geht es um Entlassungen wegen schlechter Geschäftslage oder -erwartungen, mal um die Sicherung des Geschäftserfolgs durch Rationalisierungen, die die Einsparung von Personal ermöglichen, das heißt marktwirtschaftlich gesprochen: erzwingen. Es gibt eigentlich keinen Zeitpunkt, zu dem sie nicht in der einen oder anderen Branche stattfinden.

Eine besondere Würdigung erhalten sie, wenn es zu Unruhe in der Belegschaft oder zu Protestaktionen kommt – wie jüngst etwa bei Thyssen-Krupp oder Galeria Karstadt-Kaufhof. Dann treten regelmäßig die Gewerkschaften in Aktion, die einen Kampf um Arbeitsplätze ankündigen, und in ihrem Gefolge melden sich auch Landes- oder Kommunalpolitiker zu Wort.

Trostlos sind diese Kämpfe, weil sie den Schaden der Betroffenen als Anlass für ein Protestritual nehmen, statt aus den immer wiederkehrenden Notlagen einen vernünftigen politökonomischen Schluss zu ziehen. Dazu hier einige Argumente.

Hausaufgaben gemacht?

In Szene setzen

Überraschte Aufsichtsräte

Offenkundige Abhängigkeit

Sozialplan als Interessenausgleich?

Problem Kapitalismus

Wenn Arbeitnehmer sich um ihre Existenz sorgen, weil Massenentlassungen anstehen, dann fällt Politikern wie Gewerkschaftsfunktionären nur ein, dass es wichtig ist, sich um den weiteren Erfolg des Geschäftemachens zu sorgen, das gerade diese Opfer produziert. Sie nutzen die Abhängigkeit der Arbeitnehmer vom Gang des Geschäfts um so dringlicher für die Verbreitung des alternativlosen Standpunkts, dass das Geschäftemachen vorankommen muss. Das heißt, es muss sich für diejenigen lohnen, die aus ihrem Geld mehr Geld machen wollen, alles andere ist dem untergeordnet.

Das ist ihr Einsatz für die Arbeitnehmer im Lande, für den sie dann als Politiker oder Betriebsräte gewählt werden wollen. Ganz schön trostlos!

P. S. In der sozialen Marktwirtschaft gilt der Arbeitsplatz als ein höchst erstrebenswertes Gut, um dessen Bereitstellung sich das freie Unternehmertum zu kümmern und auf dessen Erwerb sich alle und der Nachwuchs sowieso vorzubereiten haben.

Schon bei der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise wurde daher die ökonomische Lüge vom Kapitalisten als »Arbeitgeber« ins Leben gerufen und zur verbindlichen Sprachregelung gemacht. Er ist der Spender dieser Wohltat, von der andere, die »Arbeitnehmer«, dann leben. Die Legende hält sich, auch wenn Tag für Tag die lieben Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen darauf hin durchgemustert werden, auf wessen Dienste man verzichten kann, und auch wenn Massenentlassungen nichts Ungewöhnliches sind.
Vielleicht sollte man einmal bei einem alten Rheinländer in seiner berühmten Schrift »Das Kapital« nachschlagen, denn hier wird ein Klartext gesprochen, den im Grunde jeder Wirtschaftsbürger Anno Domini 2024 nachvollziehen kann.

Dort könnte man erstens Aufklärung darüber erhalten, was es mit dem Geben auf sich hat: Ein Unternehmer investiert »variables Kapital«, so wird bei ihm das Personal verbucht; es ist ein Posten in der Rechnung, der sich zu rentieren hat, mehr nicht. Mit der Sicherstellung eines Lebensunterhalts hat das nichts zu tun. Und zweitens ist bei der Vergabe gleich schon der Entzug mit im Visier, also die Frage, ob im Kostenvergleich nicht der Einsatz moderner Technik besser abschneidet; die ganze, enorme Produktivkraftentwicklung im Kapitalismus ist ja die beständige Probe darauf, was sich hier an Manpower durch Hightech ersetzen lässt.

Marx schreibt im »Kapital« (MEW 23, 430), es sei »eins der großen Verdienste« der klassischen politischen Ökonomie, »die Maschinerie nicht nur als Produktionsmittel von Waren, sondern auch von ›überschüssiger Bevölkerung‹ begriffen zu haben.« Aber davon will heute kein Ökonom und Gewerkschaftsvertreter mehr etwas wissen!

[Suitbert Cechura schrieb an dieser Stelle zuletzt am 7. November 2023 über die Widersprüche eines auf Profit orientierten Gesundheitssystems: Auf Verschleiß.]

Aus: junge Welt – Ausgabe vom 04.06.2024 / Seite 12 / Thema: Co-Management

https://www.jungewelt.de/artikel/476663.co-management-auf-verlorenem-posten.html

One Response »

  1. Artikel nacheinander noch einmal komplett von vorne bis hinten – und dann noch einmal – neu (?) zu lesen – mag ja manchmal, andernorts, fürs Begreifen ja auch mal nützlich sein … 🙂

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