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[online] 17.01.2012 | Wien | Die Krise des globalen Finanzsystems und ihre Bewältigung

Von • Jan 17th, 2012 • Kategorie: Veranstaltungen

Zeit: Dienstag | 17.01.2012 | 19:00 Uhr
Ort: Uni Wien | Neues Institutsgebäude (NIG) HS 1 | Universitätsstraße 7 | 1010 Wien
Veranstalter: GegenStandpunkt Verlag und GegenArgumente Wien

Die Krise des globalen Finanzsystems und ihre Bewältigung: Die Weltwirtschaftsmächte kämpfen um ihren Kredit – gegeneinander!

Referentin: Prof. Margaret Wirth (Bremen)

Die Krise auf den Finanzmärkten hat sich zu einer Staatsschuldenkrise ausgewachsen. Die finanzkapitalistischen Investoren, die neulich von den Staaten mit gigantischen Kreditsummen aus ihrer Krise herausgekauft wurden, entziehen sukzessive den Staatsanleihen ihr Vertrauen: Etliche Staaten bekommen nur noch zu höheren Zinsen Kredit, manchen Staaten droht der Kreditentzug. So beginnt die nächste Etappe: Entwertete Staatspapiere, Schuldenschnitte wie bei Griechenland, ev. der komplette Zahlungsausfall eines Landes – all das beschwört die nächste Bankenkrise herauf, weil die Großen der Branche zu den wichtigsten Investoren in jene Staatsanleihen gehören, die mehr und mehr wertlos werden. Im Gefolge droht eine neue Rezession, am Ende womöglich das Aus für das Geld, in dem europaweit gewirtschaftet wird.

Angesichts dessen beschwören europäische Politiker den Schulterschluss aller betroffenen Nationen samt Völkern. „WIR müssen die Krise des Euro um jeden Preis bewältigen!“ Damit soll die Zustimmung der Völker zu allen Härten und materiellen Einbußen gewonnen werden, die die Regierungen ankündigen: Um das Vertrauen der Finanzmärkte in den Euro zurückzugewinnen, müssen nicht nur neue, gewaltige Kreditmassen her; mit einer radikalen Sparpolitik, einer durchgreifenden Verarmung der Massen treten Europas Regierungen den Beweis an, dass ab sofort solide gewirtschaftet wird. So wenig die Regierungen garantieren wollen, dass ihre immer neuen Rettungsschirme die „Märkte“ irgendwann überzeugen, so sicher ist, wie die Regierten in der Krisenbewältigung vorkommen: An der Absenkung ihres Lebensstandards führt kein Weg vorbei, wenn das europäische Geld gerettet werden soll.

Von wegen, WIR müssen die Krise des Euro bewältigen! Schon nach dieser Seite hin ist die Bewältigung der Krise ein eigenartiges Gemeinschaftswerk. Die politischen Machthaber erklären ihre Maßnahmen für alternativlos, die Massen müssen ihre Verarmung ausbaden – im Zweifelsfall setzt es Polizeigewalt gegen Protestierer. Die Krisenbewältigung als groß angelegtes Gemeinschaftswerk ist aber noch in einer Hinsicht verlogen. Je mehr die Krise voranschreitet, desto mehr wird deutlich: Ihre Bewältigung findet nicht als Gemeinschaftsaktion der Staaten, sondern als Kampf zwischen ihnen statt.

– In Europa sowieso: Unter tatkräftiger Anleitung der deutschen Regierung wird die Rettung des Euro zum Kampfprogramm für neue Verhältnisse zwischen den Euro-Staaten – um die Unterordnung der europäischen Staaten unter ein neues Finanzregime, unter Führung und Anleitung Deutschlands. Ohne Aufgabe des Allerheiligsten jeden Staates, nämlich der Souveränität über den nationalen Haushalt, ist eine Rettung des gemeinsamen Geldes nicht zu haben, so die deutsche Kanzlerin. Die anderen Staaten im Euro-Land wissen offenbar Gründe, sich der deutschen Vorgabe zu fügen. Warum das sein muss, wird nicht verschwiegen: Europa und sein Geld sollen „gestärkt aus der Krise hervorgehen“ (Merkel) – dabei geht es um dieses Geld in seiner Rolle als weltweit verwendetes Geschäftsmittel. So soll die Finanzmacht Europas gegen den Konkurrenten USA und seinen dominierenden Dollar vorangebracht werden – das ist das Programm, für das die Völker Europas jedes Opfer bringen sollen.

– Die Rettung des Euro ist also zugleich ein Kampfprogramm gegen die USA. Genauso nimmt die amerikanische Regierung es auch. Die mächtigste Nation der Welt hat selbst mit einer Krise ihres Kredits und ihrer Wirtschaft zu kämpfen. In dem Maße, wie die Entwertung europäischer Staatsschuldtitel fortschreitet, sieht die amerikanische Führungsmannschaft auch amerikanische Banken in Mitleidenschaft gezogen und Europa als Markt für amerikanische Waren betroffen.

Konsequent nehmen amerikanische Politiker das deutsch-europäische Rettungsprogramm als Angriff auf ihre Finanzmacht – und verlangen von europäischen Politikern Maßnahmen, die die USA bei deren Antikrisenpolitik unterstützen, statt Amerika in die Quere zu kommen.

Davon wollen Merkel und Co. nichts wissen. So eskaliert mit jeder europäischen Beschlussrunde der Streit mit den USA.

Von wegen, mit der „Globalisierung“ und „Liberalisierung“ aller Märkte und Finanzmärkte sei ein neues Zeitalter der friedlichen Beziehungen zwischen den Nationen eingeleitet! Auf diesen „Märkten“ kämpfen nicht nur Unternehmen und Banken um Absatz und Gewinn; da kämpfen Staaten gegeneinander darum, wer von ihnen vom weltweiten Handel und Wandel und vom globalisierten Finanzgeschäft profitiert. Nichts Geringeres als die Finanzmacht jedes Staates hängt davon ab, wie dieser Konkurrenzkampf ausgeht: Welcher Nation das Weltgeschäft gute Bilanzen und ein gutes, weltweit benutzbares Geld verschafft, wo sich umgekehrt Verluste und Schulden bilanzieren.

Die Krise legt offen, wie unerquicklich es bei dieser Konkurrenz der Nationen zugeht. In den Jahren des Wachstums haben sich die Euro-Staaten in Gewinner und Verlierer sortiert; jetzt nutzt der Konkurrenzgewinner Deutschland seine neugewonnene Finanzmacht, um die Konkurrenzverlierer auf sein Rettungsprogramm zu verpflichten. Mit der Krise steht auch der deutsche Nutzen des Euro auf dem Spiel: In den letzten Jahren ist der Euro zu einer maßgeblichen Weltwährung neben und in Konkurrenz zum Dollar aufgestiegen. Genau deshalb wirft die Krise des Kredits für die staatlichen Herren des Dollar und des Euro die Frage auf, wessen Geld sich des zweifelhaft gewordenen Vertrauens der Finanzwelt neu versichern kann.

Die wechselseitige Abhängigkeit aller Geschäfte in Dollar und Euro, in Zeiten des globalen Wachstums institutionalisiert, hat nicht zur Folge, dass sich die Hüter und Nutznießer dieser Weltgelder in ihrem Kampf um die Rettung ihres Kredits mäßigen. Im Gegenteil: Mit dem Antrag an China, Japan und Co., einen Teil ihrer Devisenreserven vom Dollar in den Euro umzuschichten, erhebt Europa sein Krisenrettungsprogramm in den Rang einer weltpolitischen Affäre. Die USA zeigen mit ihrer pazifischen Initiative, dass sie noch ganz andere Wege kennen, um sich neue Quellen ihres Reichtums zu erschließen. So geht die Krise ihren Gang.

http://www.gegenargumente.at/veranstaltung/veranstaltung_17_01_12.htm

 

Update:

Die Aufzeichnung der Veranstaltung steht im Archiv der Sendung Vekks (Radio Orange Wien) zum Download bereit.

Teil 1:

http://sendungsarchiv.o94.at/get.php/094pr5946

http://sendungsarchiv.o94.at/getFile.php/Margaret1_96kbps_1chn_44100Hz.mp3?audio=1&id=094pr5946&filename=Margaret1_96kbps_1chn_44100Hz.mp3

Teil 2:

http://sendungsarchiv.o94.at/get.php/094pr5950

http://sendungsarchiv.o94.at/getFile.php/Margaret2_96kbps_1chn_44100Hz.mp3?audio=1&id=094pr5950&filename=Margaret2_96kbps_1chn_44100Hz.mp3

Teil 3:

http://sendungsarchiv.o94.at/get.php/094pr5951

http://sendungsarchiv.o94.at/getFile.php/Margaret3_96kbps_1chn_44100Hz.mp3?audio=1&id=094pr5951&filename=Margaret3_96kbps_1chn_44100Hz.mp3

Gelegenheit weiterzudiskutieren gibt es auf dem Folgetermin:

Hinweis auf Folgetermin

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