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Pandemie XI: Bleibende Lehren aus der Corona-Krise Wer oder was ist systemrelevant?

Von • Jul 12th, 2020 • Kategorie: Allgemein

Vorab aus GS 3-20 (18.09.2020):

 

Pandemie XI: Bleibende Lehren aus der Corona-Krise Wer oder was ist systemrelevant?

 

Auf einmal waren gar nicht, wie vor 12 Jahren, die großen Banken „systemrelevant“ – „too big to fail“, sodass sie mit Milliardenhilfen vom Staat gerettet werden mussten –, sondern die vielen kleinen Leute, die in der Sondersituation der Pandemie und des staatlich verfügten Shutdown als unentbehrliche Dienstkräfte entdeckt wurden: Krankenschwestern und Supermarktkassiererinnen, Müllmänner und Postboten bekamen das Etikett „systemrelevant“ angeheftet wie einen Orden, so als wäre das das denkbar größte Kompliment. Sie bekamen Applaus vom in Quarantäne verbannten Publikum; Politiker verstiegen sich zu der Idee einer ein paar Hunderter schweren Anerkennungsprämie für überlastete Pflegekräfte: ein Anfall von Dankbarkeit quer durch die von Infektionsgefahr und staatlicher Seuchenbekämpfung irritierte Gesellschaft.

Von Dauer war der nicht. Und in ihren praktischen Maßnahmen hat die Staatsgewalt sich sowieso nicht auf moralische Abwege begeben. Mit einem Billionenprogramm zur Sicherung der marktwirtschaftlich unbedingt erforderlichen Liquidität hat sie sich nach der Notwendigkeit gerichtet, die ihr freiheitliches System tatsächlich beherrscht. Und im Einzelnen hat sie das Kriterium der Systemrelevanz sehr sachgerecht ausbuchstabiert. (…)

Von der (Anerkennung) können die verschiedenen systemrelevanten Minderheiten sich zwar nichts kaufen, weder buchstäblich noch im übertragenen Sinn. Objektiv sind sie ohnehin nicht mehr und nicht weniger relevant als jedes Mitglied, das im System der kapitalistischen Konkurrenz und deren staatlicher Betreuung seinen Platz gefunden hat und den mit den verlangten Diensten ausfüllt; und weil das letztlich allen Beteiligten klar ist, verliert sich die besondere Wertschätzung mit der Zeit.

Solange sie anhält, tragen diese guten Menschen aber doch noch einen durchaus relevanten Extradienst zum System bei: Sie legen Ehre ein für den ganzen Laden, in dem sie verschlissen werden. Ungewollt legen sie Zeugnis davon ab, wie relevant für den der alberne Anschein ist, in ihm ginge es in Wahrheit und tief im Innern doch um ganz was anderes – um das Wahre und Gute und so Sachen – als … um Geld und Kredit.

 

 

https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/was-ist-systemrelevant

2 Responses »

  1. Gegenstandpunkt – Serie: Pandemie XII

    Das Virus provoziert eine Klärung des Verhältnisses von Glaube, Wissen und Macht in der Demokratie

    Bild übt sich in Wissenschaftskritik

    Natürlich nicht ernsthaft und auch nicht selbst. Unter der Überschrift Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch. Wie lange weiß der Star-Virologe schon davon? (Bild, 25.5.20) zitiert das Blatt renommierte Statistiker, die der Vorveröffentlichung einer Studie aus der Charité über die Viruslast bei infizierten Kindern Verbesserungsvorschläge zur statistischen Auswertung beisteuern und die sich selbstverständlich sofort gegen die Verwendung ihrer Beiträge zur Diskreditierung des bekanntesten deutschen Virologen durch Bild verwahren. Das Massenblatt ficht das nicht weiter an… (Forts.)

    https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/glaube-wissen-macht

  2. Theo Wentzke: Pandemie und Ökonomie (jw, 31.07.20)
    „Hauptsache zahlungsfähig“
    Wer oder was ist systemrelevant? Bleibende Lehren aus der Coronakrise

    Auf einmal waren gar nicht, wie vor zwölf Jahren, die großen Banken »systemrelevant« – »too big to fail«, so dass sie mit Milliardenhilfen vom Staat gerettet werden mussten –, sondern die vielen kleinen Leute, die in der Sondersituation der Pandemie und des staatlich verfügten Shutdown als unentbehrliche Dienstkräfte entdeckt wurden: Krankenschwestern und Supermarktkassiererinnen, Müllmänner und Postboten bekamen das Etikett »systemrelevant« angeheftet wie einen Orden, so als wäre dies das denkbar größte Kompliment. Sie bekamen Applaus vom in Quarantäne verbannten Publikum; Politiker verstiegen sich zu der Idee einer ein paar Hunderter schweren Anerkennungsprämie für überlastete Pflegekräfte: ein Anfall von Dankbarkeit quer durch die von Infektionsgefahr und staatlicher Seuchenbekämpfung irritierte Gesellschaft.

    Von Dauer war der nicht. Und in ihren praktischen Maßnahmen hat die Staatsgewalt sich sowieso nicht auf moralische Abwege begeben. Mit einem Billionenprogramm zur Sicherung der marktwirtschaftlich unbedingt erforderlichen Liquidität hat sie sich nach der Notwendigkeit gerichtet, die ihr freiheitliches System tatsächlich beherrscht. Und im einzelnen hat sie das Kriterium der Systemrelevanz sehr sachgerecht ausbuchstabiert… (Forts.)

    https://www.jungewelt.de/artikel/383269.pandemie-und-%C3%B6konomie-hauptsache-zahlungsf%C3%A4hig.html

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