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Peter Schadt: Scheinsubjekt Digitalisierung

Von • Jun 21st, 2020 • Kategorie: Allgemein

Scheinsubjekt Digitalisierung

Nicht die neue Technik an sich flexibilisiert die Arbeit und vernichtet Arbeitsplätze. Es ist das Kapital, das sie zu diesem Zweck entwickelt und durchsetzt

Von Peter Schadt

 

In einer Zeit, als niemand das Wort »Digitalisierung« kannte, schrieb Brecht ein Gedicht aus der Sicht eines lesenden Arbeiters.

Darin ließ er diesen die Frage stellen, wer das siebentorige Theben baute. Das lyrische Ich hegt Zweifel daran, dass es die Könige aus den Geschichtsbüchern waren, welche die Felsbrocken herbeischleppten.

Jener Zweifel mag einen auch beschleichen, wenn man heuer die Zeitung aufschlägt. Da wird die Digitalisierung sowohl die Produktion als auch die Produkte der Automobilindustrie »grundlegend verändern«, und verlangt von der Belegschaft natürlich »höchste Flexibilität«. Der klassische Normalarbeitstag passe nicht mehr ins »Zeitalter der Digitalisierung«, gleiches liest man auch von Tarifverträgen, Betriebsräten oder gleich den Gewerkschaften insgesamt.

So wie Brecht darauf hinweisen wollte, dass die Geschichtsbücher den Blick auf die Arbeiter verstellen, ist auch hier ein handfestes Stück Ideologie zu bewundern: »Die Digitalisierung« tut gar nichts. Wer im Besitz eines Smartphones ist, kann sich zwar neuerdings auch von unterwegs an diversen Arbeitsprozessen beteiligen. Wenn er es auch muss, dann aufgrund des ökonomisches Zwecks und Zwangs seines Unternehmens. Der Fortschritt, der hier zu bewundern ist, ist keiner der Reduktion von notwendiger Arbeit zugunsten allerlei nützlicher Dinge. Vielmehr wird der Einsatz von Geld für die Arbeitskraft verringert und werden Lohnkosten für den Lebensunterhalt der Beschäftigten gespart, die nicht mehr gebraucht werden. Das ist dann der »Fortschritt«, um den es in dieser besten aller Welten geht: das Effektivieren der Arbeit rein nach dem Verhältnis Vor- zu Überschuss des Kapitals.

»Die Digitalisierung« übernimmt in Zeitungsartikeln, wissenschaftlichen Studien und Hochglanzbroschüren gerne die Funktion eines Scheinsubjekts. Das heißt auf lateinisch Expletivum und ist den Deutschlehrern unter den Leserinnen und Lesern aus Sätzen bekannt, wo etwas passiert, das niemandem zugeordnet werden kann. Das klassische

Beispiel: »Es« regnet. Hier ist »Es« das Expletivum, das Scheinsubjekt. Genau darum handelt es sich auch bei »der Digitalisierung«. So wird das Kapital mit seinem inhärenten Vermehrungstrieb als wirkliches Subjekt der Entwicklung mit der Technik in eins gesetzt. Überhaupt kennt eine solche Schreib- und Sprechweise nicht mehr Treiber und Getriebene der neuesten industriellen Revolution, sondern nur noch Betroffene. Da müssen »wir« alle dann »neu denken« und uns auf »Neues« einstellen.

Dass hier einerseits die Konzerne ihre Produktion modernisieren, während ihr variables Kapital der Digitalisierung unterworfen wird, erscheint da fast schon als nebensächlich.

 

Chancen und Risiken

 

Mehr als eine technische Frage

 

Das politökonomische Programm

 

Vom Kapital digitalisiert

 

In diesem ökonomischen Verhältnis, in dem das Kapitel tatsächlich die neuen Techniken einsetzt, liegt auch die Quelle der Plausibilität für die Reden von »der Digitalisierung« als Subjekt. Denn es ist nicht einfach nur ein Fehler, von der Digitalisierung zu sprechen, welche Arbeitsplätze vernichtet oder ›unsere‹ Arbeit erleichtert, obwohl es nicht die Technik selbst ist, sondern Unternehmen, die ihre Betriebe umstrukturieren. Es hat auch einen objektiven Aspekt. Wenn Menschen ihre Arbeit verlieren, weil ein Roboter ihre bisherige Tätigkeit übernimmt, dann begegnet den Menschen tatsächlich die Maschinerie selbst als Grund ihrer Entlassung. Die wissenschaftliche Erklärung, dass es die ökonomischen Interessen der Unternehmer sind, welche die Arbeit wegrationalisiert haben, und der Roboter selbst nur Mittel ist, ändert an diesem Oberflächenphänomen nichts – ihnen erscheint ein Verhältnis zwischen Menschen als ein Verhältnis zwischen Mensch und Sache oder gleich als ein sachliches Verhältnis:

»Den letzteren erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten als das, was sie sind, d. h. als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen«⁵ – das ist es, was Marx als Fetisch bezeichnet.

1918 ließ Kaiser Wilhelm die Deutschen wissen, dass er den Krieg (so) nicht gewollt habe. Karl Kraus nahm dieses Diktum auf und legte es in seinem Stück »Die letzten Tage der Menschheit« Gott in den Mund – damit zeigte Kraus den Widersinn auf, wenn ausgerechnet diejenigen, welche als Herrscher über das Schicksal Millionen anderer entscheiden, behaupten, passive Opfer der Verhältnisse zu sein. Auch heute ist speziell von seiten der Politik und der Unternehmen vor allem eines zu lesen: »Die Digitalisierung« zwinge sie zu allem möglichen. Mit ihrem ökonomischen Interesse bringen sie allerdings selbst diejenigen digitalen Techniken hervor, deren Folgen sie am Ende nicht gewollt haben wollen: Werden Arbeiter »substituiert«, die Arbeit »verdichtet« und ganze Berufsgruppen überflüssig gemacht, dann stehen diejenigen Akteure am Ende so begriffslos vor ihrem eigenen Werk wie Kaiser Wilhelm 1918 vor den Scherben seines Kaiserreichs.

 

Vom Autor des vorliegenden Artikels erscheint im August als Papyrossa-Hochschulschrift 107: Die Digitalisierung der deutschen Autoindustrie. Kooperation und Konkurrenz in einer Schlüsselbranche

(400 Seiten, 32 Euro).

 

Aus: junge Welt – Ausgabe vom 11.06.2020 / Seite 12 / Thema: Kapital und Digitalisierung

 

 

https://www.jungewelt.de/artikel/380022.kapital-und-digitalisierung-scheinsubjekt-digitalisierung.html?sstr=Scheinsubjekt%7CDigitalisierung

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