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Theo Wentzke: Konformistische Rebellion

Von • Apr 6th, 2022 • Kategorie: Allgemein

Konformistische Rebellion

 

»Querdenker«, »Demokratischer Widerstand«, »Freie Sachsen«. Protest aus lauter Identität mit den kapitalistischen Lebensverhältnissen

Von Theo Wentzke

 

Bei seinem Kampf um die Volksgesundheit in Pandemiezeiten trifft der bundesdeutsche Staat auf eine neue Art Gegnerschaft. Er sieht sich konfrontiert mit Protest gegen seine seuchenpolitischen Maßnahmen, mit offensiver Missachtung der verordneten Hygieneregeln sowie mit Hassattacken auf Politiker. Der Verfassungsschutz diagnostiziert einen neuen, »den Staat delegitimierenden Extremismus«, der natürlich nicht geduldet werden kann, weil die Staatsmacht schließlich ein Recht darauf hat, von den Bürgern als legitime Herrschaft anerkannt zu werden. Die andere Seite sieht sich ebenfalls im Recht, wenn sie gegen »Freiheitsberaubung« und »Coronadiktatur« aufsteht: Wo Recht zu Unrecht wird – so ihre erzdemokratische Rechtfertigung – wird Widerstand zur Pflicht!

Wenn Gastwirte, die ihr Lokal schließen müssen, Soloselbständige, die ihr Einkommen verlieren und auf staatliche Hilfen angewiesen sind, Naturheilkundler, die ihr Immunsystem durch Impfungen bedroht sehen, gestresste Eltern im Homeoffice und Anhänger der Clubszene, die tanzen wollen, sich zum »Querdenken« entschließen, dann ärgern sie sich nur in erster Instanz über die Wirkungen der seuchenpolitischen Eingriffe des Staates.

Ihre verschiedenen, von der läppischen Zumutung der Maske bis zur Gefährdung der wirtschaftlichen Existenz reichenden Betroffenheiten vereinheitlichen sie und lassen sie aufgehen in dem ungeheuren Vorwurf, die verfassungsmäßige Freiheit werde abgeschafft. Sie legen sich quer gegen den für sie unfassbaren nationalen Konsens, der die coronapolitischen Verordnungen als vernünftig, weil in der gegebenen Situation nötig, akzeptiert. Die Hinnahme der Eingriffe ins hohe Gut der Freiheit erklären sie sich als Produkt einer Gleichschaltung der Meinungen, für die sie die Politiker, die zusammen mit dem medizinischen Sachverstand das Virus hochjazzen, die »Lügenpresse«, die alternative Auffassungen totschweigt, vor allem aber staatsgläubige Bürger verantwortlich machen, die sich von ein bisschen Angstmache so billig ihre Freiheit abhandeln lassen und brav gehorchen, wenn die Herrschenden befehlen.

Dem Meinungsterror dieser geschlossenen Front widersetzen sie sich als die wahren Demokraten, die sich eigene Gedanken und ihre Selbstbestimmung nicht verbieten lassen: Sie bestreiten dem Konsens seine Vernunft und dem Staat jedes Recht zu seinen Eingriffen.

 

Verbote sind kein Schutz!

Bürgerfreiheit und staatlicher Garant

Radikalisierte Normalbürger

Abgrund an Freiheitsverrat

 

Es gibt offenbar nicht sehr viele Varianten, sich im tiefen Glauben an eine eigentliche Harmonie von politischer Herrschaft und beherrschtem Volk über deren Abwesenheit aufzuregen.

Aber eine linke Variante gibt es schon noch: Sie weiß – das ist das Linke an ihr –, dass hinter der Gesundheitsdiktatur nicht einfach machtgeile Personen stecken, sondern System. Dass der Staat nicht im Sinn des Volkes, sondern gegen es agiert, erklärt diese linke Abteilung – wie könnte es anders sein – mit der Krise des Kapitalismus, dem universellen Sachzwang zum Kujonieren der Massen: »Weil das bisherige Akkumulations- und das mit ihm verbundene exzessive Globalisierungsmodell der letzten etwa 50 Jahre an seine Grenzen gekommen war«, haben die Herrschenden »beschlossen, die Reißleine zu ziehen« – »und so ›ereignete‹ sich seit März 2020 das, was die Menschheit als Coronakrise zu gewärtigen hat«.⁹

Was das Virus und die staatlichen Maßnahmen gegen seine Verbreitung mit einem Akkumulationsmodell und dessen Grenzen zu tun haben? Bill Gates und die Drahtzieher vom Davoser Weltwirtschaftsforum werden es schon wissen … Auch linksherum lässt sich ein geheimer Zusammenschluss der Mächtigen beschwören, in dessen Licht die Coronapolitik ihren wahren Sinn offenbart: Der »finanzkapitalistisch-staatsterroristisch-militärisch-industrielle Kommunikationskomplex« betreibt die Rettung eines unhaltbar gewordenen Akkumulationsmodells.¹⁰

Letzteres ist den normal unzufriedenen, queren Bürgern, die im Mitlatschen auf Anticoronademos ihre Freiheit genießen, wahrscheinlich zu quer. Aber es langt ja fürs Mitmachen, was den Verfassungsschutz mit seinem »rechts/links/Ausländer«-Schema vor Rätsel stellt: »Querdenker« und -innen brauchen es gar nicht ausdrücken zu können – sie leben, jedenfalls in den seligmachenden Viertelstunden ihrer Umzüge, den Schwindel vom selbstbestimmten Kollektiv Gleichgesinnter, das vor und unabhängig von seiner verhaltensauffälligen Regierung existiert und als Auftraggeber über ihr steht; also vom Volk, das in ihrer Phantasie von niemandem beherrscht wird als von sich selbst. Aus diesem Hochgefühl frisch entdeckter Selbstbestimmung heraus animieren sie den Rest der nationalen Herde, die von der »Lügenpresse« in die Irre geführten »Schlafschafe«, zum Ausgang aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit: »Denk doch mal selber nach!!!«

Das geht ganz leicht. Mitspazieren reicht: für den Genuss der Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, die sich durch das Recht auszeichnet, »die anderen« zu verachten. Nämlich als dumme Masse, die mit ihrem Gehorsam selbst erzeugt, worunter sie sich unterwirft: »Tyrants don’t create the tyranny. Your obedience does.«¹¹ Selbsteln macht frei; »die anderen« doof finden verbindet. So geht Oppositionsgeist heute.

 

 

Dieser Artikel erschien als Teil einer alternativen Bilanz von 16 Jahren Merkel im aktuellen Heft 1/2022 der Zeitschrift Gegenstandpunkt. Die gesamte Bilanz ist zu beziehen unter:

https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/16-jahre-merkel-eine-alternative-bilanz

 

Theo Wentzke schrieb an dieser Stelle zuletzt am 23. März 2021 über die Einführung des Bitcoins als Zahlungsmittel in El Salvador als riskantes Manöver aus der US-Abhängigkeit.

 

 

Aus: junge Welt – Ausgabe vom 05.04.2022 / Seite 12 / Thema: Protestkultur

 

https://www.jungewelt.de/artikel/424065.protestkultur-konformistische-rebellion.html

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