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Georg Schuster: Give War a Chance

Von • Mrz 20th, 2022 • Kategorie: Allgemein

Georg Schuster:

Give War a Chance

Bemerkungen zur derzeit vorherrschenden Friedensliebe in Öffentlichkeit und Politik.

 

Beim Krieg in der Ukraine scheinen die Dinge so klar zu liegen, dass sogar Kindern ein Urteil darüber zugetraut wird. Als vor gut drei Jahren die ersten Schüler freitags massenhaft gegen den Klimawandel auf die Straße gingen, war das etwas anders. Der jetzige Finanzminister twitterte skeptisch:

 

[…] von Kindern und Jugendlichen (könne) man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge sehen. Das (sei) eine Sache für Profis.

Im Fall der russischen Invasion hielt der Hamburger Schulsenator die Heranwachsenden allerdings für professionell genug, um ihnen am 3.

März für eine riesige Friedenskundgebung von Fridays for Future und anderen schulfrei zu geben. Die jungen Demonstranten zeigten auch, dass sie verstanden haben, was ihr Ex-Kritiker Lindner mit seiner Charakterisierung der Erneuerbaren als „Friedensenergien“ meint, und brachten ihr Umweltanliegen gleich doppelt ins Spiel.

Jeder Freund der Dekarbonisierung sei auch ein Gegner der russischen Aggression und umgekehrt, weil die sich aus den Einnahmen für Gas, Öl und Kohle finanziere. Diese Koinzidenz beruht freilich darauf, dass durch die Röhren von Nord Stream 2 noch kein grüner Wasserstoff fließt, wie es die deutsche Energiesystemwende in fernerer Planung hatte.

Tatsächlich kann die bewegte Jugend aber erleben, dass die Verstromung von Braunkohle und vielleicht sogar von Kernkraft als „Friedensenergie“ neuen Typs im Gespräch ist, weil „wir“ die Russen mit Boykotten wirtschaftlich in die Knie zwingen oder „uns“ auf ein Gegenembargo einstellen müssen.

Wie es aussieht, sind die „Fridays“ auch diesem Blick auf die „globalen Zusammenhänge“ und seinen eventuellen Folgen zugänglich bzw. denken an Alternativen herum, die „Putins Krieg“ nicht weniger schaden.

Das wird dann ein schöner Disput mit der rot-grün-gelben Koalition, wenn die darauf besteht, dass ein Kappen aller fossilen Beziehungen zu Russland die deutsche Wirtschaft und damit deren Schlagkraft gegen diesen Feind „derzeit“ (Baerbock) zu sehr schwächen würde.

„Putin-frei“ (Jens Spahn) sei wichtiger als CO₂-reduziert, lautet die aktuelle Ergänzung der schwarzen Opposition zur Energiepolitik.

 

Pflugscharen zu Schwertern

„Putin-Versteher“

Moralische Imperative

Trostlos

 

Dass Putin lügt, weiß man von der Außenministerin und aus der Zeitung, woher sonst. Dabei geht aus der Presse eigentlich auch hervor, dass der Kreml seine Kriegsgründe und Friedensziele in ziemlichem Klartext benennt: Russland besteht am Fall eines angrenzenden Staats, dem EU und Nato einen Platz in der „europäischen Sicherheitsordnung“ zuweisen wollen, militärisch, daher blutig auf seinem Recht als Großmacht, diese Sicherheit gegenteilig zu definieren.

Wenn der Westen das „nicht versteht“ und nur als Ansinnen eines „Egomanen“, also gar nicht als Kriegszweck registrieren will, zeigt er, dass dieser Zweck kein Verhandlungsgegenstand ist. Sonst würden ja Nato und EU einräumen, dass sie am Konflikt beteiligte Parteien sind.

Stattdessen handeln sie als die Instanz einer Friedensordnung, als sei die eine fixe Sachlage fern von Machtinteressen. Deren unbedingte Verteidigung soll in einem Stellvertreter- und Abnutzungskrieg auf dem Boden der Ukraine eine Niederlage des Feindes herbeiführen.

Die Drohung mit Atomwaffen, also die Warnung vor ihrem Einsatz, beruht dabei auf Gegenseitigkeit und belegt seitens des Westens, wie sehr er sich des Charakters der Konfrontation bewusst ist, wenn er „es wagt, einem Opfer beizustehen“. Auf der Ebene will er sie einstweilen halten – gerade weil der riskante „erste Schritt vom kriegerischen Erpressen zum kriegerischen Zerstören“ (Decker, s.o.) ansteht.

 

Das „Nachbarland, das einfach nur in Frieden leben will“, stelle in dieser Eigenschaft laut Regierungserklärung zur „Zeitenwende“ (Scholz am 6.3.) Putins „Unterdrückungsregime infrage“ und liefere ihm darin den „einzigen Grund“ zur Aggression.

 

Mit der Staatsräson der Ukraine, die sich den Nato- und EU-Beitritt seit 2019 als Verfassungsziel vornimmt, habe das nichts zu tun. Zwar wurde die EU-Aufnahme vom Versailler Gipfel (vom 10.3.) auf unbestimmte Zeit verschoben – nach Mitteilung der ZDF-Korrespondentin wegen „mangelnder Kompatibilität“ in marktwirtschaftlicher und rechtsstaatlicher Hinsicht, und auch die Nato-Aufnahme steht dahin.

An der strategischen Funktionalität des Beitrittsinteresses hält der Westen aber eisern fest. Dass er sich von der Ukraine nicht drängen lässt, sondern sie in seinem Tempo drängt oder bremst, zeigt, wie ihr „Selbstbestimmungsrecht“ zu verstehen ist, für das ihr heldenhafter Einsatz gelobt, geschätzt und bewaffnet wird, Opfer und Zwangsrekrutierungen eingeschlossen: So soll die Feindschaft vorankommen, die der Westen einer atomar bewaffneten Gegenmacht erklärt.

Und ausgerechnet dieses kalkulierte, also gefährliche Unterfangen legt sich die große Masse der friedensbewegten Bürger verfremdet und verschoben derzeit als eigenes Anliegen zurecht.

 

https://www.heise.de/tp/features/Give-War-a-Chance-6587232.html?seite=all

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