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Peter Decker: Z.B. George Floyd

Von • Sep 16th, 2020 • Kategorie: Allgemein

Peter Decker:

Z.B. George Floyd

Vom Rassismus einer freiheitlichen, egalitären Staatsgewalt

 

Man kann es offenbar nicht oft genug enthüllen. Es hilft auch nichts, dass der Mann beinahe eine ganze Amtszeit hinter sich hat. Unter gestandenen Journalisten gilt es immer noch als abschließender Befund, dass Donald Trump vor allem das ist: ein Mann ohne Anstand. Dreieinhalb Jahre „America first!“, die Durchsetzung beeindruckender Visionen und Revisionen der amerikanischen Weltpolitik, des „Homeland“ und des mächtigsten Amts der Welt – alles, was er dabei und daneben treibt, wird in ein defektes moralisches Sensorium aufgelöst.

Zumindest den Anschein einer politischen Kritik verpasst die seriöse Presse ihrer vernichtenden Stilkritik freilich auch: Sie verlängert sie in das Urteil, Trump gehe das moralische Rüstzeug ab, die Nation zu einen, wo sie das so dringend nötig hätte. Mit martialischer Rhetorik und rassistischen Anspielungen heize er die Spaltung an, die sich auf den Straßen Amerikas abspielt, statt sie zu überbrücken. Klar, wovon sollen Antirassismus-Proteste und die Empörung ihrer Gegner auch sonst zeugen, wenn nicht vom dringenden Bedürfnis beider Seiten, das Streiten zu lassen und die Einheit zu genießen?

Aufschlussreich ist die Anklage schon. Zwar nicht über die ausgemachte Spaltung im Volk selbst, an der ja nur interessiert, dass es sie – schon wieder – gibt. Aber genau darum gibt sie sehr viel Aufschluss über das Vermögen demokratischer Journalisten, abstrakt zu denken. Sie schaffen es Jahr für Jahr, in jedem Streit von nationaler Bedeutung unter den freiesten, selbstverantwortlichsten Bürgern der Erde immer denselben Wunsch nach einer Führung zu entdecken, hinter der sie geschlossen stehen können.

 

I. Eine großartige Ordnung und ihr innerer Feind: kriminelle Charaktere

 

II. Ein großartiges Volk und sein farbiges Gegenbild

– Amerika ist das Land der „hard-working“ Konkurrenzgeier

– Die völkische Besonderheit der weißen Amerikaner

– Die Schwarzen sind nicht „foreigners“, sondern „niggers“, eine untaugliche Rasse

– Der innere Feind

 

III. Eine neue antirassistische Protestbewegung und ihre Resonanz

– Die Schwarzen sind und bleiben „die anderen“ im amerikanischen Schmelztiegel, geächtet, angefeindet und ausgeschlossen

– Der schwarze Nationalismus als Reaktion auf den weißen Nationalismus

– Die produktive kapitalistische Benutzung der Armut, die dann keine mehr ist

 

So viel steht allerdings fest: Die vielen unverhofften Anhänger, die die Bewegung dieses Jahr auf die Straße begleiten und ihr öffentlichkeitswirksam moralisch die Daumen drücken, nehmen die Bewegung beim Wort – und führen ihr so vor, welchen affirmativen Gehalt ihre inzwischen weltweit millionenfach geteilte und mitgeteilte Marschparole wirklich hat. Was überhaupt nicht heißt, dass die Bewegung mit ihrer Parole nichts bewirkt hätte. Im Gegenteil:

Abertausende weiße Amerikaner gehen mit auf die Straße, bilden vielerorts sogar die Mehrheit der Demonstranten, was bei den protestierenden Schwarzen den nicht unbegründeten Verdacht schürt, dass die erfreuliche aktuelle Resonanz – im gewaltigen Kontrast zu den gleichen Protesten vor fünf Jahren – sich weniger einer Einsicht in den „strukturellen Rassismus“ gegen Schwarze als vielmehr der Empörung über die singuläre Unanständigkeit des blonden Ekels im Weißen Haus verdankt.

Daneben stürzen sich Millionen weiße Amerikaner in eine moralpsychologische Nabelschau, suchen nach dem inneren Rassisten, den sie in sich unwissentlich beheimatet haben, und bescheren dabei den Verlegern von antirassistischen Selbsthilfebüchern unverhoffte Umsätze. Wo sie es können, überfallen sie befreundete wie wildfremde Schwarze mit Bekenntnissen ihres Mitgefühls und ihrer eigenen Mitschuld aufgrund ihres „weißen Privilegs“ – identifizieren sich höchstpersönlich mit ihrer Rasse, um es dann lauthals zu bedauern.

Derweil überbieten sich die Herren des Kommerzes im äußerst lukrativen Massensportsegment in Respektbekundungen für die Community, aus deren ärmlichen Verhältnissen sie so viele lohnende Figuren herausfischen und aufs Feld schicken. Und eine echte politische Wirkung gibt es auch noch: Eingefleischte „law and order“-Politiker aus der demokratischen Partei, die auf „Defund the police!“ im besten Fall sehr ambivalente Antworten geben, knien sich beim eigenen Fotoshooting hin – auffällig statuenhaft, zwar ohne Bibel, dafür mit afrikanischen Tüchern um den Hals – und unterschreiben die Anklage, um sie an den faulen Apfel im Weißen Haus weiterzureichen. Als dessen passenden Ersatz bringen sie so ihre Partei und ihren Kandidaten ins Spiel – eine halbschwarze Vize-Kandidatin mit „law and order“-Vita hat sich auch schon gefunden.

In den Korridoren der demokratischen Politik ist die Bewegung angekommen.

 

https://www.heise.de/tp/features/Z-B-George-Floyd-4893721.html?seite=all

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