Suitbert Cechura: Presseclub – Wie man Weltsichten verbreitet
Von webmaster • Mai 26th, 2026 • Kategorie: AllgemeinSuitbert Cechura: Presseclub – Wie man Weltsichten verbreitet
Das vermitteln unsere Leitmedien in 1000 Varianten: Im Prinzip tut Vater Staat viel Gutes, auch wenn es mal zu viel des Guten ist oder, umgekehrt, mehr sein müsste.
Am 10. Mai 2026 saßen dort am Tisch: Christina Berndt, Wissenschaftsjournalistin bei der Süddeutschen Zeitung, Karsten Seibel, Wirtschafts- und Finanzredakteur bei der Welt, Ulrich Reitz, Chefredakteur bei Focus-Online, und Mai Thi Nguyen-Kim, freie Wissenschaftsjournalistin im ZDF.
Anlass der Sendung war die Ankündigung der Regierung, die Steuern auf süße Getränke, Tabak und Alkohol zu erhöhen. Doch schon mit dem Titel machte sich die Sendung frei von den Gründen, warum und zu welchem Zweck diese Steuern erhöht werden sollen. Der Politik geht es ja bekanntlich darum, Löcher im Haushalt zu stopfen, und sie macht aus diesem Ansinnen auch keinen Hehl in diesen schweren Stunden, wo die Nation allerlei Notstände zu bewältigen hat.
Das Thema der Sendung ging jedoch gleich in eine andere Richtung: „Höhere Steuern auf Zucker, Tabak, Alkohol: Fürsorge oder Bevormundung?“ Damit wurde deutlich gemacht, dass dieser Kreis hochrangiger (Leit-)Medienschaffender die Absichten der Regierung zwar zur Kenntnis genommen hat, daraus aber ein Problem ganz eigener Art stricken wollte.
Ihr kritisches Hinterfragen hinderte sie dabei überhaupt nicht daran, sich genau der offiziellen Heuchelei anzuschließen. Wie der Moderator in seiner einleitenden Rede gleich klarstellte, sollte die fürsorgliche Absicht zum Anlass genommen werden, um die betreffenden Maßnahmen auf einer ganz andere Ebene zu diskutieren und dem Bürger die schwierigen Alternativen, vor denen die Politik steht, nahezubringen.
Der Staat wurde auf der einen Seite mit seinen Reformmaßnahmen zum Fürsorger seiner Bürger stilisiert, denen er sich voller Sorge zuwendet; auf der anderen Seite wurde er unter den Verdacht gestellt, unberechtigt, autoritär in deren Freiheit einzugreifen. Eine Vorgabe wie im dialektischen Besinnungsaufsatz – und gleich waren die einzelnen Rollen klar.
Entsprechend alternativ war die Runde besetzt. Die weiblichen Teilnehmer standen mehr für die Fürsorge des Staates, die männlichen setzten sich als Verteidiger der Freiheit in Pose. (Nur nebenbei: Hätte man diese klassische Rollenverteilung nicht vermeiden müssen? Sind Klagen beim Presserat eingegangen?)
Mit der Fragestellung war das Ergebnis der Diskussion im Grunde abzusehen. Obwohl von „Vater Staat“ die Rede war, zielten die Stellungnahmen der Fachleute nicht auf die Klärung des Verhältnisses von oben und unten oder auf die Art und Weise, wie hierzulande die Gesundheit der Bürger gemanagt wird.
Darf der Staat in die Gesundheit seiner Bürger eingreifen oder ist sie Privatsache?
Darf der Staat in Sachen Gesundheit so weit in die Privatsphäre eingreifen?
Sind Steuern zur Verhaltenssteuerung in Sachen Gesundheit einzusetzen?
Damit konnten alle dem neuen Steuererhöhung-Maßnahmen einen positiven Schein verpassen. Denn, wenn der Staat beabsichtigt, seinen Bürgern tiefer in die Tasche zu greifen, dann merke liebes Publikum: Es geschieht nur zu deinem Besten. Auch wenn man dies als bedenklich würdigen kann und darf – siehe: Pressefreiheit –, bleibt doch bestehen, dass es in guter Absicht geschieht.
So geht eben kritischer Journalismus, den manche Bürger auch noch am Sonntagvormittag als Unterhaltung genießen, ohne dass ihnen der Appetit vergeht.
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