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Kritik an Ideologien, Aufklärung über populäre Irrtümer, Kommentare zum Zeitgeschehen

Wien | 09.01.2019 | Ein 12-Stunden-Tag für Österreich

Von • Dez 28th, 2018 • Kategorie: Veranstaltungen

Zeit: Mittwoch | 9. Januar 2019 | 19:00 Uhr

Ort: Amerlinghaus | Stiftgasse 8 | 1070 Wien

Veranstalter: Arbeitskreis Gegenpositionen Wien

 

Ein 12-Stunden-Tag für Österreich

 

Unter dem Protest der Gewerkschaften kommt die österreichische Regierung 2018 einer jahrelangen Forderung der Arbeitgeber nach und kündigt eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten an: Die sollen künftig ihre Belegschaften bis zu 12 Stunden arbeiten lassen können, ohne dass es dafür noch einer Vereinbarung mit dem Betriebsrat bedarf. Der Arbeitnehmer bekommt dazu eine ‚Freiwilligkeitsgarantie‘ geschenkt, darf die 11. und 12. Stunde also „ohne Angabe von Gründen“ ablehnen und darf „deswegen nicht benachteiligt werden“.

Damit sich keiner in der Alpenrepublik darüber täuscht, wie notwendig und vernünftig das neue Arbeitszeitgesetz ist, betreibt die Wirtschaftskammer eine großflächige Aufklärungskampagne in Lyrik und Prosa, in der sie es explizit auf den Nachweis anlegt, dass auch und gerade für die Bedürfnisse moderner Arbeitnehmer die Neuerungen eine gute Nachricht sein sollen. In der Empörung, die sie daraufhin von den Betroffenen ernten, gehen ihre Auskünfte aller Streitparteien über die hässlichen Wahrheiten bezüglich der ersten 8, 9 oder 10 Stunden des Arbeitstages und der so oder so spärlichen Freizeit, mit denen sie ihr Publikum agitieren, leider ziemlich unter. Da bringen sie ausführlich die Schwierigkeit der Lohnarbeiter, mit Zeit und Geld umzugehen zur Sprache. Eine proletarische Zwickmühle, die – auch in gschpasiger Mundart vorgetragen – alles andere als eine österreichische Spezialität zu sein scheint:

 

„10 Stunden waren schon immer möglich, jetzt sind dann 12 erlaubt. Worauf dir vor täglich überlanger Arbeit graut. Doch die 12 sind nur für Spitzen, meist bleibst bei 40 Stunden und bezahlt wird’s – Hand drauf – eh’ als Überstunden! … Zählst du’s zamm, unterm Strich kriegst du auch mehr heraus oder gehst dann, wenn’s mal passt, auch viel früher z’haus“ (Wirtschaftskammer)

„Flexibleres Arbeiten bringt Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern Vorteile, weil sie ihre Arbeitszeit selbst flexibler einteilen können; weil sie nach längeren Arbeitstagen Zeitausgleich erhalten und damit ihr Wochenende oder ihren Urlaub verlängern können; weil sie Überstundenzuschläge erhalten“ (ebd.)

„Hast Familie und Beruf, fragst dich, wie das gehn soll, ist dein Tag schon ohne Kids mit allerhand Aufgaben voll, mit flexiblen Arbeitszeiten kannst du’s besser einteilen und brauchst dich wie bisher üblich nicht mehr täglich zweiteilen.“ (ebd.)

„Flexible Arbeitszeiten bringen Vorteile für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Vater oder Mutter können zum Beispiel abends im Home-Office arbeiten, wenn die Kinder schlafen. Haben zudem auch Kinderbetreuungseinrichtungen längere Öffnungszeiten, so können bei flexibleren Arbeitszeiten Familie und Beruf optimal vereinbart werden. Auch Wegzeiten entfallen, wenn Arbeit auf drei oder vier Tage geblockt wird und so größere Freizeitblöcke für die Familie zur Verfügung stehen.“ (ebd.)

„Es ist besser, Auftragsschwankungen durch flexible Arbeitszeiten als durch kurzfristigen Personalauf- und -abbau … abzufangen. So wurden in der Krise 2008/09 in Österreich über 40 000 Jobs durch Überstundenabbau und flexible Arbeitszeiten gesichert.“ (ebd.)

„Warum darf ich nicht 12 Stunden arbeiten, wenn ich das will? Das Arbeitszeitgesetz ist ein Schutz-Gesetz. Es soll ArbeitnehmerInnen (AN) davor schützen, vom Arbeitgeber (AG) zu überlangen Arbeitszeiten gedrängt zu werden. Es soll AN aber auch davor schützen, sich selbst zu sehr auszubeuten. Überlange Arbeitszeiten schaden der Gesundheit massiv. Die MedUni Wien hat erhoben, dass man nach zwei aufeinanderfolgenden 12-Stunden-Tagen drei Tage Freizeit braucht, um sich vollständig zu erholen. Außerdem lässt sich kaum feststellen, wie freiwillig die überlangen Arbeitszeiten wirklich geleistet werden. Und selbst wenn das wirklich freiwillig geschieht, setzt es die anderen AN unter Druck, ihre Arbeitszeit ebenso ‚freiwillig‘ zu verlängern. Das Arbeitszeitgesetz soll genau davor schützen.“ (Österreichischer Gewerkschaftsbund)

„Wir stellen aber jetzt erstmals sicher, dass der Arbeitnehmer, der Einzelne die Freiheit der Selbstbestimmung und auch den Arbeitnehmerschutz bekommt; das sichern wir. Der Einzelne soll den Rechtsanspruch haben und nicht immer nur der Betriebsrat über die Interessen des Einzelnen hinweg entscheiden. Das ist eine Aufwertung des Arbeitnehmerrechts! … Endlich hat jedoch der Arbeitnehmer als Einzelner die freie Entscheidungsgewalt und Selbstbestimmung.“ (Vizekanzler Strache)

„Mit dem Modell des 12-Stunden-Tages können berufstätige Eltern, die ihre Kinder oft nur noch zum Gute-Nacht-Kuss sehen, einen vollen Tag mehr mit ihnen verbringen.“ (ebd.)

 

Was man an solchen Argumenten über die Widersprüche der Erwerbsquelle Lohnarbeit lernen kann, diskutieren wir am 9. Jänner mit allen Interessierten.

 

https://www.facebook.com/events/2302623089959374/

 

Literaturtipp:

 

Ein 12-Stunden-Tag für Österreich: Von der Schwierigkeit der Lohnarbeiter, mit Zeit und Geld umzugehen (GS 4-18)

 

Im Frühjahr 2018 kommt die ÖVP-FPÖ-Regierung einer jahrelangen Forderung der Arbeitgeber nach und kündigt eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten ab Jänner 2019 an. Österreichische Unternehmen sollen ab diesem Zeitpunkt die Belegschaft bis zu 12 Stunden arbeiten lassen können, ohne dass es dafür einer Vereinbarung mit dem Betriebsrat bzw. der Zustimmung eines Arbeitsmediziners bedarf. Der Arbeitnehmer wird bei diesem Gesetz allerdings nicht vergessen: Er bekommt eine ‚Freiwilligkeitsgarantie‘ geschenkt, darf die 11. und 12. Stunde also „ohne Angabe von Gründen“ ablehnen und darf „deswegen nicht benachteiligt werden“. Damit sich keiner in der Alpenrepublik darüber täuscht, wie notwendig und allgemeinwohldienlich das neue Arbeitszeitgesetz ist, betreibt die Wirtschaftskammer eine großflächige Aufklärungskampagne, in der sie sich keineswegs darauf beschränkt, auf die Bedürfnisse ihrer Klientel zu verweisen, von deren Geschäften wir alle abhängen, deren Erfolge uns daher ein Anliegen sein müssen. Auch und gerade für die Bedürfnisse moderner Arbeitnehmer sollen die Neuerungen eine gute Nachricht sein.

 

https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/12-stunden-tag-fuer-oesterreich

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