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Kritik an Ideologien, Aufklärung über populäre Irrtümer, Kommentare zum Zeitgeschehen

Fundsachen: Der Grabbeltisch der Erkenntnis

Von • Mrz 13th, 2016 • Kategorie: Allgemein

Fundsachen:

Julian Bierwirth

Der Grabbeltisch der Erkenntnis – Untersuchung zur Methode des Gegenstandpunkt

Krisis 2/2016

 

Zusammenfassung

Die Zeitschrift Gegenstandpunkt(GSP), ehemals Marxistische Gruppe, genießt den Nimbus, besonders radikale Kapitalismuskritik zu betreiben. Sie nimmt für sich in Anspruch, schonungslos über die herrschenden Zustände aufzuklären und theoretisch so konsequent zu sein, dass sie sich allein auf die Kraft „vernünftiger Argumente“ stützen könne. Dieses Beharren auf dem Primat des Wissens geht einher mit einer bestimmten Form der Theorieproduktion und -vermittlung , die in hohem Maße autoritär strukturiert ist und ihre Gegner systematisch diffamiert, statt die kritische Auseinandersetzung zu suchen.

 

Demgegenüber will die vorliegende Untersuchung zeigen, dass der GSP keinesfalls so radikal ist, wie er sich geriert, sondern inhaltlich und methodisch in vieler Hinsicht sogar noch hinter das Reflexionsniveau des „bürgerlichen Wissenschaftsbetriebs“ zurückfällt, den er doch vermeintlich vernichtend kritisiert. Im Kern reduziert sich die GSP-Position auf die mechanistische Vorstellung, jedes gesellschaftliche Verhältnis, jede soziale Beziehung und jede menschliche Regung gehe in Interessen und Zwecken auf und Kapitalismuskritik bestehe darin, nachzuweisen, dass bestimmte Interessen – im wesentlichen die des „Proletariats“ – systematisch geschädigt würden. Dem entspricht methodisch ein platter Positivismus, der die Oberfläche der gesellschaftlichen Erscheinungen für das Ganze nimmt und daher unterstellt, das wissenschaftliche Denken könne unmittelbaren Zugang zu den Dingen finden, wenn es nur „richtig“ und konsequent die Werkzeuge der Vernunft und der Logik anwende. Es kann daher nicht verwundern, dass der GSP eine Auseinandersetzung mit erkenntnistheoretischen Fragen als vollkommen überflüssig ablehnt, um sich so gegen Kritik zu immunisieren.

 

Seine radikal-positivistische Methode versperrt dem GSP darüber hinaus auch jeden Zugang zur Reflexion auf die grundlegenden Formbestimmungen kapitalistischer Vergesellschaftung. Diese erscheinen ihm als überhistorische und damit unproblematische Selbstverständlichkeiten, die nur „vernünftig“ organisiert werden müssen. Das gilt für das mit der Warenform gesetzte Subjekt-Objekt-Verhältnis ebenso wie für die Arbeit und den Staat.

Zudem resultiert daraus eine systematische Blindheit gegenüber rassistischen und sexistischen Projektionen und Konstruktionen, die sich nicht platt-unmittelbar auf „Interessen“ und „Zwecke“ zurückführen lassen. Diskriminierende Äußerungen auf Veranstaltungen und in Texten sowie die zynische Rationalisierung von sexistischen und rassistischen Vorfällen sind die logische Konsequenz hieraus. Und schließlich reflektieren sich diese theoretischen Kurzschlüsse auch in den Vorstellungen von einer befreiten Gesellschaft. Der „Kommunismus“ à la GSP ist die Fiktion einer auf dem Partikularstandpunkt basierenden Gesellschaft, die durch „kluge Planung“ und das allseitig durchgesetzte Primat des Wissens so organisiert sein soll, dass es zu keinerlei Interessenkollisionen komme, also um die perfekte Nachbildung der kapitalistischen Gesellschaft ohne ihre bedauerlichen Nachteile. Mit radikaler Gesellschaftskritik hat dies erkennbar wenig zu tun.

 

Inhalt

  1. Legenden
  2. Der Primat des Wissens
  3. Playing Dumb
  4. Erkenntnistheorie für Dummies
  5. Das Interesse an der Sache
  6. Theoretically Incorrect
  7. Der doppelte Subjektivismus
  8. Kinder der Postmoderne

Quellen

 

http://vg03.met.vgwort.de/na/d845af82941e439a80e037582b2e3401?l=http://www.krisis.org/wp-content/data/krisis_zwei_2016.pdf

25 Responses »

  1. https://exit.sc/?url=http%3A%2F%2Fwww.farbe-rot.de%2Fmp3%2FGegenStandpunkt%2520-%2520Studentenbewegung%2520(Karl%2520Held).mp3

  2. Statt zu Bierwirth greife der interessierte Leser zu einem gesellschaftstheoretisch, kapitalismuskritisch und in der Auseinandersetzung mit dem „Gegenstandpunkt“ wesentlich stärkeren Band. Die neueste Rezension des Bandes stammt vom 5.4.16 und erschien in
    http://www.kritisch-lesen.de/rezension/interessen-und-ideale

    Meinhard Creydt:
    DER BÜRGERLICHE MATERIALISMUS UND SEINE GEGENSPIELER
    Interessenpolitik, Autonomie und linke Denkfallen

    Bürgerliche Materialisten beziehen sich auf »ihren« Arbeitsplatz, auf den Erfolg »ihres« Betriebs, auf die Rendite ihrer Geldanlage sowie auf das Florieren »unserer« Wirtschaft als Bedingung dafür, ihre Interessen realisieren zu können. Zugleich halten sich die Bürger moderner kapitalistischer Gesellschaften eine Autonomie gegenüber der Interessenpolitik zugute, wenn sie politisieren, an die Vernunft glauben oder den Selbstzweck (z. B. der Menschenwürde) achten. Die spannungsreiche Einheit beider »Seelen« in der Brust des modernen Bürgers ist das Thema dieses Bandes. Viele kapitalismuskritische Argumentationen (z.B. der Zeitschrift »Gegenstandpunkt«) bewegen sich zu ihrem Schaden unbewusst innerhalb dieses Dualismus. Der Band vertieft die Erkenntnis seiner Problematik durch die Aufmerksamkeit für linke Denkfallen.

    248 Seiten, 19,80 Euro

    erschien im Juli 2015 bei VSA Hamburg

    Vorwort und Inhaltsverzeichnis unter
    http://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/der-buergerliche-materialismus-und-seine-gegenstandpunkte/

  3. Karla Kritikus: Zu Julian Bierwirths „Der Grabbeltisch der Erkenntnis“ 2016:
    Polit-moralische Diskreditierung statt sachliche Kritik (German Edition)

    Diese als Replik angelegte Veröffentlichung bezieht sich auf eine bemerkenswerte Veröffentlichung der Gruppe Krisis, und zwar einer ihrer Autoren, Julian Bierwirth – bemerkenswert in der Hinsicht, dass man an dieser studieren kann, wie eine theoretisch anspruchsvoll sich gebende Gruppierung bzw. einer ihrer Vertreter als leitendes Motiv der Einlassungen schlicht den Vorsatz polit-moralischer Diskreditierung offenbart.

    Ansonsten wird gebetsmühlenhaft der verkehrte, weil zirkuläre Anwurf wiederholt, dass, wer nicht den theoretischen Ansatz „Kritik der gesellschaftlichen Formbestimmungen“ teilt, der müsse „konservativ“ und „positivistisch“ gestrickt sein – was sich eben die immanente Kritik, Nachweis von Fehlern entlang anders erklärter Sache erspart, sondern per Vergleich mit dem eigenen Theoriegebäude differierende Aussagen an diesem desavouieren will.

    https://www.amazon.com/Julian-Bierwirths-Grabbeltisch-Erkenntnis-2016/dp/1793448973

  4. B e z u g :
    werner on April 6th, 2016 at 23:28:
    Statt zu Bierwirth greife der interessierte Leser zu einem gesellschaftstheoretisch, kapitalismuskritisch und in der Auseinandersetzung mit dem „Gegenstandpunkt“ wesentlich stärkeren Band. Die neueste Rezension des Bandes stammt vom 5.4.16 und erschien in
    http://www.kritisch-lesen.de/rezension/interessen-und-ideale

    Meinhard Creydt:
    DER BÜRGERLICHE MATERIALISMUS UND SEINE GEGENSPIELER
    Interessenpolitik, Autonomie und linke Denkfallen

    Das voranstehend gelobhudelte Buch von Creydt ist durch und durch v e r k e h r t und ist
    zudem durchzogen von etlichen Gemeinheiten gegen kommunistische Gegner von
    bürgerlichen Staat und Kapitalismus/Imperialismus. – Die empfohlende Rezension dazu
    taugt genauso wenig: vor lauter soziologistischem Kauderwelsch kommt nicht eine, ge-
    schweige denn gescheite Würdigung der Ergüsse des Creydt zustande.
    Deswegen nachfolgend die Kernfehler und Hauptgemeinheiten der Tiraden gegen linke
    Gegner des kapitalistischen und imperialistischen Ladens:

    M. Creydt: Buergerlicher Materialismus, VSA-Verlag, 2014

    Das Buch enthält Dümmliches zum Verhaeltnis von kapitalistischer Konkurrenz und den Agenten derselben:
    Lohnarbeiter und Kapitalisten als Marionetten des Konkurrenzsystems, womit geleugnet
    wird – obgleich erzwungen durch die Scheidung von den Mitteln der Reproduktion -,wie
    selbstbewusst sich Lohnarbeiter der Konkurrenz zum Nutzen von Kapitaleignern als Weise
    ihrer Lebensbesorgung unterwerfen; andererseits durchgestrichen wird, wie souveraen
    Kapitalisten die Akkumulation ihres Kapitals als konkurrenzlerisches Gegeneinander
    organisieren, als Inhalt ihres Interesses offensiv durchfechten ueber marktwirtschaftliche
    Siege wie Niederlagen hinweg – ganz unbekuemmert um angeblich ueber sie erhebenden
    „Strukturzusammenhangs“. – Ueber die voellig verkehrte Deutung der Konkurrenz als
    „subjektlose Strukturen“, die deren Agenten ausgeliefert seien, wird ganz und gar ver-
    harmlost der beinharte Klassengegensatz von Lohnarbeit und Kapital, der unbestrittene
    Klassenkampf von Staat und Kapital gegen die lohnarbeitende Menschheit auf bloss
    kleinkariertes „instrumentelles Verhaeltnis“ zu den diversen Einkommensquellen vernied-
    lichend heruntergebracht. Viel bedeutungsschwerer fuer Creydt ist die Themati-
    sierung dessen, wie die Lohnarbeiter und Kapitalisten unisono am Gaengelband des
    selbsttaetig exekutierenden buergerlichen Konkurrenzladens haengen wuerden.
    Dieser elitaere Entlarver besitzt auch die Unverfrorenheit, praktische Agitation gegen
    die Befangenheit der Opfer kapitalistischer Ausbeutung und Konkurrenzgeierei im
    System der Lohnarbeit, naemlich wie sie dieses falsch und mit verheerenden Konse-
    quenzen zum Mittel ihres materiellen Interesses erkoren, einzureihen in das System
    zementierende bloße „Verteilungskaempfe“ , weil den Vertretern begruendeten Aufrufs
    zur Kuendigung des Lohnarbeitssystems „utopisch“ anmuten wuerde, was der Creydt schlicht
    anti-materialistisch sich als “ nachkapitalistische Sozialitaet“ ausmalt:

    „…Konstitutiv fuer die nachkapitalistische Gesellschaft sind die Ueberwindung des Motivations-
    horizonts der partikularen Interessen der Privateigentuemer und die Gestaltung der
    gesellschaftlichen Synthesis bzw. Vergesellschaftung durch die Gesellschaftsmitglieder.“

    Am abstrakt gesellschaftlichen Beieinandersein erfuellt sich fuer diesen Kritiker des buergerlichen Materialismus das wirkliche Interesse der Leut, also wenn es jeder Bestimmtheit, jeder materiellen Beschaffenheit beraubt ist
    – wobei dies gelingt ueber die falsche Ineinssetzung von Partikular- mit Privateigentuemerin-
    teresse bzw. deren pleonastischen Zusammenschluss: als ob Interessen in ihrer Vereinzelung
    schon ihren wechselseitigen Ausschluss einschließen,wie dies im Falle der Privatproduktion als Wirtschaftsweise „selbstaendiger,voneinander unabhaengiger Produzenten“ (K. Marx) der Fall
    ist, die naemlich einen G eg e n s a t z der geldlichen Bereicherung von Kapitaleigentümern
    gegen freie Lohnarbeiter impliziert.

    Zur regelrechten Frechheit wird es eben, Buergerliche wie Kapitalismusgegner unisono zu
    Parteigaengern der oekonomischen Gewalteinrichtung namens Kapitalismus zu stempeln,
    wenn diese wie jene nicht den verkehrten Gegensatz von „partikularen Interessen“ und
    deshalb darauf ankommende „gesellschaftliche Gesellschaftlichkeit“*) mitmachen, welches
    Konstrukt eben nichts davon wissen will,warum Linke wegen des antagonistisch beschaffenen
    I n h a l t s der diversen Interessen in der buergerlichen Gesellschaft auf Kritik wie
    Notwendigkeit der Ueberwindung derselben kommen:

    „Der buergerliche Materialismus und seine linken Varianten sowie die zu ihm
    komplementaeren Gegenpositionen (Politizismus,Rationalismus und Selbstzweck)
    tragen auf jeweils eigenstaendige Weise dazu bei.“
    _________________
    *)
    Es ist dieser nichtssagende pleonastisch daherkommende Abstraktionskuebel,
    der es linksgestrickten Soziologen angetan hat: Gesellschaftliches an und fuer
    sich, weil nicht verengend partikular oder „instrumentell“, letztlich jeder ‚Materialitaet‘
    entsagend, soll das Erstrebenswerte seiner nachkapitalistischen Utopie sein

  5. Peter Decker vom GSP nannte den bürgerlichen Materialismus ‚mal einen „giftigen Materialismus“.
    (Was sich aus den privateigentümlichen konkurrierenden wirtschaftlichen Interessen ergibt, in denen der Nutzen der einen der Schaden anderer ist.)

    Mit einer solchen Sorte Materialismus ist sicherlich kein Sozialismus bzw. gar Kommunismus zu machen.
    Deshalb bräuchte es für eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel anstatt des heutigen Ich-Bewußtseins ein Wir-Bewußtsein, was allerdings auch bei „Linken“ kaum zu finden ist.

    Grüße
    Werner Strehler

    PS: Während „Linke“, die ihr „Linkssein“ ernst nehmen, eigentlich in einer Gemeinschaft (z.B. zumindest in einer Wohngemeinschaft oder besser in einer Kommune) leben müßten, wo sie das Gemeinschaftliche schon ‚mal üben könnten.

  6. B e z u g :

    Werner Strehler on Januar 2nd, 2020 at 00:24:
    „Peter Decker vom GSP nannte den bürgerlichen Materialismus ‚mal einen „giftigen Materialismus“.
    (Was sich aus den privateigentümlichen konkurrierenden wirtschaftlichen Interessen ergibt, in denen der Nutzen der einen der Schaden anderer ist.)….“

    Worauf soll das denn eine Replik sein – in sich vor Absurden nur so
    strotzend:

    Kapitalismus ist einiges anders gestrickt, als das jenseits des fundamentalen
    Unterschieds in der ökonomischen Ausstattung der „privateigentümerlichen
    Interessen“ die einfach so, eben in Abstraktion von einem veritablen
    Klassengegensatz,vor sich hin konkurrieren und sich wechselseitig
    Schaden zufügten, wo wegen des bekundeten Desinteresses am Gegen-
    satz von Kapital und Lohnarbeit auch nicht bzw. falsch zur Sprache kommt,worin
    der besteht: das Geldvermehrungsinteresse des Kapitals beruht auf der
    Ausnutzung von Lebenskraft und -zeit und zu minimierender Entgeltung
    von Lohnarbeitern. Es ist also ein ziemlich einseitiges Verhältnis der
    Schadensbeibringung. Oder worin soll die Beschädigung von Kapital-
    eignern bestehen, wenn Massen von allen Produktions- und Lebens-
    mitteln Enteigneten den ersteren die Rentabilität ihres Geldvorschusses
    besorgen?

    Zweiter Nonsens: wer hat denn behauptet, mit den ungemütlichen
    Insignien der bürgerlichen Konkurrenzwirtschaft auf Sozialismus
    oder Kommunismus zu machen? Kommunisten haben wegen der
    ökonomischen Gewaltverhältnisse des Kapitalismus, ausgeübt
    durch das Monopol von „Privateigentümern“ über sämtliche
    Reproduktionsbedingungen, unter Aufsicht einer Staatsgewalt
    gegen eigentumslos gemachte, freie Lohnarbeiter, nämlich dem
    systemisch beigebrachten Scheitern ihres Materialismus, die
    Schnauze voll von diesem Laden.

    Schon gar nicht, und darin lugt eine Sorte linksgestrickter
    A n t i -Materialismus hervor, löst sich das kommunistische
    Programm darin auf, statt auf „Ich“ jetzt auf „wir“ zu machen
    und dann auch noch den heißen Tipp zu verabreichen, das
    „Wir“, also die Anfeindung jeden materiellen Interesses,
    welcher Inhalt nämlich die Vorstellung von Strehler,
    Creydt und Konsorten in Sachen „Vergesellschaftung“ ist,
    schon mal hier und heute aktiv in der Kommune zu leben.

    Ich und wir gegeneinander zu halten ist ein fataler Fehler:
    als ob nicht das ich in dem Ganzen gescheit organisierter
    Planwirtschaft aufgeht, haben linksgestrickte Soziologen vor,
    mit ihrer Sorte Vergesellschaftung mit dem Abstreifen des Gegen-
    sätzlichen in der Interessenverfolgung, wie es dieses nur der Geld-
    wirtschaft eigen ist, dass das materielle Verlangen nach
    gutem Leben den Leuten gleich mit ausgetrieben wird.

    Sofern der Kommentar oben überhaupt zur Kenntnis genommen
    wurde, ist folgende Kritik an Creydt deswegen gezielt i
    ignoriert worden – denn es wird dessen materialismusfeind-
    liche Position geradezu bekräftigt:

    „Am abstrakt gesellschaftlichen Beieinandersein erfuellt sich fuer diesen
    Kritiker des buergerlichen Materialismus das wirkliche Interesse der Leut,
    also wenn es jeder Bestimmtheit, jeder materiellen Beschaffenheit beraubt ist
    – wobei dies gelingt ueber die falsche Ineinssetzung von Partikular-
    mit Privateigentuemerinteresse bzw. deren pleonastischen Zusammen-
    schluss: als ob Interessen in ihrer Vereinzelung schon ihren
    wechselseitigen Ausschluss einschließen,wie dies im Falle der
    Privatproduktion als Wirtschaftsweise „selbstaendiger,voneinander
    unabhaengiger Produzenten“ (K. Marx) der Fall
    ist, die naemlich einen G eg e n s a t z der geldlichen Bereicherung
    von Kapitaleigentümern gegen freie Lohnarbeiter impliziert.“

  7. Hallo Karla Kritikus,
    ‚mal langsam:
    (Einmal abgesehen davon, daß ich die – manchmal gehässige – Kritik z.B. von Leuten wie Creydt usw. am GSP nicht teile und auch kein „linksgestrickter Soziologe“ bin.)

    Freerk Huisken vom GSP sagte ‚mal, daß der kapitalistische Reichtum nicht falsch verteilt, sondern als solcher falsch ist.
    (Schließlich hat Marx am Kapitalismus weitaus mehr kritisiert als die Ausbeutung von Mensch und Natur.
    Würde z.B. der kapitalistische Reichtum umverteilt werden, käme für jeden allenfalls ein Schlauchboot heraus, bezogen auf die Weltbevölkerung sogar noch weniger.
    Was wiederum zeigt, was für eine armselige Wirtschaftsweise der Kapitalismus ist.)

    Nicht nachvollziehbar ist zudem, warum ein Wir-Bewußtsein „anti-materialistisch“ sein soll.
    Das Gegenteil ist der Fall.
    Schließlich wäre erst eine vernünftige Planwirtschaft (in der die Beteiligten miteinander kooperieren anstatt gegeneinander zu konkurrieren und sich wechselseitig kaputt machen) in der Lage, genügend materiellen Reichtum für alle Menschen zu schaffen.
    Und das setzt nunmal voraus, daß alle weitgehend „an einem Strang“ ziehen.

    Während „Klassenkämpfe“ – selbst in ihrer radikalsten Form – von sich aus systemimmanente Verteilungskämpfe sind, die nicht zur Abschaffung kapitalistischer Verhältnisse führen.
    (Ein gutes oder besser schlechtes Beispiel waren die damaligen sog. Realsozialisten, die den Kapitalismus letztlich nicht abschaffen, sondern verbessern wollten.
    Und sich zuletzt wieder für das Original entschieden haben.)

    Zumal Klassenkämpfe – auf die Abschaffung kapitalistischer Verhältnisse bezogen – auch kaum Sinn machen, da ein Sozialismus bzw. gar Kommunismus (der diesen Namen verdient) erstmal eine Mehrheit von Menschen bräuchte, die das wollen.
    (Wovon übrigens auch Marx ausgegangen ist, da das Proletariat bzw. die meisten heutigen Lohnabhängigen zumindest zahlenmäßig die große Mehrheit sind.)
    Und gäbe es eine solche – nicht nur zahlenmäßige – Mehrheit, wäre es mit den bisherigen (wirtschaftlichen bzw. gesellschaftlichen) Verhältnissen sowieso weitgehend vorbei.

    Grüße
    Werner Strehler

  8. Noch eine Bemerkung:
    Die Kritik von Karla Kritikus wäre z.B. an der Kirche angebracht, die zwar die Gemeinschaft predigt, aber an den (kapitalistischen) wirtschaftlichen bzw. (bürgerlichen) gesellschaftlichen Verhältnissen nichts ändern möchte.
    Das funktioniert natürlich nicht, weshalb sich die Kirche bekanntlich auch auf sog. Sonntagsreden beschränkt.

    Grüße
    Werner Strehler

  9. Vielleicht noch eine Anmerkung zu den von Karla Kritikus genannten Partikularinteressen:
    Die wenigsten (zumal gehobenen) Interessen lassen sich vereinzelt bzw. partikular verwirklichen.
    (Schon allein deshalb, da dem Einzelnen meist die nötigen Mittel fehlen.)
    Deshalb ist die Verwirklichung von Interessen stets eine gesellschaftliche Entscheidung.
    (Während es in der kapitalistischen bzw. bürgerlichen Gesellschaft bekanntlich derart geregelt ist, daß vor allem das Einkommen bzw. Vermögen entscheidet, welche Interessen zum Zuge kommen und welche nicht.)

    Deshalb käme eine sozialistische bzw. gar kommunistische Gesellschaft nicht umhin (falls ein solches Interesse vorhanden wäre) zu entscheiden, ob vorhandene Ressourcen (was die Voraussetzung ist) z.B. für den aufwendigen Bau von sog. Luxusjachten für wenige oder für Einrichtungen, die möglichst vielen Menschen nutzen, verwendet werden sollen.
    Wobei die Entscheidung wahrscheinlich relativ schnell getroffen wäre.

    Grüße
    Werner Strehler

  10. Die Einwände haben sich auf folgenden verkehrten Satz ausgänglich bezogen-
    auf welche diesbezüglichen Ausführungen Kommentator S. gekonnt hinweggeht:

    „Deshalb bräuchte es für eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel anstatt des heutigen Ich-Bewußtseins ein Wir-Bewußtsein, was allerdings auch bei „Linken“ kaum zu finden ist.“

    Ein „Ich-Bewußtsein“ ist eine leere, nichtssagende Abstraktion. Was da
    als „Ich“-Interessen hier und heute daherkommt, bevölkert einen fertig einge-
    richteten und von bürgerlichen Gewaltmonopolisten verlässlich am Laufen gehaltenen
    Kapitalismus: Kapitaleigentümer sind ins Recht gesetzt, mittels ihrer ausschließ-
    lichen Verfügung über sämtliche Reproduktionsbedingungen ein national und
    weltweit aufgezogenes Geschäftswesen zu betreiben, was umgekehrt die Be-
    raubung der meisten von den Mitteln ihrer Existenzbesorgung unterstellt, dieser
    damit in die Welt kommende Klassengegensatz ein Erpressungsverhältnis
    implementiert, das der einen Seite die Akkumulation geldförmigen Reichtums,
    der anderen lebenslange Armut und Elend garantiert, nämlich mit der Erzwingung
    zur Erarbeitung überschüssigen Geldreichtums und der Reproduktion des
    Kapitaleigentums für die herrschende ökonomische Klasse. Mit der erzwungenen
    Enteignung sind eigentumslose Lohnabhängige in ein Konkurrenzverhältnis
    zu Ihresgleichen gesetzt, dessen Veranstalter und ausschließlicher Nutznießer
    die Damen und Herren Kapitaleigner sind. Das ‚Partikularinteresse‘ von Lohn-
    arbeitern ist ziemlich armseliger Natur: es besorgt um des materiellen Existierens-
    könnens gegen Bezahlung der Gegenseite den Reichtum in ausschließenden
    Form des Geldes und vermittelt über die ökonomische Gewalt des Kapitals
    nicht nur seinen eigenen Schaden der im Resultat kapitalistischer Benutzung
    sich beständig neu einstellenden (relativen) Armut (nämlich im Verhältnis
    zum geschaffenen Geldreichtum der Gegenseite), sondern unterwirft sich
    als Ertrag für seine Ausnutzer auch noch einer Instrumentalisierung gegen seine Klassengenossen per konkurrenzlerischen Gegeneinander derselben.
    Nicht d a s s Arbeiter ein Ich-Interesse verfolgen, sondern wie sie dies
    angesichts von Kapital und Staat beigebrachter Abhängigkeit zu ihrem
    eigenen materiellen Schaden verfolgen, ist der Anlass von Kommunisten,
    Arbeiter dagegen aufzuwiegeln. Die ihren Materialmus knebelnden
    Zwänge der Geldheckerei abzuschütteln, wofür Arbeiter natürlich wissen
    müßten, es ihnen einleuchten müßte, warum und inwiefern die kapitalis-
    tischen Geldsäcke samt der sie schützenden bürgerlichen Gewalteinrichtung
    ihre Gegner sind, darin ist enthalten, auf Verhältnisse zu setzen, die so
    zu organisieren, dass der materielle Bedarf jedes einzelnen, damit auch
    a l l e r zum Zuge kommt – jedenfalls dem Grundsatz nach; Details
    vernünftigen Planens des „vergesellschafteten“ Produktionsprozesses
    sind da erst mal zweitrangig. Was also soll der Satz von S., s t a t t
    eines Ichs bräuchte es ein Wir, das Linke schon mal in der Kommune
    einüben sollten: dieses komische Wir i s t antimaterialis-
    tisch, weil es nach S. Und Creydt sich in dem bloßen Zusammensein
    getrennt von irgendeinem existenzbezogenen Verlangen erfülle.
    Dies kommt von der verkehrten und gemeinen Ineinssetzung von Parti-
    kularinteresse in seiner bürgerlichen Verfassung mit materiellen
    Interesse des einzelnen überhaupt. Oder anders: vernünftige ge-
    sellschaftliche Einrichtung des materiellen Lebensprozesses hieße
    doch, dass das Einzelinteresse an gutem Leben im ‚Gemein-
    schaftlichen‘ der Durchführung des ersteren aufgehoben wäre – statt
    dass es ein Gegensatz von „Ich“ und „Wir“ gäbe.

  11. Hallo Kritikus,
    grundsätzlich stimme ich Deinen Erklärungen der kapitalistischen bzw. bürgerlichen Gesellschaft zu.
    Und daß in einer vernünftigen Produktionsweise der Gegensatz zwischen dem „Ich“ und dem „Wir“ weitgehend verschwinden müßte, ist auch klar.

    Allerdings halte ich es für eine Illusion, den (auch bei Lohnabhängigen vorhandenen) „giftigen“ und auch bornierten bürgerlichen Materialismus auf eine (gedachte) sozialistische bzw. gar kommunistische Gesellschaft – wenn auch mit einigen Modifikationen – übertragen zu wollen, da das nicht funktionieren würde.
    Für eine solche Gesellschaft bräuchte es ein völlig anderes (genauer das glatte Gegenteil des heutigen) Bewußtseins, das ich als „gemeinschaftliches“ bzw. „Wir-Bewußtsein“ bezeichnet habe.

    Wobei es sich von selbst versteht, daß sich damit auch der Materialismus der Menschen ändern würde, d.h. dieser „vom Kopf auf die Füße“ gestellt werden müßte.
    Was keineswegs Entsagung bzw. ein „Anti-Materialismus“ ist.
    Vielmehr im Gegenteil, da sich erst in einer wirklichen Gemeinschaft die materiellen Interessen möglichst aller Beteiligten verwirklichen lassen.

    Und nicht in einer Gesellschaft wie der kapitalistischen bzw. bürgerlichen, die aufgrund der privateigentümlichen Verhältnisse (vor allem an Grund und Boden bzw. den Produktionsmitteln) letztlich „ein Kampf aller gegen alle“ (um Marx zu zitieren) und aufgrund der wirtschaftlichen bzw. gesellschaftlichen Verhältnisse gar nicht in der Lage ist, den dafür nötigen materiellen Reichtum zu schaffen.
    (Einmal abgesehen davon, daß es im Kapitalismus bekanntlich nicht um den materiellen, sondern um den Geldreichtum geht, sowie von den Krisen bzw. Kriegen und was es sonst noch alles Zerstörerische in der kapitalistischen bzw. bürgerlichen Welt gibt.)

    Grüße
    Werner Strehler

    Vielleicht noch folgendes:
    Die (meist „klassenkämpferischen“) Freunde einer Umverteilung des kapitalistischen Reichtums sollten sich ‚mal die Mühe machen, den weltweit vorhandenen kapitalistischen Reichtum und alle sonstigen Vermögenswerte zusammenzuzählen und auf die derzeitige Weltbevölkerung umrechnen.
    Und sich auch die inzwischen enorme Verschuldung der meisten Staaten und Unternehmen sowie auch Privathaushalte ansehen.
    Wahrscheinlich würden diese erschrecken, wie wenig für jeden Einzelnen dabei herauskäme.
    Ohne einem radikalen Bruch mit den bisherigen Verhältnissen, der wirklich alle Lebensbereiche und damit auch das Bewußtsein grundsätzlich verändern müßte, ist eine Neue Welt nicht zu machen.

  12. Noch ein ergänzendes PS:
    Und falls sich z.B. gelegentlich ‚mal Lohnabhängige zusammenschließen, um zu streiken, ist das kein wirkliches Wir, sondern eine (meist relativ kurzzeitige) Interessengemeinschaft (von denen es im Kapitalismus etliche gibt) zur Durchsetzung von vereinzelten Lohninteressen, d.h. ein systemimmanenter Verteilungskampf.
    Mit einem solchen Bewußtsein ist jedenfalls weder ein Sozialismus und schon gar kein (weitergehender) Kommunismus zu machen.

    Grüße
    Werner Strehler

  13. Um es noch an einem Beispiel zu erläutern:
    In der kapitalistischen bzw. bürgerlichen Gesellschaft geht es um den privaten Reichtum, während es in einer sozialistischen bzw. kommunistischen Gesellschaft um den gesellschaftlichen Reichtum ginge, von dem alle ewas hätten.
    Was ein völlig anderer Materialismus und letztlich sogar das Gegenteil zum bürgerlichen wäre.

    Wobei das Problem vor allem heutzutage doch ist, daß den allermeisten Menschen die bestehenden wirtschaftlichen bzw. gesellschaftlichen Verhältnisse bereits derart in „Fleisch und Blut“ übergegangen sind, daß diese sich eine andere Welt gar nicht vorstellen können.
    (Und z.B. Lösungen innerhalb des Systems suchen – siehe den zunehmend bedrohlich werdenden Klimawandel, in dem es keine Lösung für die meisten Probleme gibt.)

    Grüße
    Werner Strehler

  14. Von der Theorie zur Praxis:
    Wobei die angemessene Lebensart (anstatt vereinzelt früher oder später zu resignieren) für KommunistInnen natürlich die Kommune wäre, d.h. eine Gemeinschaft, die letztlich alle Lebensbereiche einschließt.
    Was allerdings voraussetzt, daß sich die Beteiligten nicht nur einigen, sondern auch die richtigen Inhalte vertreten.
    (Schließlich nutzt eine Einigkeit letztlich nichts, wenn diese auf falschen – d.h. nicht der Wirklichkeit entsprechenden Vorstellungen – basiert und sich deshalb früher oder später blamiert.
    Woran die meisten Kommunen bekanntlich bereits gescheitert sind.)

    Während für weniger radikal gesinnte SozialistInnen die angemessene Lebensart eine Gemeinschaft wäre (z.B. eine Wohngemeinschaft), in der die Beteiligten zwar weiterhin mehr oder weniger getrennte Wege gehen, aber zumindest in einigen Bereichen kooperieren.
    (Was keine derart weitgehende Einigkeit wie bei den KommunistInnen erfordert.)

    Was wiederum die Keimzellen einer neuen Gesellschaft werden könnten.
    Allerdings sollte sich niemand etwas vormachen.
    Solche Entwicklungen dauern meist (sehr) lange und brauchen in der Regel Generationen – trotz der bereits längst absehbaren Umbrüche wie z.B. einen 3.Weltkrieg, die Folgen des Klimawandels usw., da es (zumal angesichts des Bewußtseins der allermeisten heutigen Menschen) ein langer Weg von der kapitalistischen bzw. bürgerlichen zu einer sozialistischen bzw. gar kommunistischen Welt ist, die diesen Namen wirklich verdient.
    (Einmal abgesehen davon, daß solche Entwicklungen auch evolutionäre Veränderungen mit sich bringen, was allerdings sowieso von Natur aus dauernd läuft.)

    Zumindest wäre das eine realistische Perspektive (zumal es sich bereits heute für KommunistInnen bzw. SozialistInnen um einiges besser leben würde), während auch die bisherige weitgehend traditionelle radikale „Linke“ inzwischen mit weitgehend leeren Händen dasteht und keine Perspektive und schon allein deshalb keine Zukunft mehr hat.

    Grüße
    Werner Strehler

  15. 10.1.20
    ERGÄNZUNG ZU S. VON WEGEN EINÜBEN VON GEMEINSCHAFTSINN IN KOMMUNE
    MITTEN IM UNANGEFOCHTEN SEINEN GANG GEHENDEN WELTKAPITALISMUS ALS
    VORBILDLICHES FÜR FERNE KOMMUNISTISCHE ZUSTÄNDE:
    ANTI-MATERIALISMUS ALS INSIGNE SOZIOLOGISTISCH UM DIE ECKE GEBRACHTER
    „VERGESELLSCHAFTUNG“

    Mit den Ergüssen des S. hat man es mit den unangenehmen Zeitgenossen zu tun, die
    erst Unhaltbares oder sogar Gemeines in Raum stellen und dann unredlicherweise
    gekonnt abstreiten, eben nicht als Richtigstellung, sondern indem abgeschweift wird
    auf ganz anderes Feld:
    Erst wird in schlechter Creydtscher Manier und in häßlicher Tradition linksgestrickter
    Soziologisten das nachgebetet, was da anti-materialistisch als „nachkapitalistische
    Sozialität“ sich ausgemalt wird, und dann geleugnet, vielmehr davon abgelenkt, über
    ganz anderes Thema, den angeblichen Schwierigkeiten des Einteilens von
    Produktion und Verteilung unter fiktiven Zuständen gelabert.
    Also: das mit den Linken, die sich in Kommune oder Wohngemeinschaft
    schon mal im „Gemeinschaftlichen“ statt „heutiger Ich“-Bezogenheit einüben sollten,
    i s t als Beispiel oder Variante der Creydtschen „gesellschaftlichen Synthesis“
    ein materialismus- f e i n d l i c h e s Programm, wofür der Beweis angetre-
    ten werden kann, auf den einzugehen oder einzulassen sich unser Diskutant S. strikt weigert*):
    Beim Üben von Gemeinschaftssinn handelt es sich entweder um das Zulegen einer
    entsprechenden H a l t u n g , nämlich jenseits materieller Gesichtspunkte oder
    unter eigener Verzichtsleistung auf gemeinsames Tun zu machen – oder nicht weniger gemein
    wird es insofern, wenn man es mit dem reellen materiellen Gehalt von ‚Wohngemeinschaften’
    inmitten florierendem Kapitalismus zu tun kriegt: es sind im Allgemeinen nichts als N o t –
    Gemeinschaften, wo die ärmlichen Verdienste zusammengeworfen werden, um die allen
    Beteiligten verordnete Armut irgendwie zu bewältigen. – Ob in der einen oder anderen
    fiesen Hinsicht:
    das soll was für in weiter Ferne liegenden Kommunismus vorbildliches Einüben
    von „gesellschaftlicher Vergesellschaftung“ sein?
    Diese Sorte Anti-Materialismus ist unsereins genauso ein Gräuel wie die zu von
    Staat und Kapital praktisch erzwungener Bescheidenheit kongeniale Verzichts-
    propaganda, Egoismus zu verteufeln zu Gunsten des Wir=des nationalen Gemein-
    wesens.
    ———
    *)Dabei handelt um aus dem Geschriebenen heraus immanente Schlussfolgerungen. Wem
    allerdings die Ermittlung des Wahrhaftigen ohnehin abhold ist, der stellt sich dem gar erst
    oder unternimmt den Versuch einer Widerlegung, sondern legt dem ein D e m e n t i
    bei, dass es angeblich ganz anders gemeint gewesen sei als der sachliche Kontext tat-
    sächlich hergibt, verweigert also ein Einsehen in Fehlerhaftem seiner Darlegungen.
    (Rationaler) Argumentenaustausch geht so nicht.

  16. S. im O-ton:
    „Und daß in einer vernünftigen Produktionsweise der Gegensatz zwischen dem „Ich“ und dem „Wir“ weitgehend verschwinden müßte, ist auch klar.
    Allerdings halte ich es für eine Illusion, den (auch bei Lohnabhängigen vorhandenen) „giftigen“ und auch bornierten bürgerlichen Materialismus auf eine (gedachte) sozialistische bzw. gar kommunistische Gesellschaft – wenn auch mit einigen Modifikationen – übertragen zu wollen, da das nicht funktionieren würde.
    Für eine solche Gesellschaft bräuchte es ein völlig anderes (genauer das glatte Gegenteil des heutigen) Bewußtseins, das ich als „gemeinschaftliches“ bzw. „Wir-Bewußtsein“ bezeichnet habe.2

    S. behauptet, die Darlegung teilen zu können, wie „bürgerlicher Materialismus“
    ganz unterschiedlich, ja gegensätzlich, nämlich klassenspezifisch verfolgt wird:
    darin ist allerdings kein Platz für seine Unterscheidung zwischen einem ich und
    wir, nämlich völlig unangemessen dazu, wie die Reichtumsschaffung im Kapitalismus
    vonstatten geht: als Instrumentalisierung Massen von Eigentumslosen für
    so schlagkräftigen Geldreichtum, dass darüber noch der letzte Erdenwinkel in
    Beschlag genommen wird und die hoheitlichen Verwalter des Geldbereicherungs-
    regimes nicht nur gut von lohnarbeitend erwirtschafteten Erträgen leben
    können, d.h. ihre politsche, militärische Macht nicht zu knapp davon nähren können
    und deswegen auch noch gleich weltweit ihre nationalen und kapitalistischen
    Interessen gegen andere staatliche Konkurrenten und deren nationales Kapital
    an der Akkumulation von Staats- und Kapitalmächtigkeit verfechten können.
    Der von Arbeitern verfolgte Materialismus ist einer von Kapital und Staat
    denen beigebrachter, nämlich aufgrund ihrer völligen Mittellosigkeit
    (die Mittel jederweder Existenz sind schließlich monopolisiert bei Kapitaleignern)
    und mit aller Rechts- und sonstigen Gewalt praktisch erzwungener relativierter
    Materialismus (=Lohnarbeiterarmut) – in der Form, dass Arbeitern
    als Bedingung jeglicher Existenz die rentierliche Erwirtschaftung von Reichtum
    in Geldform für die Gegenseite vorgesetzt ist. Das Gegenüber von ich
    im Kapitalimus und einem besseren Wir, dass S. vorstellig macht, lebt
    von einer verkehrten Ermittlung genau dessen, wie lohnarbeitende
    Reichtumsproduktion und das darin enthaltene systematische Scheitern
    gescheiten Materialismus sich darstellt. Mit dieser Gegenüberstellung ist
    ein Moment von moralischen Anwurf an Arbeiter enthalten, sie würden nur
    an sich denken, statt irgendwie was Gemeinsames unter der Insigne Wir verfolgen.
    Es ist verkehrte und auf Ant-Materialismus hinauslaufende Kennzeichnung
    von Lohnarbeit, man würde nur sein eigenes materielles Bestreben betreiben
    wollen: das lohnabhängige Bestreben besorgt mit der Besorgung des
    Kapitalreichtums seine lebenslange Armut und Existenzuntersicherheit-
    darin fasst sich das im Resultat Verheerende des Arbeitermaterialismus
    zusammen, und nicht dass Arbeiter nur auf ich statt auf einem Wir machen täten.

  17. Hallo Kritikus,
    ich denke, daß Du (in Deiner gedanklichen bzw. emotionalen Welt befangen) gar nicht verstanden hast, was ich mit meinen obigen Sätzen ausdrücken wollte.
    Doch mach ‚was Du willst bzw. für richtig hälst.
    (Etwas anderes bleibt Dir – wie allen Menschen und auch mir – sowieso nicht übrig.)

    Nur noch eins.
    Eine sozialistische bzw. gar kommunistische Revolution (zudem eine, die diesen Namen verdient) wird es (zumal nach dem Scheitern bzw. der Selbstaufgabe des damaligen sog. Realsozialismus) auf absehbare Zeit nicht geben.
    Vielmehr entwickelt sich heutzutage die Welt bekanntlich in eine völlig andere Richtung und ist auf dem Weg in die absolute Barbarei.

    Und was nützen den Menschen (vermeintliche oder tatsächliche) Wahrheiten, die so gut wie keine praktischen Auswirkungen auf ihr Leben haben.
    (Einmal abgesehen davon, daß diese den derzeit bestehenden Verhältnissen weitgehend unterworfen sind, als Einzelne bzw. vereinzelt allerdings so gut wie keine Chance haben.)
    Wirklich interessant ist Wissen erst, wenn daraus auch die dementsprechenden Schlüsse für das tägliche Leben gezogen werden.
    (Ansonsten ist es weitgehend unnützes Wssen, das zwar interessant sein mag, allerdings im wesentlichen der Unterhaltung dient und keinen weiteren „Nährwert“ hat.)
    Deshalb sind mir Menschen, die bereits heute versuchen, zumindest das eine oder andere – wenn auch vorerst in einem kleineren Rahmen – anders zu machen (was durchaus möglich ist) lieber als scheinbar radikale „Linke“, die ansonsten ein weitgehend bürgerliches Leben führen.

    Zumal Leute, die alles wollen (Revolution oder gar nicht) letztendlich meist nichts haben.
    Andere Menschen zu überzeugen, ist nunmal ein meist langer und oftmals auch schwieriger Weg.
    Während ein Sozialismus bzw. gar Kommunismus ohne (wirkliche) SozialistInnen bzw. KommunistInnen (von denen es heutzutage kaum welche gibt) nur eine Utopie ist, da beides erstmal eine Mehrheit von Menschen bräuchte, die das wollen.

    Grüße
    Werner Strehler

  18. Hallo Kritikus,
    noch eine abschließende Frage zu Deinem Kommentar Nr. 15, während ich auf Deinen Kommentar Nr. 16 nicht mehr eingehe, da Du meine Ausführungen ins glatte Gegenteil verkehrst.
    (Als wäre ich die Kirche, die den Leuten ihren Materialismus ausreden und diese auf ein besseres Jenseits vertrösten möchte.)

    Was wäre eigentlich falsch daran, wenn sich Menschen in Not zusammenschließen und sich wechselseitig unterstützen würden, um die Not zumindest etwas zu lindern?
    Klar ist das keine Lösung.
    Dafür bräuchte es einen Umsturz der bestehenden Verhältnisse.

    Doch immer noch besser als sich um das wenige auch noch streiten und sich notfalls sogar wechselseitig die Köpfe einzuschlagen.
    (Was in der bürgerlichen Welt durchaus üblich ist.)

    Grüße
    Werner Strehler

  19. Noch ergänzend:
    Während es für die LohnarbeiterInnen tatsächlich besser wäre, wenn diese nicht nur an ihren eigenen Lohn denken, sondern die Lohnarbeit kritisieren und letztlich abschaffen würden.
    (Wozu Marx bereits alles Nötige erklärt hat.)
    Und das soll „anti-materialistisch“ sein?

    Grüße
    Werner Strehler

  20. B e z u g :

    Werner Strehler on Januar 11th, 2020 at 00:31:
    „Noch ergänzend:
    Während es für die LohnarbeiterInnen tatsächlich besser wäre, wenn diese nicht nur an ihren eigenen Lohn denken, sondern die Lohnarbeit kritisieren und letztlich abschaffen würden.
    (Wozu Marx bereits alles Nötige erklärt hat.)
    Und das soll „anti-materialistisch“ sein?“

    S. redet erst sachfremd zu dem wirklichen Verhältnis von Lohnarbeit und
    Kapital von einem Gegensatz der Ich-Bezogenheit der Leute zu einem
    vorgestellten wir, dass er auch noch ausgerechnet den Kapitalismus-Kritikern
    als dieses fürs sich inhaltslose Miteinander einzuüben empfiehlt, nährt
    damit den Verdacht, hier eine moralisierende Sicht auf das personelle
    Material der seinen materiellen Notwendigkeiten entgegenstehenden
    Erarbeitung geldförmigen Reichtums zu richten, die gerade von diesem
    materiellen Gehalt des Lohnarbeiterverhältnisses absieht – und tut
    dann so, als wäre das begrifflich untaugliche Verhältnis von ich und wir,
    nämlich in der ausgänglichen ganz offensichtlich moralisierenden
    Fassung von „nur an sich denken“ und seinem wir, eine Frage dessen,
    „nicht nur an .. eigenen Lohn denken, sondern die Lohnarbeit …
    abschaffen..“. Diese Auseinanderdividierung ist verkehrt und be-
    stätigt den verkehrten Anwurf an Arbeiter: wie Arbeiter sich auf den
    Lohn beziehen, affirmieren sie das darin liegende ökonomische
    Benutzungsverhältnis, nämlich Dienst am fremden Reichtum als
    Bedingung eines Lebensunterhalts. Dass insoweit ihr materielles
    Interesse systematisch beschädigt wird – dies dem Arbeiter
    zur Einsicht werden zu lassen, darin ist der Angriff auf
    seinen Lohnarbeiterstatus enthalten. Oder: „konsequenter“
    Lohnkampf , der an die Substanz des Kapitalverhältnisses
    ginge, lehrt die Arbeiter von selbst, dass ihr Materialismus
    erst wirklich unter Abstreifung diesen immer wieder zum
    Scheitern bringende Verhältnisse unter dem Kommando
    des Geldes zum Zuge kommt.
    Also, nicht dass der Arbeiter an seinen Lohn denkt, welche
    Vorhaltung von S. sich den Vorwurf anti-materiellen Seiten-
    hiebs sich gefallen lassen muss, ist Anlass für Kritik,
    sondern wie er verkehrt, über abhängige Arbeit sein Fortkommen
    sucht, darum geht es. Die Empfehlung von S., statt
    an Lohn an Abschaffung von Lohnarbeit zu denken,
    ist unredlich: denn in ersterem ist eine Moment von
    Materialismus angegriffen, dessen den Arbeiter schädigende
    Weise der Verfolgung so nicht ins Visier genommen
    wird, sondern als Zusatz „Kritik der Lohnarbeit“
    daher unglaubwürdig in dem Sinne rüberkommt,
    letztlich ginge es S. doch auch um die Geltendmachung
    gescheiten Materialismus, dessen systemische Hintertreibung
    im „nur an Lohn denken“ gar nicht Gegenstand ist

  21. Hallo Karla Kritikus,
    um ehrlich zu sein:

    Ich denke, daß Deine (scheinbar radikalen) intellektuellen Ausführungen auf einem (klein)bürgerlichen Mißverständnis beruhen.
    Anders kann ich mir jedenfalls Deine allergische Reaktion auf Begriffe wie „wir“ bzw. Gemeinschaft nicht erklären.

    Wie die meisten verbindest Du damit anscheinend einen Verzicht bzw. das Teilen-müssen mit anderen,
    was Dir als „anti-materialistisch“ erscheint.
    Während in Wirklichkeit das genaue Gegenteil richtig ist.

    Vorausgesetzt, daß eine weitgehende Einigkeit besteht und auch die Inhalte stimmen (worauf ich mehrmals hingewiesen habe), ist eine Gemeinschaft natürlich eine (auch materielle) Bereicherung für alle Beteiligten, da das Gesamte mehr ist als die Summe der Einzelnen (was bereits Marx erklärt hat) und mehr Menschen klar mehr zustandebringen als ein(e) Einzelne(r).

    Deshalb wäre es letztlich auch erst in einer kommunistischen Gesellschaft (die eine weitgehende Einigkeit voraussetzen würde) im Rahmen einer vernünftigen Planwirtschaft (in der die Beteiligten nicht wie im Kapitalismus gegeneinander konkurrieren, sondern miteinander kooperieren) möglich, genügend materiellen Reichtum für möglichst alle Menschen zu schaffen.

    In diesem Sinne verbleibe ich
    mit Grüßen
    Werner Strehler

  22. PS: Diese Erkenntnis versucht sich übrigens auch das Kapital zunutze zu machen, wenn z.B. zwei größere Unternehmen bzw. Konzerne miteinander fusionieren bzw. verschmelzen, da diese sich davon sog. Synergie-Effekte versprechen, d.h. das dabei nicht das Doppelte, sondern etwas größeres Drittes herauskommt.

    Grüße
    Werner Strehler

  23. Es vergeht einem beizeiten ab, länger auf Repliken einzugehen, die es gar nicht
    für nötig befinden, sich argumentativ auf Einwände einzulassen, welches
    letzteres Bemühen unsererseits W. S. im beschimpfenden Sinne als
    „scheinbar radikale intellektuelle Ausführungen“ abfertigt.
    Ein letztes Mal: getrennt davon, wie ich und wir im Kapitalismus tatsächlich,
    nämlich als lauter Klassengegensätze vorkommen, über ein schlechtes
    ich und besseres wir zu schwadronieren, lauscht sachfremd
    zu den wirklichen Bestimmungen des Kapitalverhältnisses und die es hütende
    oberste Gewalt diesen eine untaugliche und verkehrte subjektive Sichtweise
    ab. Statt unter dem ich den verheerenden Fehler von Lohnarbeitern zu
    kritisieren, sich einer Form der Existenzbestreitung zu unterwerfen, die sich
    auf die Weise der Dienerschaft an mit den materiellen Notwendigkeiten
    nicht verträglichen Geldinteressen der Gegenseite verschreibt, kann
    man unter dem ins Feld geführten ich statt des besseren Wir auch regelrechte
    Angriffe auf den Materialismus subsumieren: dass nur an sich gedacht
    werde, kennt man nur allzu gut unter der bürgerlichen Waffe der Be-
    schimpfung von Egoismus als Begleitmusik zur der praktischen Verarmung
    und materiellen Beschränkung der Abhängigen. Wenn W.S. damit nicht
    in einen Topf geworfen werden will, dann sollte man von vornherein
    davon ablassen, Lohnarbeiterinteresse als verdammenswertes ich
    falsch und gemein zu kennzeichnen und sich stattdessen aufmachen,
    den in Lohnarbeit liegenden Antagonismus, das nicht zu Vereinbarende
    des Interesses an gescheiter Existenz mit den herrschenden Geld-/
    Kapitalinteressen auch so zu benennen.

  24. Hallo Kritikus,
    bei dem Begriff „Kapital“ scheinst Du als erstes an das sog. Luxusleben einer relativen Minderheit zu denken und reagierst sauer bzw. beschimpst diese z.B. als „Geldsäcke“.
    Während das Kapital in Wirklichkeit (z.B. in einem Unternehmen) investiertes Geld und das Luxusleben einer relativen Minderheit nur dessen Abfallprodukt ist.
    Deshalb ist das Kapital nicht falsch verteilt (wie die meisten „Linken“ meinen), sondern als solches falsch.

    M.E. bewegst Du Dich gedanklich und auch emotional innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssytems und vertrittst einen bürgerlichen Materialismus.
    Mit dem weder ein Sozialismus und schon gar kein Kommunismus zu machen ist.

    Einmal abgesehen davon, sind die meisten Lohnarbeiter(innen) sogar schlechte Egoisten – um Peter Decker vom GSP zu zitieren, da bekanntlich der Lohn knapp ist und sich „unterm Strich“ die Lohnarbeit nicht wirklich lohnt.
    (Schon allein deshalb sind Deine Vorwürfe, ich würde den Lohnabhängigen ihren Materialismus ausreden wollen bzw. unterstellen, daß diese nur egoistisch an sich denken, nicht zutreffend.)

    Allerdings bräuchte es für einen Sozialismus bzw. Kommunismus einen anderen (klügeren) Materialismus, was für alle Beteiligten von Vorteil wäre.
    Das wollte ich mit meinen Ausführungen ausdrücken.

    Grüße
    Werner Strehler

  25. Noch abschließend, auch wenn es vielleicht ein wenig weh tut:
    Die Beschimpfung der Kapitalisten bzw. Reichen und Vermögenden als „Geldsäcke“ zeugt mehr von Neid und weniger von Kritik.
    (Ansonsten könnten einem diese weitgehend egal sein.
    Zumal es sowieso nur eine relativ kleine Minderheit ist.)

    Deshalb nochmals.
    Nicht der kapitalistische Reichtum ist falsch verteilt, sondern als solches falsch.
    (Alles übrigens nachzulesen in „Das Kapital“ von Karl Marx.)

    Grüße
    Werner Strehler

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