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Renate Dillmann: Offener Brief an Farah Diba

Von • Jan. 22nd, 2026 • Kategorie: Allgemein

Renate Dillmann: Offener Brief an Farah Diba

Guten Tag, Frau Pahlavi,

die Idee, Ihnen zu schreiben, kam mir bei der Lektüre des Spiegel. Aus Ihrem Pariser Exil wenden Sie sich an die iranischen Streitkräfte und fordern diese auf, sich „in diesem kritischen Moment der iranischen Geschichte“ „ihren Brüdern und Schwestern anzuschließen, bevor es zu spät ist“. Und: „,Bedenkt, dass das Überleben einer Regierung und der Erhalt von Errungenschaften niemals das Vergießen des Blutes eurer Landsleute rechtfertigen.“ (spiegel.de 13.1.26)

Es ist schon bemerkenswert, Frau Pahlavi, wann Ihnen einfällt, dass das Überleben einer Regierung kein Blutvergießen wert sei! Denn Ihr Mann, Schah Reza Pahlavi hat seinerzeit über Jahre hinweg – vielleicht erinnern Sie sich – sehr viel Blut vergossen, um das Überleben seiner Regierung und der Erhalt seiner / ihrer Errungenschaften gegen alle Kritik und vor allem gegen seine linken Gegner zu sichern – das können sogar Sie problemlos bei Wikipedia nachlesen, wenn Sie das vergessen haben sollten.

Bemerkenswert ist auch, dass Sie die Dreistigkeit besitzen, sich überhaupt aus dem Exil ausgerechnet im Namen jenes Volkes zu Wort zu melden, das Sie 1979 aus guten Gründen aus dem Iran verjagt hat. Ein Kaiser(paar) mit US-Patronage muss sich schon einiges leisten, damit das normalerweise eher loyale, zumindest fast immer ängstliche und zögerliche Volk dermaßen in Wallung gerät und sich dann auch noch über alle Klassen und politischen Gruppierungen hinweg mehrheitlich einig wird, gegen seine Monarchen aufzubegehren und diesen – aller Repression zum Trotz und ausnahmsweise ganz ohne ausländische Sponsoren – zu stürzen.

Vielleicht können Sie sich in diesem Zusammenhang trotz ihrer 87 Jahre daran erinnern, dass Ihr Mann sein Amt als „Kaiser Persiens“ seinerseits einem blutigen Sturz zu verdanken hat: 1953 hat die CIA dafür gesorgt, dass der gewählte Ministerpräsident Mossadegh, der die Ölquellen nationalisieren und die Einnahmen für die Entwicklung der iranischen Gesellschaft verwenden wollte, weggeputscht wurde und in der Folge Schah Reza Pahlavi erneut die Führung des Landes übernahm. Diese Rolle übte er in der Folge 25 Jahre äußerst brutal und ganz zur Zufriedenheit der USA aus: US-Kapital durfte die Briten aus dem Ölgeschäft verdrängen; für die dem Schah zugestandenen Einnahmen wurden im Gegenzug massenhaft US-Waffen gekauft. 40 Prozent des iranischen Haushalts gingen dafür drauf, die damals viertgrößte Armee der Welt und einen Geheimdienst von 60.000 Leuten sowie 33.000 Polizisten zu bezahlen.

Wahrscheinlich möchten Sie trotz oder wegen Ihres langen und wohlhabenden Lebens lieber nicht darüber nachdenken, dass das Leben auf dem Land damals ein Leben in Hunger war (durchschnittliche Lebenserwartung 30 Jahre, 96 Prozent Analphabeten!) und die Modernisierung („weiße Revolution“), die Ihr Mann dann durchsetzte, so viele kleine Bauern in noch mehr Armut und in die Slums der Städte trieb, dass diese Leute in ihrem perspektivlosen Elend der geborene Ansprechpartner für die reaktionär-fundamentalistische Agitation der schiitischen Geistlichkeit, für die Heilsversprechen des politischen Islam wurde – eben jener Mullahs, die Sie heute so gerne wieder weg hätten. Vieles hatte Ihnen übrigens 1967 schon einmal eine Journalistin aus Deutschland in einem Offenen Brief geschrieben – daran können Sie sich vielleicht doch erinnern…

Sicherlich haben Sie während der letzten Jahre und Jahrzehnte mit Schadenfreude beobachtet, wie die westlichen Staaten aus ihren politischen Kalkulationen heraus „den Iran“ auf die Liste der „Schurkenstaaten“ gesetzt und das Leben der normalen Leute mit Sanktionen mehr und mehr eingeschnürt haben, um sie zum Aufbegehren zu nötigen. Das hat die innere Repression von Seiten der Mullah-Regierung, die sich nicht ganz zu Unrecht in einem Kriegszustand wähnt (in diesem Sommer wurde der Iran zuletzt offen von Israel und den USA angegriffen), heftig befördert. Die Sanktionen sollten bewirken, dass die iranische Bevölkerung ihre Not der islamischen Führung anlastet und diese zum Teufel jagt – und vielleicht ist es jetzt tatsächlich soweit.

Damit die sturmreif sanktionierten Volksmassen das auch mit letzter Konsequenz machen, versichert ihnen der Führer der Freien Welt seine Unterstützung („Iranische Patrioten, protestiert weiter, übernehmt Eure Institutionen! Hilfe ist auf dem Weg“, soll Trump gesagt haben), während CIA und Mossad Berichten zufolge bewaffnete Gruppen einschleusten. Auch Sie, Frau Pahlavi, wenden sich an die Protestierenden, um sie anzufeuern, keine Kompromisse mit der Islamischen Republik einzugehen: „Meine Kinder, gebt die Hoffnung nicht auf. Seid stark und glaubt daran, dass ihr bald gemeinsam die Freiheit in Iran feiern werdet und dass Licht über Dunkelheit siegen wird.“

„Gemeinsam die Freiheit in Iran feiern“ – dürfen wir einmal fragen, was Sie, Frau Pahlavi, sich darunter vorstellen? Soll jetzt ein gutes Leben für alle kommen? Stehen Sie etwa plötzlich auf Seiten der iranischen Volksmassen und ihrer Bedürfnisse? Oder ist es doch eher so, dass der Iran wieder das werden soll, was er unter Ihrer Herrschaft und mit US-Unterstützung schon einmal war: ein für die geopolitischen und ökonomischen Interessen der USA funktionierender Öl-Staat, der einer kleinen nationalen Elite nützt?

Ihr Sohn – so ist zu hören – verlangt aus den USA heraus eine Führungsrolle für sich in der iranischen Opposition. Neben einem immer noch beträchtlichen Vermögen (unter anderem Immobilienbesitz in Sankt Moritz) scheint er von seinen Eltern auch die Dreistigkeit geerbt zu haben – und ist offenbar willens, sein geliebtes Land und dessen Bewohner an Trumps Amerika zu verkaufen, um sich als dessen Stadthalter ins Spiel zu bringen. Es gibt also keinen Zweifel daran, dass Sie und die Ihren dazu bereit sind, ihr geliebtes Land kaltblütig wieder zu dem zu machen, was es vor 47 Jahren war. Ob es so kommt, entscheiden indes andere – aber das war ja damals auch schon so…

Ohne jede Achtung vor Ihrer Majestät,

Renate Dillmann

https://overton-magazin.de/top-story/offener-brief-an-farah-diba/

One Response »

  1. Hallo Frau Dillmann,

    über ihren ausfühlichen Brief an Farah Diba war ich schon verwundert. Ich dachte, die ist schon längst tot ?
    Und selbst wenn diese Dattergreisin noch lebt, – bei dem, dieser Frau soo viel Aufmerksamkeit zu widmen, überschätzen sie doch die Zahl der Leser, bei denen im Deutschland dieser Tussi noch Aufmerksamkeit bekommt.

    Oder seh ich das falsch

    Gruß Ricardo

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