Renate Dillmann: „Es ist kein Glück, einem Staat mit Großmachtsucht anzugehören“ – ein Interview mit Jens van Scherpenberg
Von webmaster • Feb. 17th, 2026 • Kategorie: AllgemeinRenate Dillmann: „Es ist kein Glück, einem Staat mit Großmachtsucht anzugehören“ – ein Interview mit Jens van Scherpenberg
Ein Artikel von Renate Dillmann
Jens van Scherpenberg, ehemaliger Mitarbeiter der Stiftung „Wissenschaft und Politik“ (Forschungsgruppe Amerika), hat mit seinem Buch „Großmachtsucht“ eine Analyse der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik vorgelegt, die behauptet, „Deutschland rüstet für die Führung Europas“.
Seinen Ausführungen zufolge ist die neue Politik vehementer Aufrüstung in Deutschland und der EU nicht als Reaktion auf Putin und seinen angeblich kurz bevorstehenden Angriff auf EU-Europa zu verstehen, sondern hat andere Gründe. Renate Dillmann hat mit ihm gesprochen.
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Die souveräne Macht
Missverständlicher Titel, empfehlenswertes Buch: Jens van Scherpenberg liefert mit »Großmachtsucht« eine wichtige Analyse der deutsch-europäischen Aufrüstung
Von Renate Dillmann
Wahnsinn – das ist nicht selten das Urteil über die Aufrüstungspläne der deutschen Regierung und ihre aggressiven Töne Richtung Russland. Der Titel des gerade erschienenen Buchs von Jens van Scherpenberg scheint in die gleiche Richtung zu zielen. »Großmachtsucht« heißt seine im Westend-Verlag erschienene Studie, die die Etappen der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik bis heute untersucht.
Der Blick ins Buch und seine 287 Seiten zeigt allerdings, dass der Autor auf das genaue Gegenteil hinauswill.
Nicht eine Sucht nach Macht im Sinne eines polit-psychologischen Motivs oder einer bedauerlichen Deformation treibt die deutschen Außen- und Sicherheitspolitiker seiner Auffassung nach an. Statt dessen handelt es sich beim erneuten Großmachtstreben der deutschen Nation, von dem jetzt immer offener die Rede ist, um eine logisch notwendige Konsequenz, die den Gesetzmäßigkeiten der globalen Staatenkonkurrenz entspringt, an der sich die Nachkriegs-BRD so überaus erfolgreich beteiligt hat. Worum dreht sich diese Konkurrenz? Und was ist eigentlich eine »Großmacht«? Solche Fragen sucht Scherpenberg begrifflich zu klären. Gleichzeitig zeichnet er den deutschen Weg des ehemaligen Kriegsverlierers zur europäischen Führungsnation historisch nach.
(…)
Ans Ende seiner lesenswerten Ausführungen stellt der Autor ein Kapitel, das er in Anlehnung an Marx so betitelt: »Es ist kein Glück, einem Staat mit Großmachtsucht anzugehören«. Scherpenberg weiß, dass die meisten Bürger sich auf Basis der eingerichteten ökonomischen und rechtlichen Abhängigkeiten mit ihren Regierungen und deren Erfolgsansprüchen identifizieren, und findet das ebenso »logisch wie falsch«.
Deshalb ruft er die vom Staat als »Menschenmaterial« seiner Großmachtpolitik vorgesehene Bevölkerung auf, sich dieser Rolle zu verweigern, »ob am Arbeitsplatz oder als Staatsbürger (…). Sie haben die Macht, eine Gesellschaft ohne Klassenspaltung und Großmachtsucht zu schaffen.«
Aus: junge Welt – Ausgabe vom 23.02.2026 / Seite 15 / Politisches Buch: Debatte über Militarisierung
https://www.jungewelt.de/artikel/517976.debatte-%C3%BCber-militarisierung-die-souver%C3%A4ne-macht.html