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[05/2009] Das Wachstum

Von • Mai 25th, 2009 • Kategorie: Artikel

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Die Analyse des GEGENSTANDPUNKT-Verlags in Radio Lora Mnchen vom 11. Mai 2009

Das Wachstum

Wir brauchen dringend wieder Wachstum (Angela Merkel)

Es herrscht groe Besorgnis: Das Wachstum ist weg; die Wirtschaft schrumpft. Der Staat hlt milliardenschwere Konjunkturprogramme fr notwendig, damit die Wirtschaft wieder anspringen und uns mit positiven Wachstumszahlen erfreuen mge. Zeit fr die Fragen: Was ist das Wachstum und warum ist es so wichtig? Und vor allem: Wer ist das Wir, das laut Merkel dringend wieder Wachstum braucht?

Die Verfechter der Marktwirtschaft behaupten, deren besonderer Vorzug bestehe und das htten schlielich auch die frheren Ostblock-Staaten eingesehen in der umfangreichen Versorgung mit schnen und ntzlichen Gtern, und dafr bruchte es das Wachstum. Dann ist aber die zurzeit herrschende Besorgnis nicht zu verstehen. Wenn es wirklich um die Bereitstellung von ausreichend vielen ntzlichen Gtern geht wo ist das Problem? Fnf Prozent weniger Wachstum, das entsprche in etwa der Wirtschaftsleistung des Jahres 2006 und das galt als ein gutes Jahr. Niemand sprach damals von einem Mangel an Computern, Autos, Dienstleistungen usw. Und es wird wohl keiner leugnen, dass man mit derselben Produktion, sofern es denn wirklich um die Versorgung mit Gtern ginge, auch im Jahr 2009 ganz gut ber die Runden kommen wrde. Aber das ist natrlich eine mige berlegung.

Wie jeder wei, besteht das Wachstum, um das sich alle Welt jetzt solche Sorgen macht, nicht in der Zunahme ntzlicher Gter, sondern in der Zunahme des Bruttosozialprodukts das ist die entscheidende Kennziffer. In dem werden nicht Stcke, Kilos oder Kalorien zusammengezhlt, sondern Preise, und diese Summe, also die Addition von lauter Geldbetrgen, muss von Jahr zu Jahr mehr werden. Da geht es also nicht um Gter, mit denen die Menschheit versorgt werden kann, sondern um Waren. Vor jeder Versorgung steht der Zwang, die Waren bezahlen zu mssen; es geht nicht um Bedrfnis oder Bedarf, sondern ob man ber Geld verfgt: Das will der kapitalistische Produzent sehen, bevor er seine Waren herausrckt, und selbstverstndlich muss fr ihn ein Gewinn herausspringen. Ob Gter produziert werden, hngt also gnzlich davon ab, ob sie als Waren auf dem Markt gewinnbringend verkauft werden knnen, und was ein Unternehmer produziert, interessiert ihn ausschlielich unter diesem Gesichtspunkt.

Diese Gleichgltigkeit gegenber dem Nutzen eines Gutes zeigt sich am schlagendsten, wenn der Unternehmer, weil anderswo ein hherer Gewinn winkt, seine Produktion aufgibt und sein Kapital in eine andere Sphre wirft. Selbst die eine oder andere Naturkatastrophe oder ein Anstieg der Autounflle knnen dem Wachstum sehr frderlich sein, weil das jedes Mal fr Kapitalisten eine Geschftsgelegenheit ist: Da werden zwar Werte vernichtet, aber an ihre Stelle treten Waren oder Dienstleistungen, also Verkufe von Kapitalisten, mit denen sie ihr Kapital verwerten, und die Verkufe lassen das Bruttosozialprodukt anschwellen.

Die Kapitalisten sind die Akteure und Reprsentanten dessen, was in dieser Gesellschaft Reichtum ist: nicht die Anhufung ntzlicher Gter, sondern das Geld, zu dem diese Gter verkauft werden. Alles gesellschaftliche Leben die Versorgung von Bedrfnissen sind der Privatmacht des Geldes unterworfen und dienen dessen Zweck, aus Geld mehr Geld zu machen. Das Geld, das der gewhnliche Mensch in der Tasche hat, ist dazu da und reicht, wenn er Glck hat, sich die Waren zu kaufen, die er frs Leben braucht sein Geld ist dann weg und landet mit eherner Regelmigkeit bei dem, der diese Waren hergestellt hat. Der setzt seine Produktion fort, wenn sich durch den Rckfluss dieses Geldes seine Geldsumme vermehrt hat, wenn nicht, dann lsst er es bleiben.

Anders ausgedrckt: Ein Kapitalist veranstaltet eine Produktion nur zu dem Zweck, sein Kapital zu vermehren; ob und welche Gter hergestellt werden, hngt ganz und gar davon ab, ob sie den Dienst der Kapitalvermehrung leisten. Und noch anders ausgedrckt: Die zuvor als mig bezeichnete berlegung, dass die Gesellschaft mit der Produktion des Jahres 2006 doch auch ganz gut bedient wre, ist fr den Kapitalisten eine Absurditt: Damit wre sein Zweck berhaupt nicht erfllt, im Gegenteil: Wenn sich sein Kapital nicht vermehrt, ist das fr ihn gleichbedeutend mit der Vernichtung seines Kapitals.

Eben das passiert in der Krise und geht logischerweise einher mit einer Absurditt eines ganz anderen Kalibers: Da hat er zu viele, also unverkufliche Waren, und darin liegt fr ihn das eigentliche Problem: Sein Kapital, das er investiert hat, verwertet sich nicht, also ist auch das zu viel. Natrlich denkt er nicht im Traum daran, diese Waren zu verschenken. Sein Umgang mit seinem Problem alle anderen wrden sich ber kostenlose Waren, also Gter freuen ist ein anderer: Er legt die Waren auf Halde, nimmt also lieber einen Qualittsverlust in Kauf; er geht mit dem Preis herunter, was aber schon eine ziemliche Notmanahme ist; und darum fhrt er dann die Produktion herunter oder stellt sie ganz ein. Er legt also schon geschaffenen Reichtum und Quellen des Reichtums lahm, weil sie sich nicht als Geldquellen bewhren. Das heit, dass es auch zu viel Arbeit gibt, nmlich in Gestalt der Leute, die fr die Warenproduktion nicht mehr gebraucht werden und deswegen ihren Lebensunterhalt verlieren. Um auf die anfnglich zitierte Behauptung der Freunde der Marktwirtschaft zurckzukommen: Es stimmt nicht nur nicht, dass es das Wachstum wegen der bestmglichen Versorgung mit Gtern bruchte, es steht sogar in der Krise wird es oberdeutlich in direktem Gegensatz zu dieser Versorgung.

Eine zweite Behauptung, die die Verfechter der Marktwirtschaft in die Welt setzen, lautet: Mit dem Wachstum und nur mit ihm gibt es einen Wohlstand fr alle. Voraussetzung dieses Wohlstands ist eine florierende Wirtschaft, also der wachsende Reichtum der Kapitalisten. Dass wir alle dann davon auch abhngig sind, steht damit fest, und eben deswegen soll und muss man sich auch Sorgen machen und dafr sein, dass es mit diesem Wohlstand klappt, die Kapitalisten ihr Wachstum hinkriegen. Dafr mssen sie gnstige Bedingungen vorfinden. Eine gnstige Bedingung, die die Arbeitgebervertreter stndig anmahnen und deren sich der Staat tatkrftig annimmt, widerspricht freilich dem Wohlstand fr alle ganz entschieden: Die Arbeitskraft, die die Unternehmer benutzen wollen, muss rentabel sein, das heit: sich den Gewinnansprchen unterwerfen, mit entsprechenden Konsequenzen fr Leistungsanforderungen und Lohnansprche.

Jetzt ist Krise, was aber fr die Arbeitskraft in dieser Hinsicht nur bedeutet, dass alles, was auch sonst kapitalistisches Gebot ist, nun im Namen der berwindung der Krise erst recht greifen muss: niedrige Lohnabschlsse, flexible Arbeitszeiten, Kurzarbeit, Entlassung von Zeitarbeitern und was es sonst so an kapitalistischen Zumutungen gibt. Zugunsten des Wachstums haben die eigenen Wnsche und Bedrfnisse immer hintanzustehen. Bescheidenheit wird eingefordert, damit die Wirtschaft vorankommt, der Wohlstand fr alle ist gleichbedeutend mit dem Verzicht auf den eigenen Wohlstand.

Bescheidenheit als praktischer Zwang und als eingeforderte Tugend: Kommt nach der Krise die Erholung, vertrgt die auf gar keinen Fall irgendwelche Lohnforderungen. Und wenn die Wirtschaft so richtig boomt und die Preise auf breiter Front steigen, dann gibt es von Seiten der Arbeitgeberverbnde und der Wirtschaftsweisen ein wahres Trommelfeuer: Dieser eine Preis, nmlich der Lohn, darf auf keinen Fall steigen, denn das wrde den schnen Boom kaputt machen, und die Bundesbank steuert noch das hochklassige Argument der Lohn-Preis-Spirale bei: Wenn bei allgemein steigenden Preisen auch noch der Lohn steigt, dann knnen die anderen Preise gar nicht anders, als noch mehr steigen wenn man also als arbeitender Mensch von steigenden Preisen verschont bleiben will, dann muss man seinen eigenen Preis niedrig halten. Fr alle Phasen des Wachstums gilt also die Maxime: Lohnzurckhaltung! Und in allen Phasen gibt es ein und dieselbe Begrndung, warum das fr die lohnabhngig Beschftigten gut ist: Nur das sichert die Arbeitspltze! Das ist ein interessantes Eingestndnis: Wenn sich die Lohnabhngigen etwas vom Wachstum erwarten knnen, dann ist es eben das ein Arbeitsplatz. Darin besteht dann ihr Wohlstand fr alle und fr den haben sie sich unablssig Zurckhaltung aufzuerlegen. Zusammengefasst: In allen Phasen des Geschftsgangs werden sie als Leute angesprochen, deren hchstes Glck es ist, einen Arbeitsplatz zu besitzen, und in dieser trostlosen Figur einer abhngigen Variablen der Kalkulationen derer, die die Arbeitspltze wirklich besitzen, weil sie sie eingerichtet haben, hat man sich dann auch einzurichten.

P.S.
Eine sehr einseitige und verzerrende Darstellung, werden die Verteidiger der Marktwirtschaft sagen. Lohnzurckhaltung hin, Abhngigkeit vom Arbeitsplatz her der Wohlstand mag nicht bermig sein, aber der Lebensstandard dieser Bevlkerung hat sich in den letzten Jahrzehnten doch wohl verbessert. Das sei einem sogenannten trickle-down Effekt zu verdanken: Es trpfelt oder sickert etwas vom Reichtum von oben nach unten durch. Den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung einmal unterstellt, indem die Augen fest zugemacht werden und nicht auf das geschaut wird, was um uns herum wirklich passiert zwei interessante Ausknfte sind das allemal: Erstens ist der Mastab immer die Armut von gestern, und falls eine Besserung eingetreten ist, darf man von Glck reden; als Mastab kommt nicht in Frage, welche der vielen schnen Gter, die es nun mal gibt, man brauchen knnte. Zweitens, und genau passend dazu, muss man also dafr sein, dass die Reichen immer reicher werden, die vielbeklagte Kluft zwischen Arm und Reich immer grer wird, denn nur so kann man auf ein Heruntertrpfeln und man stelle sich vor womglich auf ein zunehmendes hoffen. Auch eine Art, den abhngigen Variablen Trost zu spenden.

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