contradictio.de

Kritik an Ideologien, Aufklärung über populäre Irrtümer, Kommentare zum Zeitgeschehen

[online2] 17.09./08.10.10 | Berlin | Die Wohnungsfrage im Kapitalismus

Von • Okt 14th, 2010 • Kategorie: Veranstaltungen

Zeit: Freitag, 17.09. / 08.10.2010,  18.30 Uhr
Ort: »BAIZ«, Christinenstraße 1 (Ecke Torstraße, Nähe U-Bhf Rosa-Luxemburg-Platz), Berlin
Veranstalter: GegenStandpunkt Verlag

Die Wohnungsfrage im Kapitalismus

Nach Jahrzehnten Frontstadt und Realem Sozialismus: das private Grundeigentum ist in seiner Macht re–etabliert und die Hauptstadt Berlin hat eine neue alte Soziale Frage.

Die Wohnungsfrage im Kapitalismus
– vom Staat geschaffen: als Stifter und Garant der Eigentumsordnung.
– vom Staat betreut: systemkonform, gemäß standortpolitischer Berechnungen/Konjukturen und sozialen Gesichtspunkten der Verwaltung nützlicher und funktionsloser Armut

1. Nach etlichen Jahren Hauptstadtdasein wird Wohnen in Berlin offenbar so kapitalistisch-normal, dass es in die Schemata der stadtsoziologischen Sparte „Gentrifizierung“ passt: Sys-tematisches „Aufhübschen“ der Innenstadt und „Luxussanierungen“ führen zu steigende Mieten in Berlin und zu einem „Austausch“ ganzer Bevölkerungen aus bestimmten Stadttei-len, die sich mit ihren Einkommen aus schlecht bezahlter Arbeit bzw. Renten und Hartz IV eben diese nicht mehr leisten können. Die 25% – 30% Armen, die Berlin bevölkern, müssen zusehen, ob sich zu ihren durch Geldnot geprägten Überlebensproblemen auch noch das Pech gesellt, in einem plötzlich „attraktiv gewordenen“ Stadtteil zu wohnen. Was ihnen in aller Regel neue Überlebensprobleme beschert, nicht selten angereichert mit Schikanen ihrer pri-vaten bzw. wohnbaugenossenschaftlich organisierten Grundeigentümer, sowie den Hartz IV-lern unter ihnen Umzugsnötigungen ihrer Arbeitsagenturen und Job-Center.

Mieterrechtsanwälte bekommen Zulauf, Mieterproteste und Aktionen wie die „Kampagne gegen steigende Mieten“ bzw. „Wir bleiben alle“ häufen sich. Sie wollen die „Wohnungsfrage“, die Berliner Mietern aufgetischt wird, nicht kampflos hinnehmen. Ihre Organisatoren wollen den Stadtstaat Berlin dazu nötigen, „wieder“ verstärkt Mieterschutz einzuführen bzw. sozialen Wohnungsbau zu subventionieren. Gentrifizierungstheoretiker sehen all diese Proteste aufgrund ihrer Marktstudien als wohl begründet an und kritisieren eine mangelnde staatliche Regulierung des Wohnungsmarkts, die ausgleichend zwischen „armen“ und „reichen“ Wohnungsinteressenten einerseits, den eingesehenen wie übertriebenen Ansprüchen des Grundeigentums anderseits wirken sollte.

2. Der Stadtstaat Berlin und seine eigens für die Vermarktung städtischen Grundeigentums gegründete Investitionsbank IBB tun derweil alles, um eben diese Wohnungsfrage für die „Armen“ der Stadt zu verallgemeinern – und ihre „Wohnungsfrage“ zu „lösen“: Berlin wird mit allen Mitteln der Standortpolitik für Investoren jedweder Branche attraktiv gemacht und die Spekulation auf einen boomenden Wohnungsmarkt gefördert. Die Armut der ansässigen Berliner Bevölkerung befinden sie ebenso zynisch wie sachgerecht als Störquelle für dieses Vorhaben.

„Berlin verzeichnet seit einigen Jahren einen stabilen Zustrom von neuen Einwohnern. Dennoch (!) ist ein großer Teil der Nachfrage durch die ansässige Wohnbevölkerung bestimmt. Deshalb ist für das Geschehen am Wohnungsmarkt das örtliche Einkommensniveau von großer Bedeutung. In diesem Niveau, das seit Jahren deutlich unterhalb des Durchschnitts anderer Großstädte liegt, besteht daher nicht nur aus unserer Sicht das größte Hemmnis (!) für eine entsprechende Nachfrageentwicklung. Auch die befragten Investoren benennen diesen Punkt als Marktproblem Nr. 1“ (Investitionsbank Berlin, IBB Jahresbericht 2009)

Auf den beiden Diskussionsveranstaltungen wollen wir folgendes klären:

1. Grundrisse der Polit-Ökonomie des kapitalistischen Grundeigentums Warum ist die Wohnungsfrage im Kapitalismus eine Systemfrage? Ist das mit dem Gegensatz von „arm“ und „reich“ im Einkommensniveau richtig gekennzeichnet? Was ist die elementare Leistung des Staates für das Grundeigentum – so dass sich die Vorstellung eines „Rechts auf Wohnen“ als beschönigende Gerechtigkeitsvorstellung erweist?
– Wohnen gegen Geld
– das staatlich ermächtigte Grundeigentum und seine Einnahmequelle, rechtlich lizenziert und betreut
– die qualitativen Bestimmungsgrößen von „Angebot und Nachfrage“
– vom Grundeigentum zum Immobilienkapital
– Der staatliche Beitrag zu Freisetzung der Renditeinteressen des Immobilienkapitals: Standortpolitik und Stadtentwicklung
– Berliner Besonderheiten: Anschluss Ost, die Stadt als größter Grundeigentümer, die Restitution der Alteigentümer, Berlin wird Hauptstadt

2. Prinzipien der sozialstaatlichen Betreuung der produzierten Wohnungsfrage
– Der Funktionalismus: Für das Kapital und den Staat nützliche Lohnabhängige und „Dienstleister“ müssen wohnen können
– Die Instrumente „Mieterschutz“ – Städtischer Wohnungsbau – Mietobergrenzen – Wohngeld als Subvention des Grundeigentums – Hartz IV und Wohnen: der praktizierte Zynismus gegenüber „funktionsloser“ Armut
– Exkurs zum Sonderfall Westberlin: Funktionslose Armut in Frontstadtzeiten sozialstaatlich nützlich gemacht für die imperialistische Behauptung des Frontstadtanspruchs

http://www.kk-gruppe.net/

Update:

Der Mitschnitt von Teil 1 (17.09.2010) ist jetzt online verfügbar:

http://kk-gruppe.net/mp3/wohnen%20RF%20teil%201%20kpl.MP3

Update-2:

Der Mitschnitt von Teil 2 (08.10.2010) ist jetzt ebenfalls online verfügbar.

http://kk-gruppe.net/mp3/wohnungsfrage%20im%20kapitalismus%20teil%202%20%20ROTER%20FREITAG%20okt%202010%20berlin.MP3

29 Responses »

  1. Gibt es zu dieser aktuellen Thematik denn irgendwo etwas halbwegs vernünftiges zu lesen?

  2. Wäre schön, wenn es eine Aufnahme der Veranstaltung geben würde. Berlin ist für mich leider zu weit weg.

  3. Die Berliner Genossen nehmen ihre „kleinen“ Veranstaltungen im BAIZ nicht auf, es wird wohl auch von dieser keinen Mitschnitt geben, befürchte ich.

  4. Es wird aller Wahrscheinlichkeit entweder eine Aufnahme geben oder das Skript anschließend zur Verfügung gestellt werden.

  5. Mitschnitt Teil 1:
    http://kk-gruppe.net/
    – Aufzeichnungen

  6. Hier ist die Aufnahme des ersten Termins: http://kk-gruppe.net/#wohnen

  7. Bei mir hat der Download nur einen linken Kanal und keinerlei Tags.

  8. Ich weiß nicht genau, was du damit meinst. Aber wenn du auf http://kk-gruppe.net/#wohnen gehst, kannst du von dort aus den download starten.

  9. Ich habe den Mitschnitt doch schon downgeloaded. Und dann als erstes feststellen müssen, daß die MP3-Datei keinerlei ID3-Tags mitbekommen hat. Das ist kein Muß, hilft aber auf einem Player, die einzelnen Dateien zu verwalten/finden. Und ich habe auch schon reingehört. Deshalb die Frage, ob nur bei mir da der rechte Kanal extrem niedrig ausgesteuert ist (er fehlt also nicht ganz, wie ich in ruhiger Umgebung feststellen konnte). Am Player oder den Kopfhörern liegt es definitiv nicht.

  10. Wenn es dann auch noch das Skript gäbe (s.o.)… 🙂

  11. Kaum geben dir die Genossen den kleinen Finger (was ja schon recht erfreulich ist), willst du gleich die ganze Hand!! Nur weiter so!

  12. Naja, zu dem Thema gibt’s m.W. halt kaum was. Ausserdem zeigt der ausnahmsweise Mitschnitt doch, dass man nur nachfragen muss. Und das ist gut und nicht schlecht. 😉

  13. Ja, das meine ich auch, daß das doppelt gut war/ist:

    Erstens sich überhaupt des Themas ernsthaft annehmen. Denn das ist in der Tat ein Novum (für den GegenStandpunkt zumindest), ich jedenfalls wüßte auch nichts, auf was ich da verweisen könnte. Und zweitens, daß sich die Berliner Genossen überhaupt auf einen Mitschnitt eingelassen haben, das ist ja praktisch auch ein Novum, jedenfalls für die letzten Jahre, soweit ich da nichts übersehen habe. Umso erstaunlicher bei einem doch eher schwierigeren Thema. Jedenfalls offenhörlich für manchen Teilnehmer. Und ich möchte wetten, selbst für die Referenten.

  14. Hier etwas von dem bekannten Stadtsoziologen A. Holm:

    Crashkurs: Wohnungsökonomie, vom September 22, 2010
    http://gentrificationblog.wordpress.com/

    Er zitiert Karl Marx und bürgerliche Ökonomen, also eine bunte Mischung an Argumenten und Kritik.

    Friedrich Engels erwähnt er nicht ( „Zur Wohnungsfrage“ von 1872 ?)

    „Die Wohnungsnot der Arbeiter und eines Teils der Kleinbürger unserer modernen großen Städte ist einer der zahllosen kleineren, sekundären Übelstände, die aus der heutigen kapitalistischen Produktionsweise hervorgehen.“ F. Engels, Wohnungsfrage, MEW 18, 214.

    A. Holm sieht Widersprüche:
    1. Wohnungen haben einen Doppelcharakter als Gebrauchs- und Tauschwerte( am Ende von 1. )

    Zitat Anfang
    „Während Mieter/innen vor allem an einer Verbesserung der Gebrauchsqualitäten ihrer Wohnungen interessiert sind, orientieren sich ökonomisch rational handelnde Eigentümer/innen an der Maximierung der Mieteinnahmen bzw. Verkaufspreisen.
    Diese Konstellation kann als grundlegendes Widerspruchsverhältnis zwischen Mieter/innen und Eigentümer/innen interpretiert werden. Dieser Antagonismus )wird durch eine Reihe von gesetzlichen und adminisitrativen Rahmenbedingungen (Mietrecht, Baurecht, Wohngeld etc.) reguliert aber nicht aufgehoben.“
    Zitat Ende

    Allerdings scheinen diese Widersprüche bei A. Holm lösbar zu sein. Liegt er da richtig ?
    Oder ist dieser Widerspruch in unserer schönen Marktwirtschaft doch nicht lösbar.

    Jetzt noch ein Zitat von Marx, K., Engels, F., Ausgewählte Werke, Band IV, S. 194.

    “der Arbeiter und eines Teils der Kleinbürger unserer modernen großen Städte (…) einer der zahllosen kleineren, sekundären Übelstände, die aus der heutigen kapitalistischen Produktionsweise hervorgehen. Sie ist durchaus nicht eine direkte Folge der Ausbeutung des Arbeiters, als Arbeiter durch den Kapitalisten. (…) Der Eckstein der kapitalistischen Produktionsweise aber ist die Tatsache: daß unsere jetzige Gesellschaftsordnung den Kapitalisten in den Stand setzt, die Arbeitskraft des Arbeiters zu ihrem Wert zu kaufen, aber weit mehr als ihren Wert aus ihr herauszuschlagen, indem er den Arbeiter länger arbeiten läßt, als zur Wiedererzeugung [Reproduktion; d.V.] des für die Arbeitskraft gezahlten Preises nötig ist”,

  15. hallo anuj,

    schön, dass du meinen Blog wahrnimmt. Der „Crash-Kurs“ wurde im Kontext einer Veranstaltungsreihe der Diakonie Hamburg gehalten, die sich in konkreten Fragen der Wohnungsversorgung insbesondere von Wohnungslosen in der Hamburger Stadtpolitik positionierten wollen. Es ging da nicht um die abstrakte Frage ob die Wohnungsfrage im Kapitalismus überhaupt gelöst werden kann, sondern um Perspektiven für ein konkretes Einmischen in stadtpolitische Auseinandersetzungen. Die Struktur des Textes folgt keiner Systematik, sondern einer Reihe von Fragen, die die Veranstalter in Hamburg diskutieren wolleten. Insofern wirkt der Text vielleicht auch ein bisschen zusammengewürfelt.

    Diesen Kontext bitte ich bei der Bewertung des Manuskripts zu berücksichtigen. Und wenn du schon Teile des Textes zitierst, dann wäre es nett, sie vor dem Interpretieren auch zu lesen.
    Wenn ich schreibe „Dieser Antagonismus … wird nicht aufgehoben“ – dann heisst doch eigentlich da Gegenteil von: „Allerdings scheinen diese Widersprüche bei A. Holm lösbar zu sein“. Wie kommst du denn zu deiner Einschätzung?

    Genau auf dieser Polemik jedoch baust du deine weitere Argumentation auf. Wenn du den Text zu Ende gelesen hättest, wäre dir vielleicht auch aufgefallen, dass ich eine Perspektive letztendlich in der ‚Dekommodifizierung und Vergesellschaftung‘ sehen – dass dies nur als gesamtgesellschaftlicher Prozess durchsetzbar ist, dürfte einleuchten. Doch in konkreten Auseinandersetzungen (nicht nur im Bereich der Stadtpolitik) ist es es eine politische Selbstbeschränkung, sich ausschließlich auf die Überwindung des Kapitalismus zu konzentrieren und Bewegungs- und Gestaltungsspielräume im Hier und Heute liegen zulassen. Aber vielleicht haben wir in dieser Frage ein unterschiedliche Auffassung.

    Die Veranstalter des oben angekündigten Seminars haben vermutlich die ‚korrekte‘ marxistische Position zur Wohnungsfrage – dafür haben sich schon in der Ankündigung kleine Fehler bei der Beschreibung der stadtpolitischen Realität eingeschlichen. Die dort benannte Investitionsbank Berlin (IBB) ist keineswegs für den Verkauf städtischer Grundstücke gegründet worden (das ist der sogenannte Liegenschaftsfond) und ist stattdessen vor allem für die Abwicklung der Förderprogramme zuständig. Dieser Umstand macht die IBB keineswegs sympathischer – aber eine fundierte Kritik, sollte zumindest die Fakten kennen.

    Soweit, Andrej Holm

    p.s. Welche ‚bürgerlichen Ökonomen‘ hast du denn in meinem Text gefunden?

  16. Ja, ja, die WBK/IBB ist in dem Referat falsch beschrieben worden. Ich hatte das zwar auch bemerkt, aber buchstäblich nicht der Rede wert befunden. Wen die gar nicht mal uninteressante Geschichte der Wohnungsbau-Kreditanstalt Berlin interessiert, die ab 1965 Kapitalsammelstelle für Darlehen nach § 17 Berlinförderungsgesetz zur Förderung des Berliner Wohnungsbaus war, der kann sich übrigens nicht mal auf der Seite der Investitionsbank Berlin (IBB) selber, dem Rechtsnachfolger der WBK, mehr als obiges Statement holen ( htp://www.ibb.de/desktopdefault.aspx/tabid-130/ ). Sie gehörte jedenfalls zentral zu dem, was Westberlin als Sumpfblüte des Imperialismus ausgezeichnet hat, wie die MG irgendwann mal so schön geschrieben hat.

    Zentraler ist deine Verteidigung deines Papers:

    „Es ging da nicht um die abstrakte Frage ob die Wohnungsfrage im Kapitalismus überhaupt gelöst werden kann, sondern um Perspektiven für ein konkretes Einmischen in stadtpolitische Auseinandersetzungen.“

    Im Kern auf der gleichen Linie wie du hat übrigens ein noch viel offensichtlicher durch und durch reformerisch aufgelegter Anti-Gentrifizierungs-Aktivist aus Ostberlin argumentiert. Letzlich läuft sowas immer auf die Behauptung heraus, das es doch mit dem Teufel zugehen müßte, wenn es nicht mit etwas Mühe vielleicht und langem Atem gehen müßte, daß auch ohne, daß diese Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden, man doch seine mehr oder weniger bescheidenen Bedürfnisse befriedigen können sollte. Da muß „man“ dann nur „eigentlich“ dafür sorgen, daß der Logik des Profits, daß aus allem Geldwertem in diesem Staat immer noch mehr Geld werden möge, in diesem oder jenem konkretem Falle doch eine Schranke gesetzt werden möge. Diese Forderungen richten sich der Natur der Sache nach natürlich ausgerechnet an den bürgerlichen Staat und sein Rechtswesen, der doch gerade handfest gezeigt hat, was ihm wirklich am Herzen liegt, nämlich die Reichtumsvermehrung. Solche eine Politik ist dann natürlich permanent von der Enttäuschung begleitet, daß genau dieser Staat, an den man appelliert, daß der das Sozialstaatsprinzip oder das Gemeinwohl oder was einem da an wohlfeilem gerade einfällt zugunsten der Schwachen dieser Welt oder eben auch nur dieses Stadtteils herbeiregieren möge, doch offensichtlich eine Agenda hat, bei denen höchstens aus seinem Beäugen, ob das auch alles weiter wie geschmiert läuft, ab und zu mal dem einen oder anderen Exzeß einen Riegel vorschiebt aber nie und nimmer sowas Elementares erfüllt wird, wie der Wunsch der Menschen, in einer vernünftigen bequemen Wohnung leben zu können.

    Das große Problem bzw. Mißverständnis oder aneinander vorbei Reden scheint mir darin zu bestehen, daß Leute wie du partout nach dem Weg des optimalen Zurechtkommens *in* dieser kapitalistischen Welt suchen und sich jeglichen Hinweis von Kommunisten darauf, was das nicht nur grundsätzlich, sondern z.B. in der Wohnungsfrage auch recht konkret heißt, verbitten, weil diese Erkenntnisse über den „Laden hier“ beim Zurechtkommen, für das man sich schier unerschütterlich nun mal festgelegt hat, nun wirklich nicht helfen. Deshalb findet man Leute wie dich eben auch eher bei der Diakonie als bei einem Roten Freitag, um das mal ganz ohne Ironie ein bißchen platt zuzuspitzen.

  17. Es gab von der MG in den Jahren 1989/1990 etliche Diskussionsveranstaltungen zum Thema Wohnungsnot, sozialer Wohnungsbau und Gentrifizierung, auch wenn letzteres damals noch nicht so hieß.

    Eine Suche bei

    http://www.dearchiv.de

    mit dem Stichwort ‚Wohnungsnot‘ fördert entsprechende Textdokumente zutage.

  18. Der Hinweis auf das MG-Archiv bei DEA war wirklich hilfreich:
    Mein Verweis auf die Sumpfblütencharakterisierung Westberlins hat seine Basis nämlich in dem dort dokumentierten Artikel
    http://www.dearchiv.de/php/dok2.php?archiv=amg&brett=CHR031&fn=BERLIN.682&swort1=SUMPFBLUETE&swort2=&swort3=

    Auch da sind einige wichtige Erkenntnisse zur Wohnungsfrage abgehandelt worden:

    „Berliner Boden – eine staatlich präparierte Goldgrube

    Denn die Investition von Kapital in den Berliner Grund und Boden, die B a u t ä t i g k e i t, repräsentiert so recht die unmittelbarste Verkörperung des Vertrauens in die langfristige Zukunft des Standorts Berlin, eine Zukunft, in der die Freiheitsinsel wieder freies Land um sich hat und endlich erneut zum Zentrum w i r k l i c h e r Geschäfte wird. Die besondere Art und Weise, wie die Berlin-Hilfe das Spekulieren mit Grund und Boden lohnend macht, bringt auf der einen Seite die netten Bauskandale Steglitzer Kreisel, Kudamm-Karee etc. hervor, auf der anderen Seite das Vergammeln ganzer Stadtviertel. Denn die Rentabilität hier getätigter Anlagen bemißt sich konkret nicht danach, ob sie als Kapital fungieren und Profit abwerfen, sondern danach, wieviel Steuern auf in der BRD gemachte Profite sich damit sparen lassen:

    – Die Abschreibungsgesellschaften beurteilen ihr Eigentum allein danach, daß es Kosten verursacht, wobei selbst Totalbankrotte sich über die Verrechnung auf anderswo erzielte Profite lässig durch steuerlichen Verlustvortrag in einen Nettogewinn verwandeln lassen.

    – Damit auch der Massen-Wohnungsbau als Sphäre Berlinspezifischer Geschäfte erschlossen wird und so dann immerhin bedingt stattfindet, arrangiert der Senat S i e d l u n g s g r ü n d u n g e n (Märkisches Viertel, Gropiusstadt), deren geschäftsmäßige Abwicklung er von ihm ins Leben gerufenen Bauträgergesellschaften überrägt. Er eröffnet damit nicht nur ein neues Feld für Bodenspekulation nach den üblichen Kriterien, sondern macht den sozialen Wohnungsbau selbst zu einer der lukrativsten Kapitalanlagen, die Berlin zu bieten hat: Die Tatsache des Geld ausgebens selbst wirkt bereits unmittelbar steuermindernd, der Bau zieht quasi automatisch billige öffentliche Kredite auf sich, die Abschreibungserleichterungen garantieren, daß der ursprüngliche Kapitalvorschuß schnell wieder freigesetzt wird. Und die so berechnete Kostenmiete von DM 30 (!) pro qm, wovon über 70% auf Kreditkosten und Abschreibungen entfallen, garantiert der Staat durch seine Mietzuschüsse. Der Leerstand solcher Wohnungen bei 50.000 Wohnungsberechtigungsscheinbesitzern und 70.000 Anwärtern auf solche Berechtigungen zeigt übrigens, daß diese Zuschüsse nun wirklich nicht daran bemessen werden, den Bewohnern der Stadt erschwingliches Wohnen zu ermöglichen.

    – Mit der Aufrechterhaltung des s c h w a r z e n K r e i s e s, der Altbaumietenbewirtschaftung, trägt der Senat dem Umstand Rechnung, daß die staatliche Herrichtung von Grund- und Hauseigentum in Berlin als einträgliche Geschäftssphäre an der Armut der Bevölkerung eine Schranke hat. Mit den Altbaumietern soll nur bedingt ein Geschäft gemacht werden, wofür der Staat Grundeigentümer nicht schlecht belohnt. Durch erhöhte Abschreibungsmöglichkeiten stellt bereits der Kauf eines Mietshauses den Gewinn dar. So ist staatlich garantiert, daß die Mietshäuser verrotten, weil es gar nicht der ökonomische Umgang mit Kapital ist, der das Geschäft ausmacht: Jede Instandsetzungs-Mark ist hier reine Un-Kost.

    – Da diese Form des Umgangs mit dem Grundeigentum zum Verfall der Wohnungen führt, macht der Staat seinen Grundeigentümern weitere Auflagen in Form von Angeboten für sie: Er erklärt Teile von Wohngegenden zu Sanierungsgebieten. In sanierten Gebieten steigen die Mieten und damit der Wert des Grundstückes, wichtiger aber noch für die staatlich eröffnete Grundstücksspekulation ist die Kreditträchtigkeit eines im Sanierungsgebiet liegenden Hauses. Es zieht Staatszuschüsse in Form äußerst zinsgünstiger Darlehen und weiterer Einkommensteuererleichterungen nach sich. Verrottenlassen ganzer Straßenzüge ist die Voraussetzung, daß der Staat sie zum Sanierungsgebiet erklärt. Da der Umgang mit Grundeigentum in Westberlin auch in der Weise eingeschränkt ist, daß der Eigentümer ein Haus nicht einfach abreißen darf, aber umgekehrt die höchste staatlich garantierte Profitabilität im Neubau von Wohnungen liegt, gibt es das Interesse an Totalverrottung ebenso wie an Leerstand, dessen Herbeiführung den Geschäftszweig der planmäßigen Brandstiftung in Dachstühlen zum Blühen brachte. Dieser bewährt sich auch bei der Entmietung zwecks Altbausanierung, welche über Modernisierungszulagen und die steuerliche Begünstigung von (modernen) Einbauten wie Öfen, elektrischen Leitungen und Innentoiletten – alles keine Selbstverständlichkeiten im Westberliner Altbau – lohnend gemacht wurde.

    – Der Staat gründet Kapitalgesellschaften die senatseigenen Wohnungsbaugesellschaften -, welche dem Grundeigentum den Profit über den Ankauf solcher Häuser garantieren. Ihre Verluste beim Ankauf der Häuser trägt der Senat. Zu funktionieren haben sie nach haushälterischen Gesichtspunkten, was heißt, flotte Maßstäbe der Billigsanierung zu praktizieren.

    Von Anfang an waren dem Senat die Instandbesetzungen so unangenehm nicht, bedeutet doch die Instandhaltung von Häusern aufgrund der vom Senat in die Welt gesetzten Maßstäbe nie lohnende Ausgaben. Dies die Grundlage von diversen Überlegungen, den Hausbesetzern Nutzungsverträge oder Erbpachtverträge anzubieten.

    „Vielleicht ist ein Vergleich mit dem Experiment des freiwilligen Arbeitsdienstes Anfang der dreißiger Jahre nicht abwegig – nur mit dem Unterschied, daß damals das Problem der Illegalität von Besetzungen nicht auftrat.“ (Süddeutsche Zeitung, 4.2.81)

    Dieses „Problem“ zu erledigen, wird sehr gelassen dem Innensenator und seiner Polizei überlassen – und es zeugt von nicht gelinder politischer Dummheit der Hausbesetzerszene, aus dem bequemen Nebeneinander von staatlichem Gewaltmonopol und Verwendung der Szene als entgegenwirkende Ursache gegen Verslumung ein Plus für den Bausenator Rastemborski gegen den Innensenator Lummer zu verfertigen.“

  19. Hallo Andre Holm,
    Deine Perspektive heißt also: Nutzen der „Bewegungs- und Gestaltungsspielräume im Hier und Heute“.
    Dann sehen wir uns doch das „Hier und Heute“ einmal an:
    1. 90.000 Zwangsversteigerungen in Deutschland im Jahre 2009
    2. Mammutprozesse mit Schrottimmobilien ( ca. 300.000 – 500.000 verkaufte Schrottimmobilien in den 90 Jahren )
    3. Überhöhte Erbpachtvertrage seitens der Kirche
    4. Wohnregelung für Hartz IV ( vielleicht bald Reduzierung von 45 qm auf 25 qm / Person )
    5. Mietpreissteigerungen und Nebenkostensteigerungen die den Lohnzuwachs überschreiten
    6. Sanierungen der Wohnungen (was an und für sich eine gute Sache ist, da sich der Gebrauchswert verbessert) bewirkt die sogenannte Gentrifrication, die Folgen sind Wohnungswechsel der Mieter die sich die neuen Mieten nicht mehr leisten können
    7. nach H. Creutz sind 70 % der Mieten Kreditkosten, das heißt das was die Handwerker ( 20 bis 30 Baugewerke, incl. Planung teilen die restlichen 30 % – das sind dann 1% pro Gewerk ) am Wohnungsbau verdienen ist ein Almosen gegenüber den Banken
    8. Spekulation mit Grund und Boden, da hat Berlin auch seine negativen Erfahrungen gemacht
    9. Wohnungsbaugesellschaften mit 100.000 Wohnungen, die rentabel (mit Gewinn – der dann an die Akionäre oder den Staat gezahlt wird) arbeiten müssen
    10. Änderungen in den Bauvorschriften (ENEV-Wärmeschutzverordnung) die überwiegend von der Industrie diktiert werden um neue Produkte zu verkaufen ( einige Bauphysiker prangern das schon seit Jahren an )
    11. Obdachlosigkeit ( ca.200.000 bis 300.000 in Deutschland )
    12. enorme Steigerungen der Bodenpreis nach 1945
    13. Erhöhung der Grundsteuer in Berlin und vielleicht demnächst auch in anderen Bundesländern
    14. Verkauf eines Teiles des sozialen Wohnungsbaus an Investoren
    15. künstliche Verknappung des Wohnraumes durch staatliche geförderten Abriß und Rückbau von Wohnungen
    16. staatlich organisierte Mietpreiserhöhnung im sozialen Wohnungsbau ( Berlin rot/roter Senat, T. Sarazin ), und nachdem die Mieten im sozialen Wohnungsbau (dank staatlicher organisation) sich den Mieten privater Vermieter angeglichen haben bzw. noch höher lagen, kann man locker behaupten wir brachen keinen sozialen Wohnungsbau mehr, da die Mieten sich vom privaten Wohnungsmarkt nicht mehr unterscheiden
    17. „In sich verkäufe“ der Berliner Wohnungsbaugesellschaften, brachte Milliarden Gewinne mit denen die Schulden bei den Banken getilgt werden konnten ( Tilgung von Zinsen die durch Geldschöpfung entstanden sind )
    18. Steuerbegünstigungen und Abschreibungen im Wohnungsbau
    Das sollte erst einmal reichen.
    Das ist das Hier und Heute.
    Da stehen auf der einen Seite, die geringe Anzahl Besitzer der Wohnungen und des Grund und Bodens und auf der anderen Seite die Vielzahl der besitzlosen Mieter.
    Und das alles mit Dekommodifizierung und Vergesellschaftung als gesamtgesellschaftlichen Prozess in der Marktwirtschaft (Kapitalismus) zu lösen, dürfte wohl kaum einleuchten. Da ist der Wunsch wohl mehr der Vater des Gedankens.
    Mit ‘bürgerlichen Ökonomen’ meine ich die anderen Zitierten Quellen.
    Gruß anuj

  20. Mit dem Begriff „Schrottimmobilien“ habe ich meine Probleme:

    Das klingt so, als ob damit eine Beschreibung des Gebrauchswerts der Wohnungen oder Häuser gegeben wird. Dem ist aber gar nicht so. Damit wird ja regelmäßig nur der ökonomische Fakt beschrieben, daß eine bestimmte Immobillie nicht mehr (oder in vielen Fällen eigentlich nie) zu dem Preis weiterverkauft werden kann, für den der „arme“ Erwerber sie ursprünglich erworben hatte.

    Daß Immobilien auch vom Gebrauchswert manche Kritik vertragen, das interessiert auf dem Markt doch nur dann und erst dann, wenn die Preiserwartungen zerplatzen. Vorher hat das doch auch niemand gestört. In den USA z.B. ist in den fabelhaften Boomjahren der Immobilienbranche doch buchstäblich „Schrott“, also lausig gebaute Holz/Nichtstein-Häuser, verkauft worden, weil die Leute buchstäblich alles gekauft haben. Schrott wurde das erst, als die ihre Kredite, die genauso hoch und zum Teil noch höher als ihre Häuser gewesen sind, nicht mehr bedienen konnten.

  21. Hallo anju,

    danke für deine schöne Zusammenfassung des Elends der Wohnungsversorgung in Deutschland. Du willst mir sicher nicht unterstellen, diese Fakten nicht zu kennen oder irgendwie zu unterstützen. Wenn ich die Perspektiven der Dekommodifizierung und Vergesellschaft benennen, dann ist mir klar, dass dies nicht innerhalb der Marktwirtschaft funktionieren wird. Ich bin bisher davon ausgegangen, Dekommodifitzierung und Vergesellschaftung seien die Kernbegriffe für die Überwindung des Kapitalismus. Deshalb habe ich ja auch geschrieben, dass dies nur in einem ‚gesamtgesellschaftlichen Prozess‘ der Umwälzungen zu erreichen sein wird.

    Die Frage an dich war ja, was wir (bis dahin) tun sollten? Immer nur zu sagen, dass der Kapitalismus überwunden werden muss, ist keine politische Perspektive sondern allenfalls eine ehrenwerte Haltung. Soziale Revolten haben sich ja in der Geschichte – abgesehen vielleicht vom bolschewistischen Staatsstreich 1917 – immer aus der Auflehnung gegen ganz konkrete Bedingungen und Konflikte ergeben. Und die Wohnungsfrage ist aktuell eines der Konfliktfelder, in denen es überhaupt Mobilisierungsansätze gibt, die eine kapitalistischen Verwertungslogik unmittelbar in Frage stellt.
    Insofern geht es mir nicht um ein gemütliches Einrichten im Hier und Heute, sondern um die Stärkung der Sozialen Bewegungen im Feld der Stadtpolitik. In meinem Politikverständnis jedenfalls spielen gesellschaftliche Mehrheiten und breite Bündnisse eine zentrale Rolle. Welchen Beitrag ein Roter Freitag oder eine Veranstaltungsreihe der Diakonie Hamburg dazu leisten, können wir gerne diskutieren.

    Zu den ‚bürgerlichen Ökonomen‘:
    Zitiert werden ja eigentlich nur Stefan Krätke (einer der wenigen politi-ökonomisch argumentierenden Wirtschaftsgeographen in der deutschen Hochschullandschaft) und der von Brede/Kohaupt/Kujath 1974 herausgegebene Band „Zu den Ökonomischen und politischen Determinanten der Wohnungsversorgung“ (eine der wenigen ernstzunehmenden Anwendungen marxistischer Theorien auf Bereich der Wohnungsversorgung in der BRD). Um die Autoren gleich vorab vom Vorwurf des Reformismus zu entlasten ein kleines Zitat, mit dem sie die staatlichen Interventionen in den Wohnungsmarkt zusammenfassen: „Die Wohnungspolitik des Staates reproduziert die gesellschaftlichen Widersprüche, den Widerspruch zwischen Verwertungsinteressen der Hauseigentümer und anderer Kapitalfraktionen; den Widerspruch zwischen dem Anspruch der lohn-, gehalts- und rentenabhängigen Bevölkerung auf eine ausreichende, finanziell akzeptable Versorgung mit Wohnraum und der Wohnungswirtschaft, für die Rentabilitätsinteressen höher stehen als Bedürfnisse der Bevölkerung“

    Wer wären deiner Meinung nach ’nicht bürgerliche Ökonomen‘, die sich qualifiziert mit Fragen der Wohnungsökonomie/-versorgung auseinandergesetzt haben?

    Beste Grüße,

    Andrej Holm

  22. Hallo Andrej

    Das, was du so schön mit „Dekommodifizierung“ benennst, soll doch im Klartext heißen, dass die Warenförmigkeit beendet wird. Das also Wohnungen / Häuser weder gekauft, noch gemietet werden, sondern entsprechend den Bedürfnissen der Bewohner eingerichtet und gebaut und natürlich kostenfrei bewohnt werden können.

    Wenn du das möchtest, und das behauptest du ja, dann muss sich der politische Weg auch daran messen lassen, ob er überhaupt ein Weg in diese Richtung ist. Oder ob eben nicht.

    Und deswegen meine Frage: Was hat „kommunale Wohnungsbestände für eine soziale Wohnungsversorgung benachteiligter Haushalte nutzen“ (aus deinem Crashkurs) mit einem Ende des Eigentums an Grund und Boden zu tun?

    Lieben Gruß

    Klaus

  23. Hallo Klaus,

    du hast natürlich recht, dass der Übergang von der Dekommodifizierungsperspektive zu den Regulationsinstrumenten im Crashkurs etwas verkürzt beschrieben wurde und der Argumentationsschlenker welchen Stellenwert die verschiedenen Instrumente haben können völlig fehlt. Intension an dieser Stelle war es, eine Dekommodifizierungsperspektive als Maßstab für die Bewertung oder auch tagespolitische Forderung von wohnungspolitischen Programmen zu benutzen.
    Als Zwischenschritte der Dekommodifizierung können meines Erachtens auch Eingriffe gelten, die die private Verfügungsgewalt über Grund und Boden (oder konkreter über Wohnungen) einschränken. Dies kann u.a. über rechtliche Auflagen, Förderprogramme, kommunale Enteignungen, Zwangsbewirtschaftungen (alles Beispiele aus der Geschichte der Wohnungspolitik) geschehen. Ob ein einzelnes Instrument als wirkungsvoll beschrieben werden kann, ist stark von der Eingriffstiefe und der Dauerhaftigkeit der Maßnahmen abhängig. Die Förderprogramme im alten sozialen Wohnungsbau etwa waren temporäre und unsoziale Finanzierungsmodelle für Privateigentümer/innen – also eher kein Beitrag zur Dekommodifizierung
    Das kurzzeitig in den 1990er Jahren praktizierte Programm der Mieterselbsthilfe schon eher – im Programm wurden Modernisierungsmaßnahmen gefördert, die durch die Mieter/innen selbst durchgeführt werden sollten. Die Eigentümer/innen wurden dabei verpflichtet, die Wohnung mietrechtlich weiter wie eine Substandardwohnung zu führen, wodurch die sonst möglichen Modernisierungsumlagen und MHG-Mieterhöhungen ausgeschlossen wurden.
    So ähnlich ist es mit dem kommunalen/öffentlichen Wohneigentum – das kann, muss aber nicht zur zur Einschränkung der Warenförmigkeit genutzt werden. So sind aus der Geschichte der Wohnungspolitik Phasen und Beispiele bekannt, in der kommunale Wohnungen den Bewohner/innen zu politisch bestimmten Konditionen zur Nutzung überlassen wurden. Ob öffentliches Eigentum dem privaten Grundbesitz gleichgestellt werden kann und muss, ist glaube ich umstritten. In Phasen einer fortschrittlichen Wohnungspolitiken (z.B. Rotes Wien in den 1920er Jahren) spielte der Gemeindewohnungsbau immer eine zentrale Rolle. Dass die Wohnungsbaugesellschaften in Berlin mit ihrer betriebswirtschaftlichen Ausrichtung zur Zeit die Warenförmigkeit der Wohnungsversorgung nicht verringern, ist leider war. Dennoch glaube ich, dass öffentliches Eigentum, mit der Chance einer politischen (und eben nicht marktförmigen). Bestimmung der Bewirtschaftungsstrategien, einen Zwischenschritt der Vergesellschaftung von Grund und Boden darstellen können. Dass die meisten der vorstellbaren Regulationsinstrumente die Verwerfungen einer kapitalistischen Wohnungsökonomie nicht auflösen können, ist mir dabei klar. Richtig angewendet können sie aber zumindest die Lust am Privateigentum an Mietwohnungen deutlich einschränken und Modelle für eine marktferne Organisation der Wohnungsversorgung entwickeln.

    Soweit für erste, die einzelnen Punkte ließen sich sicherlich sinnvoll vertiefen…

    Andrej Holm

  24. Wenn Leute, denen die bisherige Welt nicht gefällt, sowie hier Andrej, als Parole ausgeben:

    „Intention an dieser Stelle war es, eine Dekommodifizierungsperspektive als Maßstab für die Bewertung oder auch tagespolitische Forderung von wohnungspolitischen Programmen zu benutzen.“

    dann ist damit immer schon eine ganz bestimmte Weltsicht vorausgesetzt. Das wird auch deutlich bei seiner Behauptung „Zwischenschritte der Dekommodifizierung“. Schon in der Wortwahl behauptet er nämlich, daß es auf dem politischen Feld seiner Intervention, hier ist es die Immobilienwelt, ein Kontinuum beliebiger rechtlich/sozialer Ausgestaltungsmöglichkeiten innerhalb dieser kapitalistischen Gesamtwelt geben würde. Wo man dann nur genügend Druck auf die Entscheidungsstellen (also den bürgerlichen Staat mit seinem Rechtswesen) ausüben müsse, um die als Pendel gedachte Pollitik , das im Ausgangspunkt ganz „falsch“ auf der Seite der „Benachteiligung“, „Ungerechtigkeit“, „sozialen Schieflage“ und wie die reformistischen Codeworter da immer heißen, steht, Schritt für Schritt in „unsere“ Richtung zu verschieben.

    Deshalb redet Andrej ha auch nicht von der Abschaffung des Privateigentums an Grund und Boden (und der Produktionsmittel) sondern benützt ein Wort, das so vage es auch klingt, eines klar macht: Bei „Dekommodifizierung“ geht es nicht um einen Systembruch, um eine Umwälzung der Gesellschaft, die dann wohl auch eine Revolution voraussetzt, sondern um einen Prozeß, wo man es eigentlich gar nicht mit antagonistischen Interessengegensätze zutun hat, sondern nur mit letztlich einvernehmlich lösbaren Ärgernissen.

    Andrejs Staat ist nicht einer, der ein bestimmtes Eigentumssystem, eine eindeutige Klassengesellschaft aufrecht erhält und gegen dessen Gegner verteidigt, sondern die klassische leere Hülle Macht aller Reformisten, der man nur per hinreichender Mehrheit im Parlament auf die Sprünge helfen muß:

    „So ähnlich ist es mit dem kommunalen/öffentlichen Wohneigentum – das kann, muss aber nicht zur zur Einschränkung der Warenförmigkeit genutzt werden.“

    Alles ist möglich, man muß nur genügend Druck auf SPD oder die Linkspartei machen. Immerhin ist Andrej Realist genug, dies dann doch wieder zurückzunehmen, wenn er zugesteht:

    „Ob öffentliches Eigentum dem privaten Grundbesitz gleichgestellt werden kann und muss, ist glaube ich umstritten.“

    Wobei ja immer noch zu fragen ist, was überhaupt der jeweilige Zweck von Verstaatlichungen in imeprialistischen Staaten war bzw. sein könnte.

    Wieso Andrej dann als Perspektive hochhält:

    „Dennoch glaube ich, dass öffentliches Eigentum, mit der Chance einer politischen (und eben nicht marktförmigen). Bestimmung der Bewirtschaftungsstrategien, einen Zwischenschritt der Vergesellschaftung von Grund und Boden darstellen können.“

    ist erst mal nicht einsichtig. Es ist weiterhin die kontrafaktische Behauptung, das es doch einfach möglich sein muß, weil es einem sonst alle Parteinahme für diesen Staat verleiden würde und man dann wohl auch was anderes machen müßte, als z.B. bei Diakonie für eine „Dekommodifizierungsperspektive“ Werbung zu machen .

    Er ist selbst in diesem Punkt nicht wirklich entschieden:

    „Dass die meisten der vorstellbaren Regulationsinstrumente die Verwerfungen einer kapitalistischen Wohnungsökonomie nicht auflösen können, ist mir dabei klar.“

    Also gut, die meisten Reförmchen ändern am lausigen Los der Arbeiterklasse im System des Privateigentum auch und nicht zuletzt an Grund und Boden nicht wirklich was Entscheidendes. Das ist ihm schon klar. Aber mit seinem „die meisten“ hält er sich doch die Tür auf, das als Lösung der „Verwerfungen“ zu behaupten. Wobei dieser Begriff auch wieder nur eine Variante der Pendellogik ist, also irgendeine shcimärenhaftes soziales Gleichgewicht vermißt, zu dem an wieder zurück oder überhaupt hinmüsse.

  25. Hallo Andre Holm,
    Deine Frage: Du willst mir sicher nicht unterstellen, diese Fakten nicht zu kennen oder irgendwie zu unterstützen. Meine Antwort: Nein
    Der Mieter bezahlt statistisch 30% seines Einkommens für die Miete, die anderen 70 % benötigt er für die anderen Dinge des Lebens. ( siehe statistischer Warenkorb ) Das Geld dafür bringt für die Mehrheit der Lohn als Arbeitnehmer und den Lohn erhält er wenn er seinem Arbeitgeber einen Gewinn erarbeitet. Werden nun die Wohnkosten gesenkt benötigt der Arbeiter weniger Geld für sein Leben. Der Arbeitgeber kann als Lohnkosten sparen.
    Aus Mieterecho Nr. 339, März 2010 „Erst im Dezember letzten Jahres wurde eine von der Senatsverwaltung in Auftrag gegebene Studie „Der Berliner Wohnungsmarkt – ein Standortvorteil“ vorgestellt. Die Autoren sind Guido Spars von der Bergischen Universität Wuppertal und Bernhard Faller, der Gründer des privaten Forschungsinstituts Quaestio. Download der Studie unter: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/wohnen
    Damit will die Studie nicht nur bewiesen haben, dass die Wohnkosten in Berlin niedriger als in den Vergleichsstädten sind, sondern auch, dass diese niedrigen Wohnkosten einen sogenannten Standortfaktor darstellen. Denn, so die Autoren pfiffig, was die Beschäftigten hier an Wohnkosten sparen, müssen die Unternehmer weniger an Lohn zahlen.“
    „Warum Wohnungen in Berlin so billig sind … Joachim Oellerich“ http://www.bmgev.de
    Diese Behauptung ist nicht neu, steht auch schon bei F. Engels in „ Zur Wohnungsfrage“ 1872.
    Die Wohnungsfrage ist zweitrangig (sekundär), da es nichts an der Lage der Arbeiter (Arbeitnehmer, lohnabhängig Beschäftigte ) verändern würde, außer eine Verringerung der Lohnsumme. Und daran wird nach dem Zerfall des Ostblocks ( sozialistisches Weltsystem) erfolgreich durch die Unternehmer und dem Staat gearbeitet. Wohnungsnot und Kapitalismus gehören leider zusammen auch wenn viele die Wohnungsnot nicht wahrnehmen
    Das sollte man erwähnen wenn man über das Thema spricht..
    Was tun ? Produzieren für die Bedürfnisse und nicht für Geld. Nicht in Konkurrenz und privat.
    Nicht bürgerliche Ökonomen, die sich qualifiziert mit Fragen der Wohnungsökonomie/-versorgung auseinandergesetzt haben, da kenne ich nur F. Engels in „ Zur Wohnungsfrage“ 1872.

    Noch einige Quellen zu dem Thema:
    Hauseigentum für Lohnarbeiter
    http://www.marx-forum.de/marx-lexikon/lexikon_h/hauseigentum.html
    Wohneigentum nach Einkommensklassen (Grafik)
    http://marx-forum.de/diskussion/forum_entry.php?id=2533
    Artikel aus dem Spiegel
    http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=45845356&aref=image036/2006/02/08/PPM-SP196900600380063.pdf&thumb=false
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42787428.html
    Artikel Spiegel Grafik Mieten steigen schneller als Lohn (PDF seite 9)
    http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=42787428&aref=image035/E0542/PPM-SP197204500720088.pdf&thumb=false
    Artikel Spiegel Grafik Mieten steigen langsamer als Lohn
    http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=14316855&aref=image036/2006/06/16/cq-sp198100300380053.pdf&thumb=false
    Die Ureinwohner kannten kein Privateigentum an Grund und Boden und verkauften vielfach aus Unkenntnis oder wirtschaftlicher Not ihr Land an weiße Siedler oder Spekulanten-Privateigentum musste ersteinmal organisiert werden durch Enteignung
    http://de.wikipedia.org/wiki/Dawes_Act
    Jedem bekannt sein müsste eigentlich auch der Verkauf von Manhattan an die weißen Entdecker für ca. 50 Dollar im 17. Jahrhundert . „Fairtrade“ war das auch nicht.

    Gruß anuj

  26. Als aktuelles Negativbeispiel für „einfache“ Lösungen der Wohnungsfrage empfehle ich den Demo-Aufruf aus Hamburg http://www.rechtaufstadt.net/recht-auf-stadt/demo-am-23102010-13-h-unicampus-leerstand-zu-wohnraum.

    Aber schließlich kommen auch ausgewiesene Experten in Sachen bürgerlichen Eigentums wie die linke Sozialwissenschaftlerin Sabine Nuß zu solchem Blödsinn:
    http://neoprene.blogsport.de/2010/10/14/aus-der-serie-traurig-aber-wahr-sabine-nuss-zum-eigentum/

  27. Sabine Nuss hat meine Einschätzung mittlerweile zurückgewiesen:
    http://neoprene.blogsport.de/2010/10/14/aus-der-serie-traurig-aber-wahr-sabine-nuss-zum-eigentum/#comment-50473
    Überzeugt hat mich das aber nicht: http://neoprene.blogsport.de/2010/10/14/aus-der-serie-traurig-aber-wahr-sabine-nuss-zum-eigentum/#comment-50479

  28. vielleicht interessiert es jemanden,

    Wolfram Pfreundschuh (12.11.2010)

    Kommunen aller Länder – verbündet euch!

    http://kulturkritik.net/index_allgem.php?code=pfrwol091

    Es gibt einen Text und den auch als Audio.
    Es sind auch ältere Audios und Texte verlinkt.

    Es hört sich interessant an, meiner Meinung nach ist die Hoffnung das sich durch die Kommunen
    (Kommunalpoltik) etwas verbessern sollte, nicht berechtigt.
    Die Kommunalpolitiker sind doch in den gleichen Parteien wie die Regierungspolitiker in den Parlamenten und die beschlissen doch unsere Wohnungspolitik..

    zu 24. von Neoprene
    ja da ist was dran an dieser Pendellogik.
    Erst hört es sich ganz kritisch an und wenn man es tiefgründiger hinterfragt merkt man so geht das auch nicht in unserer schönen Marktwirtschaft.
    Grund und Boden ist nun einmal eine Einkommensquelle und die besitzt nur eine Minderheit.
    Heutzutage braucht man nicht nur Soziolgen für Menschem sondern auch noch für Städte. Ist schon merkwürdig.
    Das waren noch Zeiten als Behausungen gebaut wurden nur zum wohnen und nicht als Einkommensquelle. Es noch keine Hypotken gab und auch keine Zwangsversteigerungen, keine Mieten und Mieterhöhungen. Wenn etwas kaputt ging wurde es repariert und das wars. Es wurde eben die notwendige Arbeit gemacht.

    zu 20.
    mit Schrottimobilie meinte ich die Immobilien die von Maklern, Banken und anderen Geschäftsleuten als Kapitalanlage ( z. B. Altersvorsorge, ein Zubrot zur Rente ) verkauft wurden also für den Käufer keinen Gebrauchswert zum eigenen wohnen hatte, da sie von den Käufern nicht zum wohnen gekauft wurden. Für einige tausende wurde das ein finanzieller Ruin, da sich keine Mieter fanden oder die Wohnungen nicht vermietbar waren. Das theoretische Finanzkonzept der Verkäufer ging in der Praxis nicht auf.
    http://www.anti-bank.com/immobetrug/start.htm
    Stell Dir mal vor, jeder hätte ein zweite Top – Wohnung zum vermieten, das würde auch nicht klappen da alle eine Wohnung hätten und keiner eine zweite benötigen würde.

  29. […] Hier kann man sich den Mitschnitt der Diskussionsveranstaltung anhören. Organisiert wurde sie von der Gruppe »Kein Kommentar« GA_googleFillSlot("blog_sidebar_top_234x60"); […]

Leave a Reply