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Renate Dillmann und Arian Schiffer-Nasserie: Die nächste Front

Von • Juni 22nd, 2025 • Kategorie: Allgemein

Die nächste Front

Israel contra Iran.

Über den von westlichen Politikern und Medien seit langem herbeigewünschten Angriffskrieg gegen einen »Störenfried« und dessen Vorgeschichte

Von Renate Dillmann und Arian Schiffer-Nasserie

Israels Angriff begann zwei Tage vor den geplanten iranisch-amerikanischen Atomverhandlungen, die damit obsolet wurden. Er war offenbar von langer Hand geplant. Im Westen bekennt man sich teilweise unumwunden dazu, dass die Verhandlungen den Iran in falscher Sicherheit wiegen sollten, bevor Israel das Land am islamischen Feiertag überfiel. Trotz des Dementis von US-Präsident Donald Trump wurden und werden die israelischen Flugzeuge über Irak und Jordanien von US-Tankflugzeugen betankt. (…)

Inzwischen stehen die USA offenbar kurz vor einem Eintritt in diesen Krieg. Die Sabotage Israels an den laufenden Verhandlungen nimmt Trump zum Anlass, nun den Iran zur Kapitulation aufzufordern – ein ebenso rasanter wie bemerkenswerter Übergang.

Das Völkerrecht ist als Maßstab der Beurteilung dieses Krieges von westlicher Seite eher nicht gefragt. Auch wenn Experten dem deutschen Publikum vor laufenden Kameras etwas zögerlich gestehen, dass es sich gemäß Artikel 51 der UN-Charta »wohl« um einen völkerrechtswidrigen Krieg handle,⁵ ändert das nichts daran, dass man der neuerlichen Aggression Israels verständnisvoll begegnet. Die Eliminierung eines ausländischen Staatsoberhauptes kann sich der Kanzler der »regel- und wertebasierten« deutschen Außenpolitik dabei ohne weiteres vorstellen: »Dieses Regime muss an sein Ende kommen«, äußerte er vorgestern. Dass über die israelischen Toten und Verletzten mit ungleich anderer Anteilnahme berichtet wird als über die iranischen, ist zwar inzwischen bereits eine selbstverständliche Routine für Medien wie Publikum, das im Gazakrieg diesbezüglich geschult wurde. Trotzdem ist die geistige Verrohung, die im Bekenntnis zu und der Feier von Gewalt gegen politische Gegner zum Ausdruck kommt, beachtlich.

Zum Schurkenstaat erklärt

Fundamentalismus an der Macht

Feindschaft der USA

Kampf um die Existenz?

Folgen für »die Weltordnung«

Die bilateralen und internationalen Verträge, die einst unter Federführung der USA im Sinne ihrer Weltordnung geschlossen wurden (und als deren Hüter sich die EU im Ukraine-Krieg bis heute treuherzig inszeniert), werden in diesem Konflikt gebrochen. Westliche Akteure bekennen sich dazu, Verträge zu schließen, um den Gegner geradezu schurkenhaft zu täuschen – wie schon im Falle des Ukraine-Kriegs, belegt durch Angela Merkels Äußerung zu den eigentlichen Absichten des Minsker Abkommens.¹⁰

Für Drittstaaten wird es damit offenkundig zunehmend sinnlos, auf diplomatische Verständigung mit dem Westen zu bauen. Als Optionen bleiben ihnen militärische Selbstbehauptung, die Aufgabe ihrer ohnehin bedingten Souveränität oder die spiegelbildliche Schurkerei.

In jedem Fall wird die bisherige ohnehin brüchige Weltordnung, basierend auf dem Völker- und Menschenrecht, ausgehebelt. Was bleibt, ist der offene Kampf um militärische Dominanz. Als Schutzmächte internationaler Verträge bringen sich zunehmend die Rivalen der USA, insbesondere China und auch Russland, in Stellung, was die Gefahren für einen neuen Weltkrieg erhöht.

Renate Dillmann und Adrian Schiffer-Nasserie schrieben an dieser Stelle zuletzt gemeinsam am 5. Oktober 2018 über den Sozialstaat: Verwaltete Armut.


Aus: junge Welt – Ausgabe vom 20.06.2025 / Seite 12 / Thema: Naher und Mittlerer Osten

https://www.jungewelt.de/artikel/502368.naher-und-mittlerer-osten-die-nchste-front.html

One Response »

  1. „Krisenintervention statt Polizei? Transformative Perspektiven auf Soziale Arbeit“

    Aufzeichnung der Veranstaltung vom 29.04.2023 im Nordpol in Dortmund.

    Im August 2022 wird der 16-jährige Mouhamed in der Dortmunder Nordstadt von der Polizei erschossen. Er lebte zuletzt in einer christlichen Jugendhilfeeinrichtung. Auch Mouhamed war traumatisiert durch Erfahrungen während seiner Flucht aus dem Senegal. Als Mouhamed suizidale Gedanken äußerte und sich selbst mit einem Messer verletzen wollte, rief ein Mitarbeiter der Einrichtung den Polizeinotruf.

    Der Vorfall um den Mord an Mouhamed durch die Polizei Dortmund löst bundesweit Entsetzen aus und verstärkt das wachsende Misstrauen gegen Polizei und psychiatrische Institutionen gerade bei von Marginalisierung und Diskriminierung betroffenen Personen sowie die Debatte um die Notwendigkeit eines Kriseninterventionsteams in Dortmund.

    Wir sprechen mit einem Mitarbeiter des Krisendienst Berlin, einer Sozialarbeiterin aus Dortmund sowie Prof. Dr. Schiffer-Nasserie (EVH Bochum), wie Alternativen zum Polizeinotruf im Krisenfall in Dortmund aussehen können.

    https://radio.nrdpl.org/2023/05/01/krisenintervention-statt-polizei-transformative-perspektiven-auf-soziale-arbeit/

    https://media.radio-nrdpl.org/public_audio/20230429_Krisen_Intervention_statt_Polizei.mp3