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Suitbert Cechura: Nachhaltige Rentenmärchen

Von • Aug. 3rd, 2025 • Kategorie: Allgemein

Suitbert Cechura: Nachhaltige Rentenmärchen

Bei all den Wenden, Auf- und Umbrüchen gibt es im Sozialwesen Narrative, die eine erstaunliche Haltbarkeit zeigen. Hier das Beispiel Rentenversicherung.

Die gesetzliche Rentenversicherung ist ein Dauerthema in der deutschen Öffentlichkeit, zu dem sich ständig Wissenschaftler, Journalisten und Politiker äußern – allerdings selten sachlich. So wusste die Tagesschau im Mai als Neuigkeit zu vermelden: „Eine Reform der gesetzlichen Rente gilt als überfällig.“ Woher diese unabweisbare Gültigkeit kommt, bleibt etwas im Nebel, stattdessen wird die Reform als ein Sachzwang behandelt, der sich aus der Lage der Rentenversicherung selber ergeben soll. Marode Unternehmen muss man eben sanieren.

Dabei ist die gesetzliche Rentenversicherung alles andere als ein normales Versicherungsunternehmen, denn ob man sie abschließen will oder nicht, ist den meisten Bürgern gar nicht selbst überlassen. Als abhängig Beschäftigte unterliegen sie schlicht der Versicherungspflicht; sie sind wegen der Art ihres Einkommens gesetzlich gezwungen, einen Teil ihres Einkommens für die Altersvorsorge aufzuwenden. Der Gesetzgeber traut ihnen – so klassenbewusst ist der über allen Klassen stehende bürgerliche Staat – wegen der Besonderheit ihrer Einkommensquelle Lohnarbeit nicht zu, dass sie selber für ihr Alter vorsorgen (können), und enteignet einen Teil des Lohnes oder Gehalts gleich an der Quelle.

Da Lohnarbeit abhängig ist von Arbeitgebern, die die Beschäftigung wiederum davon abhängig machen, dass sich die Anwendung von Arbeitskräften für sie lohnt, ist das betreffende Einkommen zum einen unsicher und zum anderen offenbar so gering, dass es für die Altersvorsorge und für den Lebensunterhalt nicht reicht. Die Gesamtheit der Arbeitnehmer soll daher mit ihren Lohnkosten diesen Mangel beseitigen, wobei die Arbeitgeber formal an diesen Kosten beteiligt werden. In ihrer Kostenrechnung erscheint dieser Betrag als Bestandteil der Personalkosten, die aufzubringen sind, damit ein lohnendes Geschäft in Gang gesetzt werden kann.

In der Sache regiert hier also ein politischer Wille, der darüber befindet, wie im Einzelnen eine Klasse zur Kasse gebeten werden soll. Dem haben sich die angeblichen Sachzwänge unterzuordnen. Die Rentenversicherung als Zwangsversicherung blamiert damit auch ein Märchen, das von Politikern wie Journalisten immer wieder aufs Neue aufgetischt wird. Es nennt sich:

Der Generationenvertrag

Der demographische Wandel

„Sozialversicherungen sprengen die Leistungsfähigkeit des Staates“

Beunruhigende Märchen

Kindermärchen dienen zur Unterhaltung der Kleinen oder zu deren Beruhigung vorm Einschlafen. Die politischen Märchen versuchen jedoch, die Bürger gegeneinander in Stellung zu bringen: die Jungen gegen die Alten, Steuerzahler gegen Rentner, Fleißige gegen Drückeberger. Dabei sind diese Märchen Begleitmusik zur laufenden Verarmung derer, die von Lohn oder Gehalt leben müssen – und das nicht erst, wenn sie in Rente gehen. Schließlich stehen mit jeder Rentenreform nicht bloß ihre Lebensbedingungen im Alter zur Debatte, sondern auch immer der Anteil des Lohns, der gleich an der Quelle verstaatlicht wird, und damit das, was ihnen zum Leben bleibt.

Neben der Inflation, den steigenden Steuern und Mieten findet daher eine laufende Entwertung der Einkommen durch die Sozialabgaben statt. Gleichzeitig erhalten die Lohn- und Gehaltsempfänger für diese Sozialbeiträge immer weniger Leistungen und sollen von ihren schwindenden Einkommen immer mehr selber an Vorsorge für die Widrigkeiten des Lohnarbeitsverhältnisses tragen. Der Sozialstaat hat ja schon lange sein Versprechen aufgekündigt, dass die gesetzliche Rente im Alter zum Leben reicht, und mit der Einführung der Riesterrente die Bürger explizit verpflichtet, selber vorzusorgen. Er steht immer weniger für die Existenzbedingungen seiner Bürger ein, wie die niedrigen Renten und Grundsicherungsbeträge zeigen, die immer mehr Bürger auf die private Wohlfahrt von Tafeln und Kleiderkammern verweisen.

All das muss angeblich sein, weil es keine Alternativen gibt. Das behaupten jedenfalls die Narrative der Politiker, die sich gerade bei der Aufrüstung und deren Finanzierung alle Freiheiten erlauben – so dass sogar regierungstreue Figuren wie die SPD-Dissidenten langsam bei der Rüstung Bedenken bekommen –, während sie bei den Kosten fürs Soziale ständig die Grenzen des Machbaren betonen und diese kürzen.

https://overton-magazin.de/top-story/nachhaltige-rentenmaerchen/

3 Responses »

  1. Reiner Heyse: Nachhaltiger Generationenvertrag – kein Märchen

    Eine Replik auf Suitbert Cechura, der den Generationenvertrag der Rente als „Märchen“ und als „merkwürdige Form der Solidarität“ bezeichnete“.

    https://overton-magazin.de/top-story/nachhaltiger-generationenvertrag-kein-maerchen/

  2. Suitbert Cechura: Rentenversicherung: Märchen werden nicht glaubwürdiger, wenn man sie wiederholt

    Eine Replik auf den Beitrag „Nachhaltiger Generationenvertrag – kein Märchen“ von Reiner Heyse im Overton-Magazin vom 7. August.

    Vorab eine Bemerkung: Ich begrüße es, wenn Autoren in einem Magazin, das sich der kritischen Auseinandersetzung mit den Dogmen des medialen Mainstreams widmet, ihre unterschiedlichen Ansichten nicht einfach nebeneinander stellen, sondern sich endlich mit ihren Argumenten aufeinander beziehen. Ein Schritt, den Reiner Heyse jetzt gemacht hat. Ich hatte so etwas vor Jahren bei Telepolis angeregt, es fand aber keine Resonanz.

    Zur Sache: Es geht um die Rentenversicherung und die Mär bzw. – vornehm gesprochen – das Narrativ vom Generationenvertrag, der im gängigen sozialpolitischen Diskurs als ein Akt der Solidarität dargestellt wird.

    Ich habe in meinem Beitrag daran erinnert, dass Solidarität einmal ein Akt war, mit dem sich Menschen freiwillig zusammenschlossen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Eine Sicht von Solidarität, die Ausgangspunkt der Gründung von Gewerkschaften war, die aber offenbar auch in Gewerkschaftskreisen nicht mehr durchgängig geteilt wird – Heyse stellt sich ja gerade mit seiner Erfahrung als langjähriges Tarifkommissionsmitglied in der IG Metall vor!

    Ein sehr interessiertes Missverständnis

    Tja, die Rente ist sicher

    Erfüllt ist sachlich gesehen eine Bedingung: die verbindliche Regelung per Gesetz, das ständig geändert wird. Ältere werden sich vielleicht noch erinnern, dass unter Helmut Kohl ein Norbert Blüm mit der Parole „Die Rente ist sicher!“ in den Wahlkampf zog. Das war wohl notwendig, weil jedem Arbeitnehmer in einer modernen Marktwirtschaft die prinzipielle Unsicherheit seiner ökonomischen Existenz vertraut ist. Doch mit dem großartigen Versprechen war ja nicht gesagt, auf welchem Niveau besagte „Absicherung“ stattfinden soll.

    Und so kann das noch jede neue Regierung wieder versprechen – währenddessen ist das garantierte Versorgungsniveau schrittweise gesenkt worden, die Altersarmut seitdem gewachsen, ja zum offiziellen Sorgegegenstand avanciert und der Staat ergänzt die Rentenversicherung aus seinem Sozialetat in einer Weise, die sie von einer Krise in die nächste treibt.

    Das Ganze soll man aushalten – weil Solidarität von Jung und Alt gefordert ist? Und weil diesem Generationenvertrag ständig, logischerweise bei einem derartigen Verpflichtungsverhältnis, die demographische Krise zu schaffen macht – so das nächste Narrativ, auf dessen Kritik der Beitrag über die Rentenmärchen ebenfalls zielte. Die Arbeiterklasse hat also neben dem staatlichen Zwang auch noch eine ganze Menge an moralischer Einseifung zu ertragen.

    Und das alles kann einen aufrechten Gewerkschafter nicht erschüttern? Das noch nicht einmal in Zeiten, in denen wegen massiver Rüstungskosten die „Leistungsstärke“ des Sozialsystems massiv eingeschränkt werden soll, wie man jeden zweiten Tag in der Zeitung lesen kann?

    https://overton-magazin.de/top-story/rentenversicherung-maerchen-werden-nicht-glaubwuerdiger-wenn-man-sie-wiederholt/

  3. Reiner Heyse: Generationenvertrag oder Versicherungsvertrag?

    Die umlagefinanzierte Rente, der sogenannte Generationenvertrag, wird mittlerweile fast täglich in den Medien angegriffen. Für die Jüngeren zu teuer, unsolidarisch und ungerecht. Der Generationenvertrag sei nicht in der Lage, die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen, dazu müssten Lohnanteile in die Kapitalmärkte investiert werden.

    Im Overton-Magazin wurde zu dem Thema eine kontroverse Debatte geführt.

    Keine Angst, dieses wird keine Replik zur Replik auf die Replik zum Overton-Artikel „Nachhaltige Rentenmärchen“. Ich will hier noch einmal versuchen, den Kern meines Anliegens zu verdeutlichen. Dabei spielen die wechselseitigen Interpretationen, was Heyse versus Cechura versus Heyse geschrieben, gemeint, verschwiegen oder sonst was haben, eine sehr untergeordnete Rolle.

    Ich muss auch gestehen, mir ist unklar, auf was Suitbert Cechura mit seinen Beiträgen eigentlich hinaus will. (…)

    https://overton-magazin.de/top-story/generationenvertrag-oder-versicherungsvertrag/