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[Aufzeichnung + Transskript] 03.11.2022 | Bielefeld | Ukrainekrieg – Seine 3 Macher und ihre Gründe

Von • Nov 20th, 2022 • Kategorie: Veranstaltungen

Der Vortrag vom 3.11.2022 in Bielefeld mit dem Titel…

Ukrainekrieg – Seine 3 Macher und ihre Gründe

…von Usama Taraben (Redaktion GegenStandpunkt) ist auf YouTube verfügbar:

Separat kann das Vorwort als Video (mit Untertiteln) hier abgerufen werden:

https://www.youtube.com/watch?v=8qFLalTbPtM

Die Verschriftlichung des Vorwortes kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Die Verschriftlichung des eigentlichen Vortrages ist inzwischen auch als PDF verfügbar.

3 Responses »

  1. Zur Bezeichnung „Nazis“ für das ukrainische Regime durch die Russen ist der Redner zunächst auf die auch im Westen verbreitete Übung eingegangen mit der missliebige bzw. gegnerische Politiker damit moralisch verurteilt werden.
    Er hat dann aber deren Verwendung durch die Russen für die Ukraine speziell dargelegt.
    Diesbezüglich möchte ich noch etwas ergänzen.

    Der Titel „Nazi“ meint, dass die Ukraine eine umfassende Russenfeindschaft praktiziert.
    Mit diesem Vergleich bzw. der Ineinssetzung von antirussisch und faschistisch erinnert Russland an den großen Krieg, den die SU gegen den Hitlerfaschismus geführt hat und meint damit, dass das aktuelle Regime in der Ukraine ähnlich volksfeindlich handelt, wie das Hitlerregime. Deshalb sei der militärische Einsatz gerechtfertigt, um die Ukraine von einem solchen Regime zu befreien.

    Die militärische Konfrontation in der Ukraine, die auf dem Standpunkt steht, es kommt auf eine Veränderung der Verhältnisse in der Ukraine an und deshalb wird der Krieg gegen die Ukraine geführt.
    Aber die andere Seite ist: Was die Ukraine ist und wogegen sich Russland richtet,
    ist nicht die Ukraine für sich. Der Krieg richtet sich gegen die Inanspruchnahme der Ukraine als nato-zugehöriger Staat und ist insofern eine Ansage gegen die Nato und die in der Ukraine durch die Nato praktizierte Schädigung russischer Sicherheitsinteressen.
    Es ist ein Einspruch und eine Gegenwehr gegen die NATO, soll aber nicht anders stattfinden, denn als Krieg in der Ukraine und um die Ukraine. Damit dort ein Regimewechsel vollzogen wird, hin zu einem russlandfreundlichen Regime. Dabei denkt Russland, dass es sich auf Teile der Bevölkerung stützen kann und auch Teile des Militärs auf seiner Seite hat. Deshalb nennt es seinen Krieg Spezialoperation. Die will nicht ein Krieg gegen die Ukraine sein, sondern gegen ein Regime, das volksfeindlich ist und im Dienst auswärtiger Mächte steht.

  2. Die von „Klarheit“ dargelegten Überlegungen zum besonderen Gehalt des russischen Nazi-Vorwurfs gegenüber der Kiewer Führung sind richtig und wichtig, insbesondere im Hinblick auf die darin enthaltene Trennung zwischen der Linie der Kiewer Führung und dem ukrainischen Volk. Auch auf diese Weise behauptet Russland seinen Anspruch auf eine pro-russische Ukraine als den eigentlichen ukrainischen Volkswillen — und genauso hat die Moskauer Führung ihren Krieg ja auch anfänglich geführt. Insofern ist der Vorwurf „Nazis“ die ideologische Fassung des russischen Widerspruchs, einen Krieg gegen die Ukraine und an der Ukraine gegen den Westen zu führen, und zugleich darauf zu bestehen, dass es bloß der Krieg gegen eine unrechtmäßige, vom Westen gegen den ukrainischen Volkswillen eingesetzte Führung ist.
    Das ist in dem Vortrag etwas kurz gekommen, aber hiermit nachgereicht.

  3. … ideologische Fassung des russischen Widerspruchs, einen Krieg gegen die Ukraine und an der Ukraine gegen den Westen zu führen, und zugleich darauf zu bestehen, dass es bloß der Krieg gegen eine unrechtmäßige, vom Westen gegen den ukrainischen Volkswillen eingesetzte Führung ist.

    Die russischen Gründe und Ziele für den ukrainischen Waffengang liegen derart auf der Hand, daß ich schwer begreifen kann, wie Du anhand ihrer auf einen „Widerspruch“ kommst, Ussi. Vielleicht ist meine Wortwahl, „Waffengang“, schon mal ein Ansatz einer Klärung: Du selbst, auch wenn Du zur „amerikanischen Seite“ nicht gekommen bist, verweist in Deinem Vortrag hinreichend darauf, daß die Entscheidung zu diesem Waffengang im Zusammenhang mit dem Krieg zu sehen ist, den „der Westen“ seit spätestens 2014 an verschiedenen Schauplätzen gegen Russland führt, wenn wir mal von der Episode des Georgienkrieges 2008 absehen (was insofern zweifelhaft ist, weil dies für die aktuelle Kreml-Mannschaft erklärtermaßen eine Zäsur war).
    Die Russische Föderation hat sich explizit mit dem Ziel zum Waffengang entschieden, auf ukrainischem Territorium eine Anerkennung und Berücksichtigung ihrer Sicherheitsinteressen zu erfechten, und diese „Sicherheitsinteressen“ sind gleichbedeutend mit einer generellen Anerkennung ihres Status als einer Regionalmacht von Gewicht. Letzteres ausgedrückt in den notorischen Verweisen auf eine „multipolare Weltordnung“.
    Der „Widerspruch“ den Du fühlst und schlecht benennst, nämlich daß es offenkundig einerseits „nur“ um das ukrainische Territorium zu tun sein soll, aber andererseits just deshalb, weil es um dies Territorium nicht zu tun ist, liegt folglich nicht in den russischen Gründen und Zwecken, sondern in der „Natur“ des Feindes der Russischen Föderation und der Feindschaft gegen sie, die sie nicht erwählt, sondern, nach langer Zeit der Verweigerung, dies Jahr mit ihrem Waffengang angenommen hat: NATO.

    Natürlich hat dieser Einspruch weitreichende Konsequenzen für andere Teile Deines Vortrages. Ich verweise nur auf zweie:
    1) Das perfekt auf die NATO-Propaganda passende Narrativ vom russischen „Anspruch auf begrenzte Souveränität“ der Ukraine (und folgerichtig Belarus und Georgien) ist ein Märchen, das von dem NATO-Narrativ abgeleitet ist, jede Nation des Globus habe ein „Recht“ auf freizügige Teilnahme an der militärischen und militärpolitischen Frontstellung gegen Russland (und neuerdings China). Es lebt von der falschen Abstraktionsebene dieses Narratives: Keine Herrschaft(en) dieses Globus seit der Steinzeit hat (haben) über „die Souveränität“ zum Kriegführen verfügt, oder auch nur eine mit Nebenwirkungen und Folgeerscheinungen behaftete Feindschaft gegen benachbarte Herrschaften – das waren stets Schranken und Grenzen bewaffneter Souveränität, die zu überschreiten es gewisser Voraussetzungen und Mittel bedurft hat und bedarf, wie die Ukrainer grad zu spüren bekommen. „Souveränität“ ist nicht die abstrakte Freizügigkeit einer mit Machtmitteln bewehrten Bewegung auf dem zwischen Souveränen aufgeteilten Globus, auch wenn die Nato seit 1949 so tut, als wäre es so, als wäre dieses IDEAL die höchste Souveränität, zu der es eine Nation bringen könne …

    2) Ein Grund für die Fehler, die Du da machst, könnte sein, daß Du die NATO-Feindschaft gegen Russland nicht korrekt faßt. Sie ist nicht „amerikanisch“, sie ist nichtmal „dollarimperial“, wenn es denn sowas geben sollte, sie ist genuin eigenständig.
    Für diese Diagnose muß man nicht einmal die vom Ggstp. notorisch ignorierten Fakten zur Emanzipation der militärischen (!) NATO-Führung von den Souveränen bemühen, aus denen sie nominell „bestehen“ soll (gewonnen in den Kriegen seit 9/11 und im Staatsstreich in der Türkei). Es reicht der Punkt, auf dem Peter mehrfach in der Vergangenheit bestanden hat: die RF kann nicht „NATO-Partner“ werden, ohne daß „NATO“ darüber erledigt würde. Die NATO lebt von einer mindestens suspendierten Feindschaft zwischen der Russischen Föderation und den Mittelmächten des kontinentalen Westens, an erster Stelle Deutschland. Für dies Dasein sind auch die angelsächsischen Nuklearmächte US und UK „nur“ Mittel. Nicht Zweck – obwohl das selbstredend von Fall zu Fall auch ineinander über geht.

    Natürlich ist andererseits die russische Entscheidung zu dem Waffengang, den sie jetzt führt, wahrlich „irre“ zu nennen, und sie beherbergt auch Widersprüche (Plural!!). Zum Beispiel den, daß das beste „Endgame“, auf das der Kreml hoffen kann, darin besteht, die Russische Föderation noch näher an NATO-Territorium zu rücken, als das vor dem 24. Februar auf lange Zeit zu erwarten war. Und komm‘ mir jetzt bitte nicht mit „EU“ – die RF war schon 2013 kein prinzipieller Gegner einer EU-Mitgliedschaft der Ukraine, im Gegenteil, etliche Kreml-Strategen sahen die als „Chance“, vorausgesetzt, sie gebe kein Junktim mit einer NATO-Mitgliedschaft. Ebendas hatten Barroso, Fühle und die britische Regierung allerdings in den Assoziationsvertrag hinein geschrieben – gegen den Willen der deutschen Regierung; aber um solche „Details“ kümmert sich ja der Ggstp. bekanntlich nicht …

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