Björn Hendrig: Kapital mit und ohne Vaterland
Von webmaster • Jan. 13th, 2026 • Kategorie: AllgemeinBjörn Hendrig: Kapital mit und ohne Vaterland
Teil 1: Der Staat kann es der Wirtschaft einfach nicht recht machen – aber bemüht sich nach Kräften.
Deutsche Unternehmen hadern mit der Politik, manche liebäugeln sogar mit der AfD, andere halten gegen Ansagen aus Berlin am Geschäft mit Russland und China fest. Immerhin sind immer mehr Firmen scharf auf Rüstungsaufträge. Was ist mit dem Kapital los? „Vaterlandslose Gesellen“, strammstehende Nationalisten oder beides?
„Gut gestartet“, aber „im Lauf des Sommers etwas den Faden verloren“: So beurteilt der Chef des Bundesverbandes der Industrie (BDI), Peter Leibinger, die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung (Claus Hulverscheidt und Michael Radunski: „Die Stimmung ist teils regelrecht aggressiv“, in: Süddeutsche Zeitung, 16. Dezember 2025). „Beim Start der Regierung im Mai war die Lage der Wirtschaft kritisch, die Stimmung aber hoffnungsvoll. Jetzt sind die Probleme immer noch da, viele Unternehmen sind aber so maßlos enttäuscht, wie ich es noch nie erlebt habe (…) Wir stecken in der schwersten Wirtschaftskrise seit Gründung der Bundesrepublik – längste Rezession, Produktionsschwund seit 2018, geringes Produktivitätswachstum, Letzter im Wachstum unter den großen Volkswirtschaften der Welt.“
Großer Alarm: Die Gewinne sprudeln nicht wie gewohnt!
Kein Alarm: Die Einkommen bleiben so niedrig wie gewohnt
Das Rezept: Jegliche Beschränkung des Gewinnemachens aufheben
„Investitionsbooster“, „Deutschlandfonds“, längere Arbeitszeiten: Die Regierung hat verstanden
Klassenkampf von oben: Wohltaten bitte nur für die Wirtschaft
Der Sündenfall: Liebäugeln mit der verfemten politischen Konkurrenz
Einstweilige Entwarnung: Noch ist die Alternative keine Alternative
Tatsächlich sind viele Unternehmen hin und her gerissen: „Es gebe durchaus Positionen, die man ähnlich sehe wie die AfD“, sagt Rainer Kirchdörfer, Vorstand der „Stiftung Familienunternehmen“. „Auch die Stiftung sorgt sich um die Wettbewerbskraft Deutschlands, fordert Bürokratieabbau, niedrigere Lohnnebenkosten und möchte, dass das Betriebsvermögen von der Erbschaftssteuer verschont bleibt.“ (Bug u.a., ebenda)
Aber öffentlich die Gemeinsamkeiten mit der AfD zu besprechen, das traut sich die überwiegende Mehrheit des Kapitals noch nicht. Warum sollte man es sich auch mit den Herrschaften an der Macht verscherzen, indem man die Herrschaften, die vielleicht es einmal an die Macht schaffen, schon jetzt umschmeichelt? Dafür ist dann noch genügend Zeit, wenn die AfD Regierungsverantwortung übernimmt.
Zumal die „Alternative“ im Hinblick auf die Wirtschaftspolitik keine große ist.
Aus Sicht einer exportorientierten Ökonomie hängt diese Partei außerdem problematischen Ansichten an: Die Europäische Union, den Binnenmarkt und den Euro, also das Erfolgsmodell Deutschlands, hält die AfD für schädlich. Radikale Nationalisten, die sie sind, sehen sie darin eine Schwächung der deutschen Souveränität – anstatt zu erkennen, dass gerade die EU und die Gemeinschaftswährung die ökonomische Macht Deutschlands vervielfacht haben. Besonders international agierende Unternehmen, darunter auch Familienbetriebe, können sich deshalb mit der AfD nicht anfreunden.
Bei aller Liebe zum Vaterland: alles fürs Geschäft! Dabei darf und muss das Vaterland gern helfen. Es sollte aber auch nicht im Wege stehen.
https://overton-magazin.de/top-story/kapital-mit-und-ohne-vaterland/
Teil 2: Der Staat sorgt für die optimalen Geschäftsbedingungen seines Kapitals – und das Kapital?
Die Wirtschaft unterstützt die politische Linie – und unterläuft sie, wenn es ihr am besten passt und noch erlaubt ist.
Das Geschäft mit dem ausgemachten Feind Russland und mit dem „Systemrivalen“ China sieht die Bundesregierung in Berlin sehr kritisch. Doch einige Unternehmen folgen nicht der Ansage, ihr Engagement einzustellen. (…)
Zur Begründung wird allerdings nicht schlicht angeführt, dass man sich durch die de facto-Kriegserklärung des Westens keinesfalls das Geschäft kaputt machen lasse. Vielmehr wird mit der Versorgung der Bevölkerung argumentiert, die sonst auf westliche Medikamente oder Schokoriegel verzichten müsste. (…)
Dem Geldadel ist es eben schlicht egal, wo die Geschäfte laufen, Hauptsache, sie laufen. Eine Aufgabe der Aktivitäten in Russland helfe nur der Konkurrenz: „Würden wir unsere Geschäftstätigkeit vollständig einstellen, liefen wir Gefahr, unser gesamtes Geschäft einer anderen Gruppe zu überlassen, die den gesamten Erlös für ihre eigenen Interessen verwenden könnte.“ Aber natürlich habe man die „brutale Aggression gegen die Ukraine verurteilt“ (Focus online, ebenda)
Wenn Krieg vorbereitet wird, hat auch das Kapital zu spuren
Berlins Attacken gegen Peking: beinahe geschäftsschädigend
BASF und andere: Das deutsche Kapital kann von China nicht lassen
Auftrag an die Politik: Regelt das mit China und lasst uns die Geschäfte machen
Aufrüstung: Zwischen Staat und Kapital passt kein Blatt Papier
Waffen liefern und damit Krieg verhindern? Irrsinn, aber nicht fürs Kapital
Was kann besser sein als ein sicheres Zusatzgeschäft, und das auch noch in einem friedenstiftenden Auftrag? Ob der Manager Rosenfeld wirklich daran glaubt, dass ein Staat mit großer Waffengewalt diese genau deswegen nicht einsetzt? Das Beispiel aus den USA könnte ihm aktuell zu denken geben, oder das aus den Zeiten von Schaeffler im Dritten Reich. Und warum rüsten Staaten eigentlich ständig gegeneinander? Da prallen stets ziemlich gegensätzliche Interessen aufeinander. Zum Beispiel die, dem Gegner die Bedingungen diktieren zu können, wie er sich vom auswärtigen Kapital benutzen lässt. Wenn das „friedlich“ funktioniert, gut. Wenn nicht, weil die Gegenseite auf ihren Vorteil besteht, stehen ökonomischer Druck, Sanktionen, Handelskrieg und richtiger Krieg zur Verfügung.
So schließt sich der Kreis: Der Staat sorgt für die optimalen Geschäftsbedingungen seines Kapitals. Das Kapital seinerseits dankt es ihm mit reichlich Profit, an dem er den Staat teilhaben lässt. Und wenn der Staat bei seinen Händeln mit anderen Staaten auf Widerstand stößt, steht ihm sein Kapital mit dem nötigen Gewaltmaterial gern zur Seite. Da weiß es dann sehr wohl, wo sein „Vaterland“ liegt.
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