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Theo Wentzke: Neue Waffen der Konkurrenz

Von • Feb 10th, 2024 • Kategorie: Allgemein

Neue Waffen der Konkurrenz
Künstliche Intelligenz erlaubt dem Kapital die Kosten der Ware Arbeitskraft zu senken. Über Gefahren und Grenzen KI-gestützter Technologien
Von Theo Wentzke

KI-Programme lassen sich mit einer riesigen und ständig zu erweiternden Datenbasis darauf trainieren, einen aufgabenspezifisch ausgewählten Datensatz so zu bearbeiten, dass sie ihm vom Programmierer vorgegebene Etikettierungen mit hoher Treffsicherheit zuordnen oder aus ihm einen anderen, statistisch korrespondierenden Datensatz generieren. Das ist sie dann schon, die neue Universaltechnologie, mit der sich menschliche Tätigkeiten automatisieren lassen, die bisher unter die Kategorie »Kopfarbeit« fielen, jedenfalls ein bewusstes und entscheidendes Subjekt voraussetzten. Schier grenzenlos scheint die Anwendbarkeit der Technik, die Tätigkeiten ersetzt, die Erkennen, Verstehen und Entscheiden einschließen.

Indem sie anwendbar ist auf Handel und Produktion, Verkehrswesen, Auskunfteien aller Art, Medizin, Finanzwesen, Staatsverwaltung, Rechtsprechung und Kriegführung, zeigt die KI-Software, aus wie viel Schematismus, stumpfsinniger Regelbefolgung und routinemäßigem Einsortieren von Fällen in fertige Schubladen die intelligenten Tätigkeiten bestehen, auf denen die Leistungsfähigkeit einer modernen Nation beruht – von der Produktivität ihrer Wirtschaft über die Effizienz ihrer staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen bis hin zu ihrer militärischen Potenz.

Die geplanten oder schon installierten Anwendungen dieser Sorte Software zeigen aber auch, wem sie wozu nützt. Abgesehen von den schon alltäglich gewordenen kleinen in Handys verbauten Helfern und Assistenzsystemen für Autos erfahren die normalen Bürger den Fortschritt überwiegend als Gefahr: Die Automatisierung aller möglichen intelligenten Arbeiten bedroht die Erwerbsquellen von Millionen. Sie ist ein Instrument des Kapitals zur Verbilligung des Faktors Arbeit, d. h. zur weiter fortschreitenden Trennung der lohnarbeitenden Menschheit vom Reichtum, den dieses Kollektiv erzeugt, und eines der politischen Herrschaft auf diversen Feldern der Verwaltung, Überwachung und Kontrolle der Gesellschaft sowie ihrer Machtentfaltung nach außen.

Rationalisierung der Produktion

Immanente Schranke

Automatisierter Staat

Intelligente Kriegsmaschinerie

Maschinelle Subjekte?

Die zweite Quelle für den befürchteten Kontrollverlust und die Hypostasierung der Maschinen zu Subjekten, die der Menschheit gegenüberstehen, ist also der Vergleich der Fähigkeiten beider: Die künstliche Superintelligenz soll, wenn nicht heute, so in Bälde, viel leistungsfähiger und klüger sein als wir. Das leuchtet Leuten ein, die Denken und Wollen, Intelligenz eben, immer schon als »Problemlösen« verstanden und definiert haben, als ein transformatives Verhalten, das aus einem Input einen der Situation angepassten Output kreiert. So – auf Basis der falschen Gleichsetzung des Denkens mit seinen nützlichen Leistungen – herrscht Vergleichbarkeit mit den Maschinen, die mit ihren Wahrscheinlichkeitswerten auch so eine Transformation leisten.

Von da aus stellen sich allerhand Verlängerungen in die Science-Fiction-Welt ein: Superintelligenz löscht die Menschheit aus; oder in die Welt sozio-psychologischer Totalentfremdungsszenarien: Die Warner sehen die Gefahr einer »erschlaffenden Menschheit«, die gegenüber ihren Apparaten in eine neue Herr-Knecht-Dialektik gerät: Sie lässt sich von denen so gut bedienen, dass sie nichts mehr selber kann und weiß und sich völlig antriebslos von ihrem Maschinenpark regieren lässt. Der ist zwar von Menschenhand geschaffen, triumphiert am Ende aber durch umfassende Bedienung, von der er seine Schöpfer abhängig macht, über diese.

Zum Glück finden die Warner Adressaten, die sich für die Rettung der Menschheit zuständig wissen. Das sind genau die politischen Entscheidungsträger, die die Sache finanzieren und in die Welt setzen. Denen bietet der Branchenprimus Open-AI seine Mithilfe beim großen Retten an: »Wir brauchen wissenschaftliche und technische Durchbrüche, um KI-Systeme zu steuern und zu kontrollieren, die viel klüger sind als wir.«³ Gegen die furchtbaren Gefahren der superklugen KI hilft nur noch mehr, noch ausgefeiltere KI. Echt clever, die selbstkritischen Jungs – oder hat sich das eine machtgeile KI ausgedacht?

Mehr zum Thema in Heft 4-23 der Zeitschrift Gegenstandpunkt.

Aus: junge Welt – Ausgabe vom 08.02.2024 / Seite 12 / Thema: PRODUKTIVKRAFTENTWICKLUNG

https://www.jungewelt.de/artikel/468906.produktivkraftentwicklung-neue-waffen-der-konkurrenz.html

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