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Kritik an Ideologien, Aufklärung über populäre Irrtümer, Kommentare zum Zeitgeschehen

[online] 02.12.2014 | Wien | Der Pluralismus der Gesellschaftswissenschaften

Von • Dez 2nd, 2014 • Kategorie: Veranstaltungen

Die Aufzeichnung einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit Peter Decker am 2. Dezember 2014 in Wien ist jetzt im Archiv der Sendereihe „Vekks“ (Radio Orange Wien) online verfügbar.

 

Der Pluralismus der Gesellschaftswissenschaften – Anstandsregeln einer falschen Wissenschaft

 

 

Ankündigung:

Eigentlich liegt es ja auf der Hand: Fächer, in denen verschiedene Meinungen über denselben Gegenstand kursieren, haben es zu gültigem, überzeugenden Wissen nicht gebracht. Früher haben das manche Vertreter der Gesellschaftswissenschaften auch noch so gesehen: Sie haben am Unterschied zur Objektivität und Unumstrittenheit naturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse gelitten und wollten ähnlich haltbare Einsichten erst noch erzielen. Inzwischen ist jede Unzufriedenheit über den Stand des Wissens an den philosophischen Fakultäten ausgestorben. Der Zustand des Nicht-Wissens ist endgültig.

Der Auftraggeber der Universität, der Staat, feuert Forscher nicht etwa, die es zu Wissen nicht bringen, sondern schützt mit dem Toleranzgebot den Zustand des beliebigen Meinens, zu dem es seine großen Geister gebracht haben. Die rechtlich geregelte Wissenschaftsfreiheit, die er gewährt, hat in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften den Sinn einer Freiheit des Wissenschaftlers gegenüber dem Wissen. Der Staat sichert seinen Wissenschaftsbeamten das Recht, sich ihre persönliche „Lehrmeinung“ von niemandem – weder von Kollegen noch Studenten, weder von besseren Argumenten noch von moralischer Missbilligung – bestreiten lassen zu müssen. Er setzt die Partikularität und individuelle Eitelkeit seiner bezahlten Denker ins Recht. Die Autorität des Wissens ist ersetzt durch die Autorität derjenigen Personen, die es geschafft haben, eine Lehrbefugnis zu ergattern. Die Autorität des Amtes macht die subjektive Lehrmeinung verbindlich – freilich nur innerhalb Reichweite des Amtes: in Vorlesungen und Prüfungen des jeweiligen Lehrstuhlinhabers. Im anderen Hörsaal gilt die Lehre des anderen Dozenten. Zwischen den vielen Theorien, die dieselbe Sache verschieden erklären, sich also wechselseitig bestreiten, herrscht Toleranz.

Richtige Einsicht in ihr Funktionieren und ihre Prinzipien kann die Gesellschaft, die sich so eine Wissenschaft leistet, offenbar nicht brauchen. Das wirft kein gutes Licht auf sie – und kein gutes Licht auf die Wissenschaft, die gerade durch den Verzicht auf Wahrheit ihrem Auftraggeber nützlich ist. Kein Wunder, dass „Theorie“ einen so schlechten Ruf genießt: „Theoretisch“ ein Wort, das wissenschaftliche Notwendigkeit ankündigt, bedeutet heute so viel wie „bloß möglich“.

Die Theoretiker dieser Gesellschaft haben ein ganzes System wissenschaftlicher Anstandsregeln ausgebildet, mit denen sie den Gegensatz ihrer Ansichten betätigen, ohne sich zu kritisieren. Vom System dieser Regeln wird der Vortrag handeln.

 

https://gdhv.wordpress.com/2014/11/22/02-12-wien-peter-decker-der-pluralismus-der-gesellschaftswissenschaften/

 

 

 

Mitschnitt:

 

I. Ein Beispiel: Was die Disziplinen zum Geld zu sagen haben.

 

II. Das Faktum des Pluralismus und der Umgang damit: Verkehrsformen des akademischen Diskurses

 

http://cba.fro.at/280263

 

 

III. Die Verkehrsformen des Pluralismus definieren den Status von Theorie – und ihren Inhalt

 

DISKUSSION:

 

– Warum hält sich der Staat seine Universitäten?

 

– Wie wird der Pluralismus durchgesetzt?

 

http://cba.fro.at/280328

One Response »

  1. Bei Facebook dazu gefunden:

    Kommentar 1: Man müßte als Neuankömmling an den Unis eigentlich „angeekelt sein“ so „Abscheulich“ und „wissenschaftsfeindlich“ es an Unis zugeht, hat Peter Decker beim gleichen Vortrag in München vor fast zehn Jahren mal gesagt. Aber nur, wenn man an Wissenschaft und damit richtigen Erkenntnissen über unsere gesellschaftlichen Verhältnisse interessiert ist. Wenn man nur einen schönen Job ergattern will, wenn man nur Sieger in der offensichtlich fast nur Verlierer produzierenden Konkurrenz werden will, dann juckt einen das doch nicht die Bohne, dann marschiert man stramm durch seine BWL-Seminare oder studiert „Geschichte fürs höhere Lehramt“ und schon ist man fein raus.

    Es ist zugegebenermaßen schon eine halbe Ewigkeit her, daß Peter Decker und seine Genossen mit ihrer Wissenschaftskritik an deutschen Unis interveniert haben (wer so was macht „fliegt raus“, das war ja eine bittere Erfahrung der 70er Jahre der MG) und der Ansatz des GSP ist jetzt ganz offensichtlich auch nicht mehr, Kommunisten an den Unis dadurch zu gewinnen, daß man inhaltlich akribisch aufzeigt, was der interessierte bürgerliche Unsinn an all dem geisteswissenschaftlichem Gewese ist, was da so getrieben wird. Jetzt kann man bei ihm nur noch ganz implizit heraushören, daß er diese Kritik als Kommunist vorträgt. Der eben weiß, daß eine Klassengesellschaft solche Unis braucht und vom kapitalistischen Staat hindekretiert bekommt. Welchen gesellschaftlichen Interessen solch ein „Wissenschafts“wesen dient, kommt deshalb auch gar nicht mehr vor.

    Deshalb ist auch nicht verwunderlich, daß dieser Vortrag, den Peter Decker ja in den letzten zehn Jahren mehrfach gehalten hat (z.B. in Erlangen und in Berlin) regelmäßig glatt abprallt an der ja fast geschlossen an grundlegender Gesellschaftskritik, erst recht an kommunistischer Opposition desinteressierter Studentenschaft. Schade aber auch.

    Mir scheint zudem, daß Decker im Laufe der Jahre selbst bei diesem Vortrag immer weiter zurücksteckt: Noch vor zwei Jahren hat er z.B. zum Schluß eine eigentlich recht harsche Kritik am grundlegenden Charakter all der in all ihrer Differenziertheit ja einfach nur falschen Kulturwissenschaften betont. Daß es solchen Wissenschaftlern gar nicht mehr darum geht, möglichst richtig zu erfassen, um was es in dieser Welt eben geht, sondern nur noch darum, bei den Konsumenten ihrer Wissenschaftspredigten das Gefühl zu erzeugen, sie hätten das nun alles verstanden, aber dies nicht im Sinne von korrekt erkannt sondern im Sinne von nachvollzogen und gebilligt. Auch diesen „Wissenschaften“ geht es also darum, Menschen eine Sinnstiftung zu geben (wie seitens der Religionen) von gesellschaftlichen Verhältnissen, die sie gar nicht kontrollieren, das gilt übrigens genauso für die linkeren Varianten, z.B. bei Attac- oder Linkspartei-Wirtschafts“wissenschaftlern, die auch nur verkünden, daß es grundlegend eigentlich so weiter gehen könnte wie bisher, wenn man nur etwas an den staatspolitischen Stellschrauben drehen würde (Kapitalismus eigentlich gut, nur aktuelle Regierung schlecht). Die also gar nicht einfühlend verstanden, sondern abgeschafft gehören. Und dann schließt sich auch der Kreis zur Frage, warum es den kapitalistischen Staaten soviel Aufwand wert war und ist, ganze Unis wurden dazu in den letzten Jahrzehnten ja aus dem Boden gestampft. Diesen Verhältnissen, die von eklatanten Klassengegensätzen geprägt sind, soll der ideologische Mantel des Objektiven, im Grunde unabänderlichen zugeschrieben werden. Wo dann Wissenschaft in Bezug auf die gesellschaftlich politisch sozialen Verhältnisse runtergekocht wird auf Pendants zur Metereologie, die einem gerade mal mit Ach und Krach sagt, wann man besser einen Schirm mitnehmen sollte.

    Kommentar 2: Mir ist beim Anhören von dem Vortrag zu Hause aufgefallen, wie sich die Wissenschaft seit meinen seligen Studienzeiten noch weiterentwickelt hat und inzwischen völlig selbstzufrieden in dem Methoden-Schmarrn aufgeht, der sich von jedem GEGENSTAND verabschiedet hat.

    Kommentar3: Ja, dieser „Methoden-Schmarrn“ ist in der Tat noch eine Drehung weiter in der Entwissenschaftlichung. Nur hat das Methode und Sinn (im Sinne von Nutzen für den Bestand der heutigen Gesellschaft) und ist keine Abweichung von einem eigentlich von allen, die sich in diesem Bereich rumtreiben, für richtig angesehen Weg. Eine Klassengesellschaft kann überhaupt nicht anders das gesellschaftliche Leben bespiegeln, „erklären“, usw, als zu immer blöderen Quark semireligiöser Sinnstiftung zu verkommen.
    Daß heutzutage die Unimenschen, Studenten wie Beschäftigte, nur noch an dem Weiterkommen in diesem bescheuerten Ideologiezirkus interessiert sind, fast geschlossen wirklich nur die „Jobs der Elite“ ergattern wollen, sollte kein Grund sein, nicht auch dort nach den paar Kommunisten zu suchen (bzw. die Leute auch dort dazu zu bringen, welche zu sein), die dann was anderes wirklich Nützliches machen könnten. Der GSP, hier verkörpert durch seinen historischen Wortführer Decker, scheint das fast vollständig aufgegeben zu haben. Jedenfalls mit der vor Jahrzehnten ja sehr umfänglich vorgelegten „Wissenschafts“-Kritik, die so heute ja schon lange nicht mehr weitergeführt wurde.

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