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Renate Dillmann: Deutschlands Dilemma

Von • Jan. 21st, 2026 • Kategorie: Allgemein

Deutschlands Dilemma
Gewalt war schon immer eine Voraussetzung des internationalen kapitalistischen Geschäfts. Nun fehlt Deutschland und der EU jedoch die militärische Rückendeckung der USA

Von Renate Dillmann

Laut einer Umfrage der Bild glauben 52 Prozent der deutschen Bevölkerung, dass Wladimir Putin »uns« in den nächsten Jahren angreifen wird – was immer sie sich darunter vorstellen: ihr Haus mit Vorgarten oder ihre »bunte Lebensart« mit Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, Mülltrennen und korrektem Gendern.

In der nationalen Öffentlichkeit hat man sich viel Mühe gegeben, damit die Menschen sich die anstehende Kriegsfrage so vorstellen und ihr eigenes kleines Leben mit dem verwechseln, um was es in der Konkurrenz der Staaten geht – diese Mühe ist von Erfolg gekrönt.

Lassen wir die Welt der Vorstellungen und Feindbilder einmal beiseite und konzentrieren uns auf die reale Seite. Denn es ist ja offensichtlich: Deutschland setzt auf Krieg, stellt Hunderte von Milliarden für Aufrüstung und den nötigen Umbau der Infrastruktur zur Verfügung, führt die Wehrpflicht wieder ein und macht auch geistig mobil.

Warum aber will die deutsche Regierung das Land in ganz neuer Art und Weise »kriegstüchtig« machen und warum hält sie einen Krieg gegen Russland für prinzipiell unumgänglich, selbst wenn gerade ein paar neue Töne in dieser Frage zu vernehmen sind? Und nicht nur Deutschland agiert so – wichtige EU-Staaten und auch Großbritannien sehen das genauso.

Im Gedränge der Staaten

Geschäft und Gewalt

Die deutsche EU

Kampf um die Vormacht

Interessen zurechtschießen

Zurichtung der Gesellschaft

Der deutsche Staat will seine Großmachtansprüche auf dem europäischen Kontinent untermauern – auch um den Preis eines Weltkriegs. Dafür nimmt er seine gesamte Gesellschaft in Haftung. Menschen, die persönlich keinerlei Grund und Anlass haben, mit Russen um ihr Leben zu kämpfen, werden genau das demnächst tun. Das passende Feindbild dafür wird ihnen bereits geliefert.

Anders gesagt: Ein kapitalistisch erfolgreicher Staat wie die Bundesrepublik Deutschland ist ohne die Übergänge in eine gewaltsame Absicherung seiner Akkumulationsbedingungen auf der Welt und deshalb ohne Auseinandersetzung mit seinen wichtigen Konkurrenten nicht zu haben. Kapitalismus, Staatenkonkurrenz und Krieg gehören zusammen.

Wenn es auf Krieg zugeht, ist das wiederum nicht zu haben ohne die Zurichtung der gesamten Gesellschaft. Das macht einen robusten Umgang mit der vorher gepflegten »pluralistischen« Öffentlichkeit nötig. Abweichende Positionen, seien sie auch noch so konstruktiv, werden aussortiert und sanktioniert (übrigens ohne jeden Einspruch der »freien Presse«). Demokratie und ihre Faschisierung in nationalen Krisensituationen gehören zusammen. Die staatlich verordnete Perspektive für die Bevölkerung ist: Verarmung, Rassismus und Krieg.

Wer das nicht will, muss sich warm anziehen – und sehr grundsätzliche Kritik üben. Diesem kriegsbereiten Staat mit Verweis auf seine eigenen schönen Werte wie »Freiheit«, »Selbstbestimmung« oder ähnlichem zu kommen, reicht nicht – das sage ich bei aller solidarischen Unterstützung in Richtung Schulstreik. Denn dieser demokratische Staat buchstabiert seinem Volk gerade vor, wie er diese Werte versteht: »Alles für die Freiheit aufzugeben, das ist Freiheit.« (General Christian Freuding im Juli 2025)

Aus: junge Welt – Ausgabe vom 20.01.2026 / Seite 12 / Thema: Militarisierung

https://www.jungewelt.de/artikel/515996.militarisierung-deutschlands-dilemma.html

3 Responses »

  1. Norbert Wohlfahrt hat gerade den Text „MAGA als Vor- und Feindbild“ veröffentlicht, der sich ebenfalls mit dem deutschen Dilemma befasst. In dem Text geht es vor allem um den Aufweis der derzeitigen deutschen Großmachtansprüche, die das Selbstbild der „liberalen Demokratie“ mit einem Update versehen:

    https://www.i-v-a.net/doku.php?id=texts26#maga_als_vor-_und_feindbild

  2. Zu Renate Dillmanns Beitrag über das deutsche Dilemma auf dem Weg zur Großmacht hat es einige Wortmeldungen gegeben. Und der Text steht ja sowieso im Kontext von Diskussionen, die in der Friedensbewegung – etwa angestoßen von der gewerkschaftlichen Basisinitiative „Sagt NEIN!“ – über den Gewaltcharakter des heutigen Staatenverkehrs geführt werden. Dazu gibt es aus dem IVA-Netzwerk einen Überblick, der im Gewerkschaftsforum erschienen ist:

    https://gewerkschaftsforum.de/geschaeft-und-gewalt-zur-grundlegenden-friedlosigkeit-des-staatenverkehrs/

  3. Im Gewerkschaftsforum ist ein weiterer Text aus dem Umkreis von „Sagt NEIN!“erschienen. „Auch im neuen Jahr: Einsprüche gegen Militarisierung“ weist auf aktuelle Veröffentlichungen hin, die sich mit abweichenden Meinungen in Sachen fortschreitende Militarisierung zu Wort melden:

    https://gewerkschaftsforum.de/auch-im-neuen-jahr-einsprueche-gegen-militarisierung/#more-25639

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