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Kritik an Ideologien, Aufklärung über populäre Irrtümer, Kommentare zum Zeitgeschehen

[01/2009] Die demokratische Öffentlichkeit bespricht die Krise

Von • Jan 4th, 2009 • Kategorie: Artikel

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Seit Mitte September ist klar, dass die Finanzkrise ist nicht blo ein amerikanisches Phnomen bleibt: Sie kommt auch hier mit voller Wucht an. Es meldet sich Nikolaus Piper von der Wirtschaftsredaktion der SZ (18.9.):

Der Kapitalismus lebt!
Milliardenvermgen wurden vernichtet, eine Weltrezession kann nicht mehr ausgeschlossen werden. Die Kreditkrise hat sich erneut dramatisch verschrft Sie ist aber, historisch betrachtet, keine beispiellose Krise, und schon gar nicht das Ende des Kapitalismus.

Obwohl das niemals irgendjemand behauptet hat, drngt es den Abteilungsleiter Wirtschaft zu diesem Dementi: ein frohgemutes Lebenszeichen vom unverwstlichen System Kapitalismus! Das Geld geht dahin, die Welt droht, erstmals seit fast 80 Jahren wieder in eine allgemeine Rezession abzugleiten, aber, so der journalistische Ordnungsruf: Halb so wild! Alles schon mal da gewesen! Unser bekanntlich bestes aller menschenmglichen System lebt!

Ein eigenartiges Dementi der Brisanz der Krisenlage weltweit: Immerhin sind die historischen Krisenbeispiele die legendre Weltwirtschaftskrise von 1929 wird da immer mehr zitiert ja auch alles andere als ermutigend. Was nagt denn da an Herrn Piper, dass er meint, so beschwichtigen zu mssen? Sehr einfach: Er wei selbst allzu genau, dass in freiheitlichen Gemeinwesen blicherweise der Misserfolg am meisten gegen die erfolglose Sache spricht. Herr Piper ist ja bestens vertraut mit dieser Sorte Logik schlielich hat er jahraus, jahrein seinem Publikum die fraglose berlegenheit des Kapitalismus vorgebetet, abgeleitet aus dessen unschlagbarer Effizienz und unwiderstehlichem Erfolg in Geschftsdingen. Der Erfolg ist jetzt dahin, und insofern besteht fr Herrn Piper offenbar ein gewisser Erklrungs- und Einordnungsbedarf beim deutschen Publikum, der sofort von berufener Seite gestillt werden muss: Diese Krise ist keine des Systems, Systemkritik wre also vllig fehl am Platz! Beim demokratischen Kapitalismus spricht der Misserfolg nicht gegen die Sache, sondern er ist Ausweis von Versumnissen, und die sind woanders passiert, vor allem in den USA. Hauptschlich den dort gemachten Fehlern haben wir die Einbrche berhaupt zu verdanken. Die SZ:

Krisen brechen immer dann aus, wenn Geld zu billig ist. Genau dies ist zu Beginn dieses Jahrzehnts geschehen… Viel billiges Geld lst Euphorie aus, der nach einiger Zeit unweigerlich die Depression folgt.

Dafr muss man schon studiert haben, um zu erkennen, wie einfach das ist: Wenns bergauf geht, gehts auch wieder bergab, nach Euphorie ist immer Katerstimmung, Amerika musste einfach in die Krise kommen, wei jetzt auf einmal der sachverstndige Piper von der Sddeutschen:

Mit dem Terminus billiges Geld lsst sich auch die Krise Amerikas umschreiben. Seit gut vier Jahrzehnten lebt die grte Volkswirtschaft der Welt ber ihre Verhltnisse. Die Amerikaner konsumieren zu viel und sparen zu wenig. Das uert sich in den Defiziten von Staatshaushalt und Leistungsbilanz, aber auch in den Budgets von Durchschnittsfamilien. Die knnen ihren Lebensstandard oft nur mit teuren Krediten wahren. Der letzte Exzess dieser Kreditkultur war der Boom zweitklassiger Hauskredite (Subprime Loans), dessen Ende im vergangenen Jahr die Krise ausgelst hat.

Wie das nur geht: 40 Jahre lang ber seine Verhltnisse leben!? Aber klar, fr einen promovierten deutschen konomen addieren sich halt der grte Staatshaushalt der Welt, eine gewaltige Leistungsbilanz, Konsumentenkredite von Normalverdienern und das US-Hypothekenwesen zu einem einzigen gewaltigen Fehler in der amerikanischen Volkswirtschaft zusammen: die Amis verbrauchen mehr als sie produzieren, und das schon seit 40 Jahre! Kein Wunder, wenn dann die notwendige Depression ein bisschen tiefer ausfllt! Schon komisch, wie wir Deutschen uns von diesen unsoliden Amerikanern auch noch genauso lang vormachen lieen, sie seien die berlegene, den Kapitalismus am erfolgreichsten exerzierende Nation!

*

Die Finanzkrise klrt dass breite Publikum schonungslos darber auf, dass die Ersparnisse des kleinen Mannes im Kreislauf des Finanzkapitals zirkulieren und Material sind fr dessen jetzt in Turbulenzen geratene Manver. Das hlt in Expertenkreisen niemand fr einen Skandal. Stattdessen stehen die Zeitungen voll mit Tipps, wie man das eigene Geld, das mit sich zusammengespart und in der Hoffnung auf Vermehrung angelegt hat, ber die Krise retten kann. Das deutsche Volk von Sparern und Kleinanlegern wird also nicht mit seinen Sorgen allein gelassen. Die Ratgeber von der Presse nehmen die deutschen Brger an der Hand und begleiten sie durch die groe Welt des Finanzkapitals, auf der Suche nach Antworten auf die Frage

Ist das Geld der Sparer noch sicher?Die 25 wichtigsten Fragen und Antworten fr Anleger und Arbeitnehmer stehen in der SZ (17.9.).

So lesen wir in Frage und Antwort Nr. 4:

Sind auch deutsche Banken vom Konkurs bedroht? Genau wei das keiner. Immerhin IKB usw. usf. Atem anhalten wir Deutsche sind betroffen, da hilft alles nichts. Also Frage und Antwort Nr. 5:

Was passiert, wenn eine deutsche Privatbank pleite gehen sollte? Dann greift der Einlagensicherungsfonds des Bankenverbandes. Ihm gehren die groen Bankhuser sowie viele kleinere Institute an. Jedenfalls: Bei der Dresdner Bank z. B. sind konkret Spareinlagen bis zu 2,8 Milliarden Euro geschtzt, und zwar pro Kunde!

Na also, kein Grund zur Panik, als deutscher Sparer kann man aufatmen und sich beruhigt zurcklehnen! 2,8 Mrd. pro Kunde, eine Spitzenversicherung, das drfte in jedem Falle reichen. Wir drfen also getrost den Banken weiterhin unser Vertrauen schenken, vor allem den Sparkassen, Genossenschaftsbanken, bei denen unser Geld sogar noch sicherer sein soll. Bleibt blo noch Frage 8:

Wann geht dem Einlagensicherungsfonds das Geld aus? Eine Frage, vor der die ganze Branche zittert und deshalb keine Antwort gibt.

Wie bitte? Wieso zittert? 2,8 Mrd. pro Kunde, das muss doch reichen! Also weiter:

Unbestritten ist, dass die Sicherungssysteme ausreichen, um Pleiten von kleineren und mittleren Banken aufzufangen. Was passiert aber bei einer Pleitewelle? Bundesfinanzminister Steinbrck soll einmal erklrt haben, die gesamten Sicherungseinlagen aller Institute beliefen sich auf nur 4,6 Milliarden Euro Branchenkenner raunen, die IKB wurde nur deshalb gerettet, weil die Einlagensicherung an ihre Grenzen gestoen wre.

Aha, der Sicherungsfonds darf in so gut wie keinem Falle in Anspruch genommen werden, sonst reicht er nmlich nicht! Wenn alle auf die Bank rennen, ntzt das also gar nichts, das Geld ist eh nicht da! So bleiben wir ruhig, behalten unser Gottvertrauen in Banken und Politiker, dass sie alles Mgliche fr unser Geld tun, so hat man als deutscher Sparer die Lage am besten im Griff!

Und dann platzt mitten in die Krise hinein tatschlich noch eine Tarifrunde und das, obwohl den Banken weltweit das Geld ausgeht!

IG Metall beharrt auf acht Prozent mehr Lohn, titelt die SZ (24.9.) schon im Nachrichtenteil, um das Kopfschtteln des Lesers hervorzurufen. Ein kleines trotz unterstreicht den Irrsinn, der da unterwegs sein soll:

Trotz der weltweiten Finanzmarktkrise geht die IG Metall mit der Forderung nach acht Prozent mehr Lohn in die Tarifrunde.

Trotz der Krise des Kapitals stampft die Gewerkschaft ihre Lohnforderung nicht ein! Da knnen nur Hasardeure am Werk sein. Die ausfhrliche Fassung dieser Botschaft folgt noch mal extra im Leitkommentar drei Seiten weiter. Der heit

Die Tarif-Spekulanten,

womit die IG Metall und ihr Vorsitzender gemeint sind:

Sie spekulieren. Sie spekulieren darauf, dass es mit der Konjunktur doch nicht so sehr bergab geht, wie die eigenen Experten vermuten. Sie spekulieren darauf, dass sie in der Metallindustrie imstande sind, jede Forderung in weiten Teilen auch durchzusetzen in der Branche sind schtzungsweise vier von zehn Beschftigten bei der Gewerkschaft organisiert… Vielleicht wei Huber ja, dass sein Acht-Prozent-Kurs langfristig gefhrlich ist. Aber erst mal geht es ihm wie jedem Finanzhai: Er braucht den kurzfristigen Erfolg.

Sehr originell. Wenn Spekulant! das aktuelle Schimpfwort ist, mit dem die nationale Pflichtvergessenheit von gierigen Finanzzockern angeprangert wird, dann wenden wir es doch mal auf die Gewerkschaft an und fertig ist die Denunziation. Die Unterstellung, von der sie lebt, braucht man so gar nicht mehr aussprechen: Wenn Wirtschaft und Finanzen Not leiden, dann hat die Gewerkschaft ihre (eh berzogene!) Lohnforderung zu revidieren! Und das den Arbeitern klar zu machen, falls die nicht von selbst darauf kommen.

Nicht ganz 2 Monate spter ist dann klar: Die Finanzkrise ist auch bei der Gewerkschaft angekommen. Ihr Einstiegsargument in die Tarifrunde, die hohen Gewinne der Branche whrend des letzten Jahres wrden auch eine etwas hhere Lohnforderung rechtfertigen, zieht sie zurck und gibt sich mit allseits gelobten schngerechneten 4,2 Prozent zufrieden. Die Arbeitgeber tun pflichtschuldig so, als htten sie mchtig ber ihren eigenen Schatten springen mssen, gucken ansonsten aber ganz zufrieden in die laufenden Fernsehkameras. Ihr Argument hat nmlich mal wieder gestochen: Es mag ja sein, dass die Gewinne hoch waren, in diesen schweren Zeiten sei es aber von groer Wichtigkeit, dass ihre Gewinne im nchsten Jahr auch hoch sind, eher noch hher, weil sie sonst die Folgen der Finanzkrise nicht verdauen knnen. Wenn schon selbstverstndlich ist, dass das Finanzkapital aus seiner Krise gerettet werden muss und der Staat sich ungeachtet der Kosten mit all seiner Macht dahinter stellt, dann ist doch wohl auch klar, dass die Lohnarbeitenden in der Metallbranche sich um das Wohl ihrer Arbeitgeber kmmern und dafr Abstriche machen mssen. Das ist nmlich in einer lebendigen Demokratie mit Marktwirtschaft die erste Staats- und Brgerpflicht: alles dafr zu tun, dass das Kapital floriert.

Teil 2

Die Finanzkrise das ist fr das Feuilleton einer Zeitung, die etwas auf sich hlt, eine willkommene Gelegenheit, mal tiefer zu schrfen. Bevorzugt in den Abgrnden der Menschennatur. Ausfhrlichst breitgetreten worden ist ja nun, dass es die Gier gewesen sein muss, die so unglaubliche Blasen produziert hat, aber Gustav Seibt von der Sddeutschen hat dazu noch einiges anzumerken. Die berschrift gibt schon die Richtung vor:

Wir Schuldenmacher Leben in Rot: Wie der Kapitalismus seine Ehrbarkeit verlor (SZ, 23.9.)

Amerika hin, eine versagende Wirtschaftselite her. Schauen wir doch mal nach, ob wir alle, die menschliche Massenbasis des Kapitalismus, wirklich so unschuldig sind an dem beklagten Desaster:

Wie aber sieht es an der Basis aus, bei uns, den vielen Millionen Subjekten der Marktwirtschaft? Derzeit wirkt es, als htten wir gar keinen Anteil an der groen Krise; als sei diese der Effekt von ein paar Erfindungen skrupelloser und gieriger Investmentbanker.

Von wegen. Mit dem Wort Subjekt ist schon klar, worauf Herr Seibt hinauswill: Wir alle, ganz jenseits aller konomischen Unterschiede und Gegenstze, sind die aktiv Ttigen, sind die eigentlichen Veranstalter des Krisengeschehens. Und inwiefern ist jeder beteiligt? Na klar, siehe berschrift: Wir alle machen Schulden:

So bleibt doch eine triviale Voraussetzung im kapitalistischen System mit seiner Wirtschaftsmoral, ohne die der ganze Schlamassel nicht mglich geworden wre. Sie besteht in der seit einigen Generationen eingerissenen bedenkenlosen Schuldenmacherei auf allen Ebenen, vom Privatmann bis zu den Staatshaushalten Der einfache Grundsatz, dass man nicht ber seine Verhltnisse leben drfe, hat alle Anschaulichkeit eingebt.

Mit dem Problem, warum die deutschen Schuldenmacher gleichzeitig Sparguthaben von angeblich 1 Billion Euro haben, fr die die Kanzlerin eine Garantie ausgesprochen hat, schlgt sich Gustav Seibt nicht herum. Auch nicht mit dem Problem, warum diese Verschulderei, vom Privatmann bis zu den Staatshaushalten, ber viele Jahre einfach so vor sich hin gehen konnte. Er erwhnt irgendwelche Dritte, die am Ende immer die Rechnung begleichen ein Hinweis, dass es berall an Moral fehlt , will uns aber nicht sagen, welche Dritten das sind. Er will aber auch nicht sagen, das sei einer berbordenden Gier zu verdanken. Darin wittert Seibt nmlich eine Tendenz der Verurteilung, die ihm zu billig ist: An dieser Stelle will er das konomische Verhalten nicht einfach blo an der Tugend der Selbstlosigkeit messen und daran blamieren. Tags zuvor hat er in der Bild-Zeitung gelesen:

Sicherheit wird es nie geben. Gewinne und Spekulationen sind nicht von sich aus verwerflich. Sie sind Triebkraft unserer Marktwirtschaft.

Das hat ihm eingeleuchtet und darum bricht er eine Lanze fr den gesunden, sprich systemdienlichen Materialismus:

Der derzeit kursierende moralische Hinweis auf die Gier, welche an der Brse zuletzt ausschlielich regiert habe, ist so zutreffend wie nutzlos. Das Problem ist nicht die Gier. Gierig ist jedermann, vom kleinen Schnppchenjger bis zum Vorstandsvorsitzenden; ohne Gier wrde das Wirtschaftsleben ber den Naturaltausch nicht hinausgekommen sein.

Man muss sich das also so vorstellen, dass Gier nicht gleich Gier ist, sie als Triebkraft der Marktwirtschaft unersetzlich und insofern eine gute Gier ist, was freilich die Frage offen lsst, wann sie den Absprung zur schlechten macht. So ein Bereicherungsinteresse ist ganz normal und menschlich, da unterscheiden sich Kapitalist und Lohnarbeiter nicht auf seinen Vorteil ist schlielich auch derjenige bedacht, dessen Geldbeutel so knapp bestckt ist, dass er nach dem Billigsten sucht, oder?! Erst nach dieser Zurckweisung einer gar zu einfachen, populistischen Kapitalistenschelte kommt Seibt zu einer anderen Moral, die es frher einmal gab und deren Verfall zu beklagen ist. Frher gab es mal pedantisch-tugendhafte, knauserige, asketische, eben: ehrenhafte Kapitalisten, die aber ausgestorben sind:

Die ersten Kapitalisten hatten zhe, drre, harte, vor allem aber verlssliche Seelen.

An deren Stelle sind volatil leichtfertige Manager getreten, die das kapitalistische System von Arbeit auf Konsum umgestellt haben:

Diese Umstellung hat langfristig einen neuen Menschentypus herangebildet. Das sind wir, die schwerelosen, heiteren und leichtsinnigen Brger der Wohlstandszonen auf der nrdlichen Hemisphre des Erdballs.

Jetzt kann sich jeder mal selbst angucken und sich fragen, ob er ein schwereloser, heiterer und leichtsinniger Konsument ist. Falls er das ist, knnte er sich eigentlich nur beglckwnschen von Herrn Seibt bekommt er aber zu hren, dass nicht nur er, sondern berhaupt alle es sich viel zu leicht machen. Deshalb kommt einem Feuilletonisten die Krise mit ihren schweren Zeiten fr die heiteren und leichtsinnigen Menschen gerade recht, nmlich als schmerzliches Heilmittel:

Wenn die Menschen am eigenen Leib wieder erfahren, wie Geld und Arbeit zusammenhngen, dann kann das kapitalistische System, diese komplexe, groartige, freiheitsverbrgende Errungenschaft der Menschheitsgeschichte, vielleicht zu seiner ursprnglichen Ehrbarkeit zurckfinden.

Das ist eine schne Propaganda fr den Kapitalismus! Dass dieses groartige System seinen Geldreichtum nicht entwickelt, um fr einen allgemeinen Wohlstand zu sorgen, sondern auf der Armut derer beruht, die ihn zu erarbeiten und nicht zu konsumieren haben das firmiert hier als sein Gtesiegel! Und die Krise des professionellen Geldschpfens als Quell der Hoffnung: Wenn diese Krise jetzt die Leute bestraft, werden sies vielleicht wieder kapieren, was die schlechte Gier ist, die sie befallen hat. Es ist die Gier nach dem leichten Konsum und die hat verheerende Folgen. Eine ziemlich ehrliche und brutale Auskunft ber die freie Marktwirtschaft. Aufschlussreich auch die Sehnsucht des Herrn Seibt nach den unangenehmen Menschen mit den zhen, drren, harten Seelen, wie er sich die Kapitalisten der ersten Stunde vorstellt. Die sollen zu ihrem Reichtum durch Entsagung oder wie das Fremdwort dafr heit: Abstinenz gekommen sein, weil sie noch den Wert des Geldes zu schtzen wussten. Sie haben sich also ganz und gar der Tugend des Geizes verschrieben, haben das Geld angebetet. Das sollten sich alle als Lehre aus der Krise ins Stammbuch schreiben. Einen ehrbaren Kapitalismus muss man sich also so vorstellen, dass jeder seine Chance im Verzicht sucht, und wer es da am weitesten bringt, der kommt zu Reichtum. Man muss allerdings zugeben der Vorschlag hat einen gewissen Charme: Wenn man von vornherein entsagt und sich nichts erwartet, bleibt einem auch die eine oder andere bse berraschung erspart.

Der Kolumnist der Bild-Zeitung, Josef Wagner, hat ziemlich genau dasselbe Anliegen, er bringt es blo schneller auf den Punkt:

Lieber Sparer: Jeder gesparte Euro im Land ist sicher, garantiert die Kanzlerin. Das will ich schwer hoffen, auch fr die Sparschweine unserer Kinder. Es ist die erste Bank des Kindes, man hortet spteres Glck. Es ist auch die Bank der Entsagung und des Verzichts. Beten und Sparen. Heute klingt das altmodisch, aber ich wuchs mit den Sprichwrtern auf: Auf Sparen folgt Haben, Aus kleinen Bchen werden groe Flsse, Spare in der Zeit, dann hast du in der Not!. Wir leben nun alle in der Snde des Verschwendens. Wir brauchen die Kultur des Sparschweins. Kinder, die auf Sigkeiten verzichten, Kinder, die sich kein Playmobil kaufen. Das Prinzip Sparschwein rettet die Welt. Ihr F. J. Wagner

So konstruiert sich ein intellektueller Anwalt des Volkes seine Adressaten als die Kindskpfe zurecht, als die er sie haben will. Mit einer Ansprache an brutalste Verzichtsmoral ergreift er die Krise als Gelegenheit, dem kleinen Mann jedes Alters Entsagung als die Einstellung vorzubuchstabieren, die dem Brger bestens zu Gesicht steht. Das Leben ein permanenter Weltspartag! Natrlich wei der Bild-Leser, dass F. J. Wagner ein wenig bertreibt und es auch ein bisschen ironisch meint. Aber bertreibung und Ironie mal weggelassen: Es leuchtet schon ein, dass die Krise ein guter Grund ist, sich selbst und allen anderen vorzuhalten, dass sich in dieser Gesellschaft zwar alles ums Geld dreht, ein Mangel an Geld aber sehr wohl eine Auszeichnung sein kann: Dann gehrt man auf jeden Fall nicht zu den gierigen Bankern und ist ihnen, was die menschliche Seite angeht, weit berlegen. Das lsst die Banker zwar kalt und es ndert auch nichts an der Krise, nichts an ihren Grnden und ihren Folgen, aber um sie moralisch gefestigt ber sich ergehen zu lassen, dafr sind solche Belehrungen der Herren Seibt und Wagner allemal gut.

Teil 3

Zur Pflege eines gesunden Volksempfindens in Krisenzeiten gehrt die Erregung ffentlicher Emprung ber die Schuldigen, welche diese Katastrophe verursacht haben.

Einerseits steht das gute demokratische Volk dem gegenber wie einer Naturkatastrophe, die mit voller Wucht und Unabnderlichkeit ber die Menschheit hereinbricht:

Die Finanzwelt bebt weltweit. Finanz-Tsunami, Brsenbeben, Bankensterben: Die Bezeichnungen fr die weltweite Schieflage des Finanzsektors sind kreativ. Alle weisen auf dasselbe hin: Die Welt wird nach der Krise nicht mehr so sein, wie sie einmal war. (Bild, 18.9.)

Zwar haben Naturkatastrophen wie Tsunamis und Erdbeben nichts mit einer Finanzkrise gemein, derartige Bilder legen aber die Perspektive fest, unter welcher der einfache Mann von der Strae das Ganze zu betrachten hat: Als ebenso Ahnungs- wie Machtloser erfhrt er von Zustndigen und Experten, was da Unausweichliches auf ihn zukommt.

Andererseits soll sich das Volk aber auch ideell mitzustndig wissen. Die Bildzeitung und ein Professor sagen ihm, wie Kritik da zu gehen hat.

Verzocken Banker unseren Wohlstand? Der Fall der einst hoch angesehenen Investmentbanken zeigt drastisch, wohin ungezgelte Gier von Bank-Managern fhren kann. Die Finanzmarktakteure haben sich im ganz groen Stil verspekuliert. Hochriskante, gefhrliche Geschfte aus Gier nach mehr sind die Ursache.

Auch bei Bild ist man also bereingekommen, dass das moralische Versagen der wirtschaftlichen Elite namens Gier die Wurzel des bels ist und dass Banker damit ihren allgemeinwohldienlichen Auftrag verfehlen: Sie sollen, bitte schn, anstndig und deswegen erfolgreich wirtschaften, lautet der Antrag schlielich geht es um unseren Wohlstand, gerade so, als wre der kapitalistische Reichtum eine Art Gemeinschaftsprodukt, fr das alle Beteiligten ihre Pflicht zu tun haben. Zwar bringt es die Mehrheit mit ihrer Arbeit gar nicht zu dem beschworenen Wohlstand, den die Manager da angeblich verspielen. Aber gerade weil sie ihre Pflichten ehrlich und bescheiden erledigt, kann sie von der Wirtschaftselite verlangen, dass auch die das Ihre leisten und ihr Geschft der Geldvermehrung geflligst solide betreiben. Stattdessen aber sackt die pflichtvergessene wirtschaftliche Fhrungselite Provisionen ein, obwohl sie der Gemeinschaft die Leistung schuldig bleiben:

Banker haben alles dafr getan, um Geld zu generieren. Je mehr, desto hher die eigenen Provisionen. Perversion des Leistungsprinzips, nennt Prof. Dr. Rudolf Hickel von der Universitt Bremen diese Entwicklung. ber die Millionen fr die Pleite-Manager sagt er: Es ist ein Skandal, dass die Leute, die Mist bauen, dafr auch noch frstlich entlohnt werden.

Eine sehr volkstmliche professorale Auskunft: Wer nicht das Seine leistet, hat auch nichts verdient, das gilt auch fr die, die gar keine Arbeit leisten, sondern managen! All diese Vorwrfe an die Geldelite sind trefflich zugeschnitten fr die Sichtweise von unten. Da kann das Volk, fr das im kapitalistischen Alltag die Rolle der schweigenden und arbeitenden Manvriermasse vorgesehen ist, einmal ganz radikal die Position des Klgers einnehmen, kann von denen da oben, die ihm ansonsten alles anschaffen, die ber den Reichtum und die wirtschaftlichen Mittel gebieten, von denen es abhngt, lautstark Verantwortung einfordern, ihre Unfhigkeit und Unredlichkeit anprangern und kriegt damit von berufenen Stellen in der Krise auch noch Recht.

Der Kolumnist Franz Josef Wagner beleuchtet in der Bildzeitung dieselbe Sache noch mal so, dass er das Volk als moralischen Gegenpart zu dieser versagenden und unredlichen Geldelite antreten lsst:

Lieber Finanzminister Steinbrck, die Hypo Real Estate, die Bank zur Immobilienfinanzierung, war nicht mehr liquide, flssig. Mit einer 26,6-Milliarden-Bundesbrgschaft, dem Geld des Steuerzahlers, haben Sie die Bank ber Nacht gerettet. Hier eine kleine Liste von Leuten, die auch nicht flssig sind und auf Rettung warten. 1. Die alleinerziehende, berufsttige Mutter … 2. Der Rentner … 3. Die Kinder, die nicht mitdrfen zur Klassenfahrt, weil ihre Eltern die 20 Euro nicht haben. 4. Die Senioren … 5. Die Studenten … 6. Die Krankenhuser … Mein 7. Punkt ist der schlimmste: Es gibt Kinder, die kein richtiges Mittagessen bei uns in Deutschland haben. Lieber Finanzminister, Sie haben Milliarden fr eine Bank. Warum haben Sie nicht ein paar Euros fr uns? (Bild, 1.10.)

So nimmt man sich verantwortungsvoll des Brgers in seinem gewhnlichen Elend an. Man erzhlt ihm, was fr ein armer Hund er doch ist, und wie Recht er damit hat, sich von seinem Staat nicht besonders gerecht behandelt vorzukommen erinnert ihn also daran, dass eine Linderung seiner privaten Nte nur ein Akt gndiger Gewhrung sein kann, und zwar von Seiten der Instanz, die mit ihrer Staatsgewalt die Bedingungen eingerichtet hat und sichert, die fr Armut und Not sorgen. Arme Leute bt man derart in der Pose ein, die sich gegenber der Macht, die ber den Reichtum gebietet, allein geziemt: Die des bescheidenen Bittstellers, der sich an seine Obrigkeit wendet und sich dabei gar nichts gro vormacht ber den praktischen Effekt der eigenen Unterwrfigkeit. Der nur noch anerkannt werden mchte als jemand, der auch ein Recht auf Bercksichtigung seiner persnlichen Belange hat, auf dem er freilich, anstndig, wie er nun einmal ist, berhaupt nicht besteht.

Ein schner Fall von Verantwortungslosigkeit derer da oben kommt dann noch der Sddeutschen unter. Sie wirft anlsslich einer Millionrsmesse in Mnchen einen Blick in die Welt der Reichen, und der Klatschreporter aus der VIP-Welt lsst sich regelrecht hinreien:

Im grten Wirtschaftschaos seit 1929 sind im Angebot: Lederbezogene Strandkrbe mit integriertem Ventilator und Wohnmobile mit Champagnervitrine oder ein elektrischer Schuhwrmer vom Aussehen einer erleuchteten Mlltonne. Man mchte die Blondine im Neglig-artigen Abendkleid gerne fragen, ob sie es nicht mal mit Wollsocken versuchen will und berhaupt, ob sie sich ausgerechnet momentan solche Dinge kaufen muss. Frau Effenberg busselt zwei russische Windhunde ab, sie finde die Tiere voll sߑ. Die Finanzkrise findet sie wahrscheinlich voll doof.

Ja, wenn die nicht gerade Milliarden verspekuliert htten! Aber so haben sie einfach kein Recht, ihren Reichtum so schamlos zur Schau zu stellen. Vorbildlich dagegen das Rollenspiel von Reichen in den USA: Einen Tag lang muss Savannahs High Society in die Rollen arbeitsloser Vter, verarmter Kinder und alleinerziehender Mtter schlpfen, ein Leben am Rande der Gesellschaft fhren. Nach dem kurzen Ausflug in die Welt der Armut drfen sie sich wieder, natrlich gelutert und ihrer sozialen Verantwortung bewusst, ihrem Reichtum widmen. So mchten wir sie auch unsere Reichen!

Der Sddeutschen verdanken wir einen weiteren Beitrag in Sachen Moral in schweren Zeiten. Sie entdeckt in der Krise des Finanzsystems eine Vertrauenskrise und schneidert daraus verhngnisvolle Wirkungsketten:

Weil in den USA und Europa Banken zusammenbrechen, frchten Sparer um ihre berschaubaren Ersparnisse. Weil die Krise Staaten in die Rezession drckt, frchten Beschftigte um ihren Arbeitsplatz. Die Menschen mssen sich auf eine lange Zeit der Unsicherheit einstellen… Wenn die Menschen unsicher werden, bedroht das die Existenz eines Wirtschaftssystems, das zuallererst auf Vertrauen aufgebaut ist… Das ganze System basiert auf dem Zutrauen, dass all die virtuellen Billionensummen tatschlich zur Verfgung stehen. Wenn aber Sparer das Vertrauen verlieren und die Filialen strmen, bricht das System zusammen. Dann verlieren nicht einfach Banker ihre Millionengagen und Aktionre ihre Dividenden. Dann bekommen Firmen keinen Kredit mehr, und die Maschinen stehen still. Weil die Menschen derzeit in rasantem Tempo unsicher werden, steht die Weltwirtschaft am Abgrund.

Und dann noch ein besonders schner Satz:

Da alles auf Vertrauen grndet, ist es suizidal, dass die Finanzbranche so viel Vertrauen verspielt hat. (SZ, 1.10.)

Wie geht das mit dem Suizid? Wenn alle das Vertrauen verlieren, bringt sich das System selbst um? Oder durch den Vertrauensverlust bringen wir alle uns um? Aber Spa beiseite: Man kann dem Fachmann nicht bestreiten, dass die Krise der Menschheit im Kapitalismus einiges an Unsicherheit beschert. Es ist aber eine geistige Zumutung, die Sache einfach umzudrehen und zu behaupten, es sei deswegen die Unsicherheit der Menschen, die dem System seine Krise beschere. Immerhin handelt es sich beim Kapitalismus um ein System, in dem Privateigentmer gegeneinander konkurrieren, also um eine einzige Welt von Gegenstzen: Die bestehen sowohl zwischen den Konkurrenten als auch zwischen ihnen und dem Staat, der sie mit seinem Recht kontrolliert. Es braucht schon gute Nerven, um das psychologisch-moralisch in ein System zwischenmenschlicher Bindungen zu verfabeln. Wer das tut, gibt damit nur sein abgrundtiefes Verstndnis fr alles, was sich in diesem System so abspielt, zu Protokoll und seinen unbedingten Wunsch, das alles mge ewig so weiter klappen wie neulich noch. Das zeugt aber schon auch von einer hflich gesprochen extremen Unsachlichkeit dieses parteilichen Denkens: Da wird auf den Kapitalismus vom Arbeiten, Sparen und Verschulden ewig einkommensschwacher Lohnarbeiter ber virtuelle Billionensummen in Bankbilanzen bis zum Kredit und dem Stillstand der Produktion wg. Kreditmangels nur gedeutet, um ein ziemlich aberwitziges Lob loszuwerden: Letztlich wrde dieser Kapitalismus doch zusammengehalten und getragen von einem fein ausgetfteltem Kunstwerk, in dem sich die Insassen dieses Systems trotz ihrer gegenstzlichen Interessenlagen mit ihrem moralischen Willen vertrauensvoll aufeinander beziehen, zumindest beziehen sollten. Das Wort zum Sonntag knnte es kaum schner ausdrcken.

Teil 4

1.
Fr Heribert Prantl von der Sddeutschen ist die Finanzkrise Anlass fr eine Art moralischer Genugtuung. Sie ist fr ihn der Beweis, dass der Kapitalismus auf einen moralischen Irrweg geraten ist:

Die Form des Kapitalismus, die man Turbo-Kapitalismus genannt hat, widerlegt, zerlegt und besiegt sich gerade selbst. Der Turbo war die Gier. Die Gierlehre, die eine Irrlehre war, behauptete, dass die gigantische Geldakkumulation an der Spitze nicht nur den Leuten an der Spitze, sondern, im Wege des Durchsickerns, auch den Armen helfe und so fr Gerechtigkeit sorge. Die Theorie blieb aber Theorie. Die Praxis zeigt sich jetzt: Der Turbokapitalismus frisst seine Kinder, seine Knder und seine Derivate.

Gegen den Kapitalismus selbst will er damit nichts gesagt haben, aber das sagt schon die berschrift: Die kapitale Luterung er bedarf dringend einer Luterung bzw. durchluft sie gerade. Im Grunde ist der Kapitalismus gut, dann nmlich, wenn er Soziale Marktwirtschaft heit, die aber ist durch den Turbo geschndet worden: Wir haben es mit einem unanstndigen Exzess einer eigentlich wunderbaren Einrichtung zu tun. Da kann es gar nicht ausbleiben, dass ein Strafgericht ber die Snder hereinbricht und die Snder zurck auf den rechten Weg fhrt: Die Welt erlebt derzeit ein Fegefeuer des Kapitalismus. Im Weltbild des Heribert Prantl ist der Kapitalismus nun einmal fest mit dem Ideal sozialer Wohlttigkeit verknpft, also ist fr ihn ausgemacht: Weil die Verhltnisse der letzten Jahre fr ihn unanstndige Exzesse und fatale Irrtmer waren, mussten sie in die Krise geraten und scheitern! So verschafft die Krise in seinen Augen der Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit ein schlagendes Argument und damit seinem Ideal eines besseren Kapitalismus eine wundervolle Perspektive. Aufgrund ihres Misserfolgs werden die Veranstalter des realen Geschfts nicht darum herumkommen, ihre Exzesse und Irrtmer einzugestehen und abzustellen. Die wundervolle Perspektive besteht dann z. B. darin, dass die Snder ihr Versprechen einlsen und dass von ihrem gigantischen Reichtum auf dem Wege des Durchsickerns auch was bei den Armen ankommt und so fr Gerechtigkeit gesorgt ist. So bleiben die Armen zwar die Armen und die Reichen die Reichen, aber mehr will die Gerechtigkeit ja auch nicht: Irgendwie vertrglicher soll das Ganze halt sein. Ein Vorbild kann man sich dabei nehmen an einer Luterung, wie sie immerhin schon mal der Staat hingekriegt hat:

Manche vergleichen den nackten Kapitalismus mit einem Krieg, einem Krieg gegen Arbeitspltze unter anderem. Wenn man bei diesem Vergleich bleiben will: Die Weltgemeinschaft hat es zwar nicht vermocht, den Krieg abzuschaffen aber immerhin, ihn einzuhegen, Regeln dafr aufzustellen, was im Krieg erlaubt ist und was nicht. Das muss auch fr den Kapitalismus gelingen.

Das ist unverwstlicher Humanismus noch in den grten Brutalitten staatlichen Wirkens entdeckt man zivilisatorische Fortschritte! Ein gelungenes Angebot an die neoliberalen Kollegen: Ihr msst euren Krieg gegen die Proleten noch nicht mal aufgeben, ihr msst ihn nur ein wenig beschrnken, dann geht er auch schon in Ordnung und ist obendrein noch viel erfolgreicher als euer gescheitertes Turbo-Modell, wie schon bewiesen:

Es gibt ihn schon, in kleinem Format, man kann seinen Erfolg studieren er heit soziale Marktwirtschaft. Die soziale Marktwirtschaft ist die erfolgreichste Wirtschafts- und Sozialordnung, die es in der Wirtschaftsgeschichte je gegeben hat. Sie ist nicht Kapitalismus pur. Sie ist der erfolgreiche Versuch, Wettbewerb und soziale Gerechtigkeit auf einen Nenner zu bringen.

Das ist doch mal eine schne Werbung fr soziale Gerechtigkeit: Mit etwas mehr Bercksichtigung seiner sozialen Opfer wird unser Spitzensystem auch noch krisenfest!

2.
Wie steht es nun um die Luterung der groen Bankenbosse? Ein erster Schritt zur Besserung wre die Annahme des staatlichen Rettungspakets. Bild redet den Bankern ins Gewissen:

Kaum zu glauben, dass pltzlich viele Geldhuser die staatlichen Hilfen angeblich nicht in Anspruch nehmen wollen. Auf dieses staatliche Hilfsangebot zu verzichten ist kein Zeichen von Strke, sondern ein Zeichen von berheblichkeit und vielleicht sogar von Gier. Denn mglicherweise geht die Aktie einer Bank, die Staatshilfe will, deutlich ins Minus und damit auch der Bonus des Vorstands. Jetzt aber sollte jeder verantwortungsvolle Bankchef sorgfltig prfen, ob die Milliardenhilfen und Garantien in Anspruch genommen werden knnen.

Schon nett: Die ffentlichkeit drngt die Banken, neulich noch der hemmungslosen Geldgier bezichtigt, im Verein mit der Politik, geflligst die vom Staat angebotenen Milliarden anzunehmen, und entdeckt die Gier nun darin, dass Banker mit dem Angebot ihre eigenen Berechnungen anstellen und es nach Mglichkeit vermeiden. Da ist schon wieder pure private Bereicherungssucht von Bankern statt Verantwortung fr das Bankgeschft am Werk.

Beim Chef der Deutschen Bank Ackermann scheint es mit der Luterung nicht so recht zu klappen. Er gibt sich stark: Ich wrde mich schmen, wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen wrden. Damit redet er die Konkurrenten, die das Staatsangebot in Anspruch nehmen wollen und mssen, grndlich schlecht. Zugleich demonstriert so seine Entschlossenheit, die Krise als Gewinner zu berstehen. Die Banker stehen nmlich berhaupt nicht auf dem Standpunkt einer nationalen Rettung, den die ffentlichkeit ihnen antrgt. Die aber lsst sich von ihrem Standpunkt nicht abbringen.

Das sind vllig neue Tne. Hlt das Gesetz des Strkeren Einzug in die privat organisierten Banken?,

entrstet sich die SZ. Das sollen neue Tne sein, dazu noch vllig neue? Irgendwie scheint dem Kommentator in seiner Entrstung zwischenzeitlich der Bezug zur Realitt verloren gegangen zu sein. Weil er sich einbildet, es ginge nun um gemeinschaftliche Bewltigung der Katastrophe, blendet er einfach aus, dass die Banken immer in Konkurrenz zueinander stehen, dass die Krise also nicht das Ende der Bankenkonkurrenz ist: Vielmehr ist der Kampf um Krisengewinne und Schadensverteilung in vollem Gange. Erbittert klagt die SZ an, dass der Vorstand einer nationalen Bank mit der ihm durch die Gre seines Finanzgeschft zugewachsenen konomischen Macht im Rcken so wenig national verantwortlich denkt:

Wer sich schmen muss? Josef Ackermann gefhrdet den Erfolg des Rettungsfonds… Die Finanzkrise so mitverursacht zu haben, wre ein Anlass, sich zu schmen nicht eine Inanspruchnahme staatlicher Hilfe.

Derselbe Mann, der uns und die Weltwirtschaft in verantwortlicher Position mit an den Rand des Abgrundes gefhrt hat, stt uns mit seiner destruktiven Haltung jetzt mglicherweise noch ganz hinein! Er sollte sich also schmen fr seine Verantwortungslosigkeit und damit fr einen moralischen Neustart im deutschen Bankgewerbe sorgen! Dann stnde dem Erfolg des Rettungsfonds nichts mehr im Wege auer natrlich die unberechenbare Bankenkrise…

3.
Aus der so genannten Realwirtschaft kommen schlechte Nachrichten. Daimler und VW melden Absatz- und Gewinneinbrche, kndigen Zwangsurlaub und Entlassungen von Leiharbeitern sowie Verzicht auf Sonder- und Wochenendschichten an: Automobilindustrie in der Krise. Die Frankfurter Allgemeine begibt sich vor Ort und schaut nach:

Daimler-Chef Dieter Zetsche versucht, seiner Mannschaft Mut zu machen. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft fr die Mitarbeiter wie auch die Aktionre des Stuttgarter Autoherstellers an diesem Tag: dass dem unter seinem markanten Walrossbart ewig freundlich wirkenden Daimler-Vorstandschef das Lachen offenbar noch nicht ganz vergangen ist. Zugleich mit den Finanzmrkten informiert er auch die Mitarbeiter und fordert von ihnen, was er selbst am besten verkrpert: Kampfgeist und Durchhaltevermgen.

Da spricht nicht ein zwielichtiger Finanzer, sondern ein vorbildlicher Betriebsfhrer von der ehrlichen Ausbeutungsfront, und er steht den Betroffenen in schwerer Stunde zur Seite. Betroffen sind natrlich die Finanzmrkte: Sie mssen informiert werden, damit sie eine Ahnung haben, mit welchen Profiten oder Profitausfllen von Daimler sie in Zukunft kalkulieren knnen. Betroffen sind auch die, die fr die Erzeugung bzw. Rettung der Profite mobil gemacht werden: Ihr Beitrag besteht zunchst einmal darin, dass jede Menge Leiharbeiter unter ihnen entlassen werden und die Stammbelegschaft in Zwangsurlaub geschickt wird. Das Kapital fhrt vor, wie mobil und einsatzfhig moderne Belegschaften sind, wenn es gilt, sich der Krisenkonkurrenz durch Kosteneinsparungen in Gestalt von Produktionsanpassungen, Personalabbau und flexiblem Arbeitseinsatz zu stellen. Die atmende Fabrik beginnt, krftig auszuatmen und zeigt, was an Potenzen fr die Steigerung der Rentabilitt in ihr steckt, die es braucht, um sich auf schrumpfenden Mrkten zu behaupten: Hire and fire auf Deutsch und vllig freie Verfgung der Arbeitsanwender ber ihre Arbeitskrfte. Dass diese vom Verkauf ihrer Arbeitskraft auch noch leben mssen, zhlt nicht. Dafr appelliert Zetsche an deren Kampfgeist und an ihr Durchhaltevermgen. Die entlassenen Leiharbeiter und die Zwangsurlauber drfen ihm fr den Appell an ihre Belegschaftstugenden danken. Sie werden den Kampfgeist noch brauchen fr den Krisenkonkurrenz-Kampf, den Zetsche mit ihnen gegen die Konkurrenten von Daimler gewinnen will und das Durchhaltevermgen dafr, dass sie mal weniger, mal mehr Arbeitszeit abzuleisten haben, aber mit immer weniger Lohn auskommen mssen

Teil 5

Gleich zu Beginn steht fr Medien und Politik ein ausgesprochen positiver Aspekt der Krise fest:

Es ist eine fundamentale Krise der Vereinigten Staaten, die Nation sieht sich in ihrer Rolle als konomische Fhrungsmacht gefhrdet.

So Nikolaus Piper in der Sddeutschen, und Finanzminister Steinbrck stt im Bundestag ins selbe Horn: Die USA werden ihren Status als Supermacht des Weltfinanzsystems verlieren. Nun kommt es schwer darauf an, die gnstige Gelegenheit auszunutzen und sich in der internationalen Konkurrenz nach vorn zu arbeiten:

Europa sucht nach einem eigenen Helden. Jede Krise sucht ihren Helden, fr jede Not findet sich ein Retter. Schwierig nur, wenn gleich mehrere den Job der Lichtgestalt fr sich beanspruchen: Nicolas Sarkozy, Gordon Brown, Angela Merkel eine europische Helden-Trias in Zeiten der Finanzkrise, die den Spitzenplatz noch unter sich ausmachen muss.

Naiv zu denken, es wre doch ganz gut, wenn Europa ber drei Helden verfgte. Da belehrt uns die Sddeutsche in leicht ironischem Ton, dass es um die Besetzung des Spitzenplatzes geht. Von unseren Reprsentanten wird erwartet, dass sie dabei ein gewichtiges Wort mitreden. Es geht also nicht nur um die Konkurrenz gegen die USA, auch die Konkurrenz der europischen Fhrungsnationen bekommt einen gehrigen Schub, wobei den USA der Verlust ihrer vormaligen Fhrungskompetenz vorab wie ein selbstverstndliches Faktum attestiert wird.

Starke Fhrung ist jetzt gefragt und da heit es hllisch aufpassen, dass die Posten nicht schlecht besetzt sind und falsche Figuren die Lage unberechtigterweise ausnutzen. Die Krise htte sich doch nun wirklich zu einem passenderen Zeitpunkt, z.B. unter deutscher EU-Prsidentschaft, einstellen knnen; nun aber muss die deutsche Presse mit Suernis zusehen, wie sich immer wieder der franzsische Staatschef in den Vordergrund spielt. Spiegel groes Ego und Frankfurter Allgemeine bemhen sich darum, den aktuellen Europa-Vorstand, Sarkozy eben, auf die Gre zurckzustutzen, die ihm aus deutscher Sicht zusteht. Seine Idee, den kommenden Ratsvorsitz der europaskeptischen tschechischen Staatsfhrung zu entwerten, indem er sich daneben als Vorsitzender der Euro-Gruppe und eigentlicher Fhrer des Vereins Europa installiert, hat mit unserer Vorstellung von guter Fhrung nun aber auch berhaupt nichts gemein. Er hat sie ja auch nicht vorab mit der Bundesregierung besprochen, sondern lauthals in die Mikrofone der Weltpresse hinausgerufen. Aber das kennen wir ja schon. Sarkozys Aktionismus luft ins Leere, Sarkozys Welt ist nun einmal nicht das beharrliche Bohren dicker Bretter. Er muss die Welt jeden Tag mit mindestens einer neuen Idee versorgen. (FAZ) Der rger, dass ausgerechnet Frankreich im Namen Europas das Wort fhrt, wurmt auch noch am nchsten Tag weiter in der FAZ herum:

Unstrittig hat sich der franzsische Prsident einen Namen als Krisenmanager gemacht und einen europischen Konsens ber die Bewltigung der Krise zustande gebracht. Diesen Konsens hat er seither missbraucht. Was er an neuen Vorschlgen stets auf eigene Rechnung prsentierte, hat mit den Finanzmrkten wenig zu tun, […] sehr viel dagegen mit uralten franzsischen Vorstellungen [… Er] nutzt die Finanzkrise als Vorwand, um seine Forderungen nach mehr Staat allberall zu rechtfertigen.

Nachdem die Krise so global ist, wie es sich fr eine frher einmal bestaunte globalisierte Welt gehrt, wei die sachkundige Presse sofort, was da zur Klrung ansteht: Es mssen die Schden der Krise und die imperialistischen Krisengewinne abgeschtzt werden. Wo berall mssen wir damit rechnen, dass unsere Geschftsfelder wegbrechen? Welche Schden stehen uns ins Haus wegen der Versager anderswo? Was hat man von fremden Regierungen alles an Gewaltakten gegen die dortigen Vlker im Namen unserer Krisenbewltigung zu verlangen? Das ist ja wohl selbstverstndlich, dass beim Blick in die Welt das Wohl und Wehe der eigenen Nation den geistigen Mastab abgibt, denn ohne deutsches Wachstum und deutsche Weltpolitik steht ja wohl auch der Rest der Welt ziemlich bld da.

Was mssen wir da aber hren aus Lndern wie Indien und China, die Deutschlands Unternehmen schon fest verplant hatten? Indien Land der groen Erwartungen […] Deutschlands Unternehmen sollen vom Wachstumsmarkt Indien profitieren, und die deutsche Regierung mchte den neuen global player, wie sie sagt, stabilisieren. Das alles geht indes nur, wenn die Wachstumsraten der vergangenen Jahre sich fortsetzen. Wenn schon hier Krise ist, knnen die uns doch nicht auch noch ihr Wachstum vorenthalten! Stattdessen vermehren sie aber die ohnehin notorische Armut und das gefhrdet nicht die Armen, sondern ein hheres Gut: Kein Mensch wei, wie lange das Land deshalb noch stabil bleibt. (SZ)

Auch die FAZ Asien im Abwrtssog macht sich vor allem die Sorge, ob sich die dortige Armut nicht etwa wg. der Krise an der politischen Stabilitt unserer Wachstumsmrkte vergreift, sieht darin aber auch eine gute Gelegenheit, der chinesischen Fhrung wieder einmal Versumnisse in Sachen Demokratie vorzuhalten. Denn ihr Modell hat kein Ventil. Dort ist wachsender Wohlstand Kernstck eines sozialen Paktes mit der Regierung. Letztere sorgt fr Stabilitt und eine Verbesserung der Lebensverhltnisse, dafr begehren die im relativen Wohlstand Geborenen nicht auf. Wird dieser Pakt einseitig aufgelst, vermag niemand die Folgen vorherzusagen. Abschwung und Aufruhr sind hssliche Brder. In Indien wird sich dies auf dem Wahlzettel niederschlagen. In China gibt es keine Wahlen als Ventil. Ein Kompliment fr die Demokratie als beste Herrschaftstechnik, um unzufriedene Massen niederzuhalten alle Achtung, was Demokraten sich so trauen, zu Papier zu bringen!

Dann kmmert sich die Sddeutsche um die neuen EU-Mitglieder im Osten. Wir waren doch so gut zu denen und haben ihnen ihr Wachstum praktisch geschenkt: Westliche Investoren finanzierten die hohen Wachstumsraten. Nicht etwa, dass diese Investoren an den Lndern nicht gut verdient htten. Aber jetzt, wo die Investoren befinden, dass ihr Geld und ihr Kredit im Osten nicht mehr so gut aufgehoben sind, was mssen wir da entdecken? Ein ganzes Volk hat auf Kredit gelebt. Estland und Lettland, lange Zeit Vorbilder fr den Umbau in Marktwirtschaften, aber eben auch abhngig von auslndischem Geld. Man mag gar nicht fragen, wer denn eigentlich diese jetzt pltzlich windigen Staatsprojekte bis neulich noch zu Vorbildern erklrt hat; wer bis neulich noch deren Herrichten zur Anlagesphre fr Euro-Kapitale, Import von auslndischem Geld zu dem nationalen Erfolgsweg erklrt hat. Sptestens jetzt soll klar sein, wie ungesund das dortige Wachstum gewesen sei. Groe Enttuschung ber diese verantwortungslosen Brder macht sich breit, immerhin htten sie uns ja auch irgendwie all die Jahre hinters Licht gefhrt: Erst galt die Entwicklung Mittelosteuropas als Erfolgsgeschichte, nun erweist sich, dass sie auf Sand gebaut war ein Leben auf Pump mit Hilfe fauler Kredite.

Dann wird Brasilien durchgenommen. Von dem hat der Kommentator eine gute Meinung, weil sich dessen Regierung whrend der letzten Jahre die grte Mhe gegeben hat, es den Finanzmrkten recht zu machen Er bescheinigt Brasilien ein ausgezeichnetes Exportpotenzial mit einer konkurrenzlos breiten Palette von Rohstoffen, die sich aller Erfahrung nach auch in konjunkturell schwierigen Zeiten recht robuster internationaler Nachfrage erfreuen. Umso schlimmer jetzt die beispiellosen Kursverluste auf Brasiliens Aktienmarkt den Spekulanten mssen in diesem Fall also ernsthafte Vorwrfe gemacht werden. Und dabei hat sich der Ex-Arbeiterfhrer Lula doch so angestrengt, fr international agierende Investoren die Schwellen in sein Land mglichst niedrig und deren Gewinnaussichten mglichst gro zu machen. Anders im Fall Russland. Fr dieses Land liee sich zwar, analog zu Brasilien, auch eine letztlich robuste internationale Nachfrage fr dessen Rohstoff diagnostizieren, aber der Eigentmer fllt nun mal bei uns immer wieder unangenehm auf, so dass man dem Preisverfall beim l einiges abgewinnen kann: Der Anstieg des lpreises hatte das ressourcenreiche Russland einst gemstet, nun trifft es der schnelle Fall besonders hart. Auerdem macht die Regierung schon wieder alles verkehrt: Mit Zusagen und Krediten in Milliardenhhe fttert die staatliche Entwicklungsbank die angeschlagene Industrie und weckt bei manchen wer mgen die manchen blo sein?! die Sorge, der Kreml nutze die Krise, um eine Welle der Verstaatlichung auszulsen. Was woanders ein Konjunkturpaket wre, heit in Putins Reich: Rckkehr zum Staatsdirigismus; wo hier der Mittelstand gerettet wird, heit es dort: Russland sttzt seine Oligarchen.

*

Schlielich noch ein Nachtrag der FAZ zur Gerechtigkeit der Krise:

Der scharfe Rckgang der Preise fr Rohstoffe und Agrarprodukte bringt vor allem Lnder wie Venezuela, Ecuador und Bolivien in Schwierigkeiten, die am meisten von der Hausse profitierten und deren Regierungen gleichzeitig am lautesten gegen den Kapitalismus hetzten.

Was soll jetzt eigentlich gesagt sein? Htten sie nicht so gehetzt, htte der Kapitalismus sie nicht in die Krise gestrzt? Oder geschieht ihnen gleich recht, dass der Kapitalismus sich genauso ruins auffhrt, wie sie schon immer gehetzt haben? Egal, es trifft die Richtigen.

Wenn die Verhltnisse global aufgemischt werden, hlt es die professionellen Politikberater jedenfalls kaum noch auf ihrem Sessel, sie spekulieren ungerhrt auf neue Chancen und mgliche Krisengewinne, auf eine neue Aufteilung der Welt. Das konomische Desaster kann gar nicht gro genug sein, die Folgen fr die Statisten in aller Welt nicht schlimm genug der imperialistische Verstand dieser Politikberater bleibt immer obenauf.

Quelle: gegenstandpunkt.freies-radio.de

One Response »

  1. […] Die demokratische ffentlichkeit bespricht die Krise […]

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