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Kritik an Ideologien, Aufklärung über populäre Irrtümer, Kommentare zum Zeitgeschehen

[11/2008] A license to kill!

Von • Nov 4th, 2008 • Kategorie: Artikel

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Die Analyse des GegenStandpunkt Verlags in Radio Lora Mnchen vom 27.
Oktober 2008

Das Amt des Prsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika: A Licence To Kill!

Wie & wozu die US-Brger unter Anteilnahme der ganzen freien Welt einen Fhrer aussuchen und auch noch frei(willig) whlen

Wenn die Prtendenten auf die Position des Fhrers im Weien Haus nur noch mit sich selber als gelungener Persnlichkeit werben, dann ist die demokratische Willensbildung mittels Wahlkampf mit ihrem Begriff identisch geworden: Verlangt wird ein Blankoscheck zur Machtausbung wegen unbedingtem Vertrauen in die Fhrungsqualitt des damit betrauten. Eigenartigerweise prsentieren sich da Charaktermasken, mit denen der gewhnliche Mensch im richtigen Leben den Kontakt eher meiden wrde: Angeber mit in diesem Fall nicht stinkendem Eigenlob! Der eine verbreitet Heldensagen aus seiner mrderischen Jugend im freiwilligen Einsatz beim Zurckbomben Vietnams in die Steinzeit, wobei er abgeschossen und von den Opfern als Kriegsverbrecher behandelt wurde, wofr ihn seine Fans bis heute als American Hero verehren. Der andere ist stolz auf seine steile Karriere durch die Institutionen trotz Migrationshintergrund, bei der er ebenso behnde die Gesinnungen anpasste wie er dem mittlerweile strenden Personal in seiner Biographie die Freundschaft aufkndigt. Vor solchen Typen liegt das Publikum platt vor Bewunderung, wobei es ihnen nicht einmal jedes Wort glauben muss: Der Witz demokratischen Whlens liegt nmlich gerade darin, dass der Whler und seine journalistischen Wahlhelfer vor allem beurteilen, wer es am geschicktesten beherrscht, sich selbst als die gelungenste Inkarnation seines staatsbrgerlichen Bedrfnisses nach starker Fhrung zu inszenieren. Und da die Politik bekanntlich kein Deckchenstricken ist, erwartet der auf- und abgeklrte Whler vom Herrscher seiner Wahl, dass er auch die Drecksarbeit besser beherrscht als die Konkurrenten.

Die sogenannten Sachfragen, aktuell die Weltwirtschaftskrise, das Gesundheitswesen, Energie und Umwelt dienen bei der Auseinandersetzung um die Gunst des Whlers als Illustrationsmaterial, dass auf alle Drangsale, die dem Brger in seinem zivilen Leben nicht zuletzt auch „sein“ Staat bereitet, ein kompetenter Fhrer die passende politische Antwort parat hat. Dabei findet ganz selbstverstndlich die Verwandlung des persnlichen Interesses in eine Problemlage des Gemeinwesens statt, die zum Wohle der Nation gelst werden muss, wobei jede Menge Opfer des Normalverbrauchers eingefordert werden mssen, weil es ihm letztendlich erst dann gut gehen kann, wenn sein Land topfit und Weltspitze ist.

So reagieren die Kandidaten auf den Kollaps des Kredits und die Wertvernichtung an der Brse zwar mit ausfhrlichen Mahnungen, dass das „Versagen“ von Wall Street unweigerlich seine negativen Auswirkungen auf Main Street haben wird, um sich dann mitten im Wahlkampfgetber fr den 700-Milliarden-Topf starkzumachen, mit dem der Kapitalismus in den USA aus dem Schneider kommen soll. Eben haben sich groe Teile des Finanzkapitals als faule Schulden blamiert, doch auf seine Unverzichtbarkeit fr den Reichtum der Nation lassen die Anwrter auf die Prsidentschaft nichts kommen und setzen auf die einzige Bonitt, die sie als politisches Subjekt der konomie anbieten knnen: Das Gewaltpotential der Macht. Zur bereinstimmung im Prinzip – wenn das Kapital Vertrauen = Kredit vergeigt, muss die Politik mit Staatsknete den vernichteten realen Reichtum ersetzen und damit bei den Bankern wieder Vertrauen stiften, damit wieder business as usual einkehrt – gehrt die Parteienkonkurrenz im Detail: Obama will die Hypotheken auslsen und behauptet mit dieser berechnenden Verwechslung der Materie der Finanzkrise mit den Sorgen der Huslebauer, das bel am Ursprung anzupacken. McCain als „Wertkonservativer“ wartet mit dem moralkonomischen Theorem auf, die „Habsucht“ in Washington und Wallstreet habe die Krise trotz seiner „unerschrockenen“ Mahnungen losgetreten und fordert die chtung von greed (deutsch: Habgier) beim Profitmachen und mehr responsibility bei den „Verantwortungstrgern“, womit er sich dann wieder mit Obama in der kompromilosen Forderung nach einer Beschrnkung der Managereinkommen vor allem bei Mierfolg einig wird.

Auch die Rezepte der amerikanischen Reservefhrer in den anderen nationalen Sachfragen stehen fest auf dem Boden des American way of Capitalism: Beide beklagen „die Abhngigkeit der USA vom Erdl“, aber keineswegs deswegen, weil sie sich sorgen wrden um die Begrenztheit und die naturzerstrerischen Konsequenzen der kapitalistischen Nutzung fossiler Brennstoffe: Vielmehr wollen sie neben Solar- und Windanlagen vor allem viele neue todsichere Atomkraftwerke bauen und die letzten nationalen Ressourcen vor den Meeresksten und notfalls auch in Nationalparks und Naturschutzgebieten anbohren, weil das „Problem“ fr die Nation darin besteht, dass „wir“ fr „unser“ l viel zu viel Geld an Staaten verschleudern, die „uns nicht mgen“ und deren Volksmassen „unsere Ideale hassen“ . Im Feindbild einig denken da Obama und McCain an die blichen Verdchtigen vom Iran ber die arabische Welt bis nach Venezuela. Wenn nicht nur die, sondern vor allem auch Russland auf dem Petroleum sitzen bleiben, frdere das auch „unsere nationale Sicherheit“, weil nicht mehr die Weltmacht, sondern ausschlielich ihre vermeintlichen und realen Gegner in der Staatenwelt erpressbar sind. Mit einer in 4 Fernsehdebatten immer wieder vorgetragenen Milchmdchenrechnung bringen die Kandidaten ihre heiligen Eide, keinesfalls fr niemanden Steuern zu erhhen, sondern sie fr mglichst viele der eigenen Whlerklientel mglichst zu senken, mit ihren Reformversprechen budgetmig zur Deckung: McCain mchte schon nach 4 Jahren die meisten Petrodollar in die USA recycled haben und Obama trumt von der Repatriierung jener „500 Milliarden Dollar“, die China an US-Schuldentitel hlt mittels Export der unter seiner leadership aufblhenden Technologie alternativer Energiegewinnung, die in den USA „5 Millionen jobs“ kreieren und im Reich der Mitte den „Schadstoffausto“ drastisch reduzieren werde. Damit rechnen sich die brain trusts der Kandidaten gengend Geld zusammen, um das Gesundheitswesen zu subventionieren und das Ausbildungswesen grndlich zu reformieren, worauf beide Kandidaten besonderen Wert legen: Fr McCain hat die Schule nmlich keine geringere Mission als schon die ganz kleinen Amerikaner fr ihr „manifest destiny„, also ihren Auftrag vom Schicksal fit zu machen, „die Welt zu fhren“. Und Obama erklrt die berlegenheit der USA in Sachen Bildung gar zu einem „Problem der nationalen Sicherheit“: Davon soll die konomische Potenz der Gesellschaft abhngen, und „es nie eine Nation“ gegeben htte, „deren Wirtschaft darnieder lag und die trotzdem ihre militrische Vorherrschaft aufrecht erhalten konnte.“ So geht in der mchtigsten Demokratie auf der Welt der bergang von miesen Zustnden an den Schulen fr arme Leute zur Weltherrschaft der Nation!

In der entscheidenden auenpolitischen Sachfrage, dem „Krieg gegen den Terrorismus“, besprechen beide Kandidaten den Anspruch der USA auf uneingeschrnkte Weltherrschaft als Naturrecht, wofr sie auch jederzeit bereit zum Krieg sind. Gerade ihre Entschlossenheit gegeben falls „unsere besten Shne und Tchter“ „ins Feuer zu schicken“ und die Beteuerung ihrer Berufung zum Oberbefehlshaber der Streitkrfte prsentiert dem Whler seine Stimme als eine „Lizenz zum Tten“. Obama verspricht seinem Volk den Kopf von Osama (wrtlich: „We will kill him!“) auch wenn er dafr einen Krieg gegen Pakistan anzetteln muss und McCain zhlt immer wieder alle Militraktionen der USA auf, bei denen er „die Ehre“ hatte, wenn schon nicht persnlich dabei, so zumindest entschieden dafr gewesen zu sein. Auf dieser Basis wird um den sachgerechten Kriegsschauplatz debattiert: Obama wirft dem Irak-Feldzug der Bush-Administration die vorprogrammierte Erfolglosigkeit vor und die „hohen Kosten“ an Dollars und amerikanischen Toten. Stattdessen mchte er in Afghanistan militrisch bis zum letzten Taliban eskalieren. McCain will das auch, aber unbedingt vorher noch im Irak „gewinnen„, damit die GIs „in Wrde“ nachhause kommen. Bei so souverner Entscheidungshoheit ber Lnder und darin lebende Vlker, die das Pech haben, die „Sicherheitslage“ der USA zu tangieren, kann es niemanden berraschen, dass die Atompolitik des Iran in Washington entschieden wird, so der anscheinend selbstverstndliche Konsens der Rivalen um die Macht im Weien Haus. Offensichtlich knnen sie auf die Zustimmung ihrer Whler zu einer „Analyse“ der Weltlage bauen, der zufolge Atombomben im Besitz der USA und Alliierter wie Israel „Peacemaker“ sind, in Russland und China ein Problem fr die uneingeschrnkte Weltkontrollmacht Amerikas darstellen und im Falle der Islamischen Republik einen Waffengang „unvermeidlich“ machen. Im Wahlkampf haben die Kandidaten zwecks Profilierung eine Differenz aufgebaut: Obama wrde mit der Fhrung in Teheran noch persnlich reden, eher er den Angriffsbefehl erteilt, wenn sie nicht spurt.

Amerikanische Politiker sind sich mit ihrem Volk, das aus vielen durch die gewonnenen Kriege und erfolgreichen Schlchtereien in ihrem Wahn bestrkten Patrioten besteht, einig darin, alles, was auf dem Globus passiert, unter dem Gesichtspunkt zu be- und gegebenenfalls zu verurteilen, ob es fr die USA (= „The Greatest Nation on Earth„) gut oder schlecht ist. In diesem Prinzip unterscheiden sich Angela Merkel und Frank Walter Steinmaier nicht von den Herren Bush, McCain und Obama. Die Weltmacht der USA bewhrt sich aber in der praktischen Durchsetzung dieses Standpunkts. Drohung mit und Ankndigung von Gewalt, also Krieg, gehren deshalb zum Repertoire politischer Vertrauensbildung in den Vereinigten Staaten von Nordamerika; offene Kriegshetze und die glaubhafte Bereitschaft zum Tten & Zerstren bebildern Charakterstrke und Fhrungsqualitt eines Typen, der (zu allem) fhig ist als Commander-In-Chief der Nation.

Erstaunlich, wie nachgerade das Fuvolk in den europischen Demokratien auf den US-amerikanischen Wahlzirkus und vor allem auf den demoskopisch in Fhrung liegenden Kandidaten der Demokratischen Partei abfhrt. So einen Fhrer wollen wir auch haben! souffliert die freie Journaille ganz unpluralistisch den einheimischen Volksmassen, die den charismatischen Senator aus dem fernen Illinois mit ihren nationalen Teiggesichtern vergleichen und allen Ernstes whnen, mit einer deutschen Inkarnation des Change-Rhetorikers wren sie besser bedient, d.h. gefhrt. Die Bewunderung fr den Erfolg der patriotischen Massenbegeisterung mit ihrem rituellen Schlachtruf „Yes, we can!“ wird andererseits mit kritischen Kommentaren europischen Sachverstands unterlegt, die jenseits des Atlantik die Wahrheit der Demokratie entdecken („Es geht nur um die persnliche Vertrauenswrdigkeit der Kandidaten!“) und daran erinnern, dass im Zeitalter der „Globalisierung“ in der Staatenwelt des demokratischen Imperialismus die Konkurrenz um Weltordnungskompetenz tobt und dass darin die USA der Hauptkontrahent sind. Ein mchtiger US-Prsident wird Europa womglich ganz anders triezen, als die noch amtierende lame duck Bush im Weien Haus.

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2 Responses »

  1. Das „Deckchensticken“ ist brigens nicht von Obama erfunden worden und bezog sich auch nicht gerade auf amerikanische Prsidentenwahlen:

    „Eine Revolution ist kein Gastmahl, kein Aufsatzschreiben, kein Bildermalen oder Deckchensticken; sie kann nicht so fein, so gemchlich und zartfhlend, so mavoll, gesittet, hflich, zurckhaltend und groherzig durchgefhrt werden. Die Revolution ist ein Aufstand, ein Gewaltakt, durch den eine Klasse eine andere Klasse strzt.“

    (Untersuchungsbericht ber die Bauernbewegung in Hunan, Mrz 1927, Ausgewhlte Werke Mao Zedongs, Bd. I)

  2. […] wieder beim Weltordnen mitbestimmen lsst, ist also tatschlich zum neuen Prsidenten der USA gewhlt worden. Ein historischer Triumph besonders fr die us-amerikanischen N-Wortler, meinen nicht nur […]

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