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Suitbert Cechura: Jugend ans Gewehr!

Von • Nov. 9th, 2025 • Kategorie: Allgemein

Jugend ans Gewehr!
Freiwillig zum Bund oder Pflicht? Diskussionsbedarf und Meinungsbildung in Sachen Kriegstüchtigkeit auf dem Weg zu einem zeitgemäßen Wehrdienst

Von Suitbert Cechura

Die Wehrdienstreform sollte im Oktober durch den Bundestag, doch dann kam es zu Verzögerungen. Sozialdemokraten und Christenparteien entdeckten bei eher nachrangigen Verfahrensfragen Differenzen. Da ging es um das notwendige Tempo bei der Reform, um die Alternative Freiwilligkeit oder Verpflichtung zum Dienst an der Waffe, um die Entscheidung durch ein Losverfahren und überhaupt um die brennende Frage der Wehrgerechtigkeit.

Lebendige Demokratie, könnte man meinen. Beziehungsweise im Klartext: Profilierung der Kriegstreiber im stinknormalen Konkurrenzkampf der Parteien.

Die Medien sahen aber gleich wieder Stabilität und Ansehen der deutschen Regierung in Gefahr. So sorgte schon die Absage einer Pressekonferenz der Verteidigungspolitiker für Aufregung. Der Parteienstreit zeige den »desaströsen Zustand der beiden Regierungsparteien« (Taz, 16.10.2025). Bild und FAZ sahen in der SPD erneut vaterlandslose Quertreiber am Werk etc. pp. Dabei handelte es sich im Grunde um einen »Scheinkampf«, wie die jW schrieb (16.10.2025): Es bestehen ja »in dieser Frage zwischen SPD und Union gar keine prinzipiellen Unterschiede. Beide wollen die Bundeswehr im großen Stil aufrüsten und personell aufstocken und stellen dafür gemeinsam in den nächsten Jahren Hunderte Milliarden Euro bereit.«

In der – nach allen Regeln der Staatskunst inszenierten – Wehrdienstdebatte ist freilich einiges unterstellt, das nicht unbedingt selbstverständlich ist, auch wenn es unbestritten gilt. Das betrifft als erstes das Verhältnis von Staat und Bürgern, zu dem hier einige Überlegungen beigesteuert werden sollen.

Verfügungsmacht über Leben

Freiheit wird gewährt

Wen das Los trifft

Kriegs-, Zivil- oder Arbeitsdienst

Jeder ein Kriegsminister

Die umfangreiche Berichterstattung über die Alternativen der Wehrdienstreform dient der Meinungsbildung der Bürger. Sie werden gedanklich in die Planungen der Regierenden miteinbezogen, sie können und sollen dazu auch Stellung beziehen. Das findet der Kriegsminister äußerst wichtig: »Dieses Thema verdient eine ehrliche und offene Debatte, weil es das Leben vieler, vieler Menschen betrifft« (mdr.de, 17.10.2025).

Dass diese Alternativen die Vorbereitung auf einen Krieg bedeuten, bleibt so nicht verborgen; auch nicht der Gegner. Dass es sich bei diesem um Russland mit Putin an der Spitze handelt, gilt nach Jahren der »Meinungsbildung« durch die Medien als selbstverständlich.

Jetzt geht es darum, die Menschen auf die persönliche Beteiligung an diesem Krieg einzustimmen.

Dazu werden die Alternativen vorgestellt, und jeder Bürger kann sich ideell in die Rolle des Kriegsministers begeben, der die personelle Aufstockung der Bundeswehr plant. Die gedankliche Einbeziehung der Bürger in diese Planung heißt aber nicht, dass sie dabei etwas zu entscheiden oder zu beeinflussen hätten. Sie kommen in diesen Planungen lediglich als die Verplanten vor.

Dass es gegen diese Planungen Widerstand von seiten der Betroffenen gibt, ist von den Regierenden bei ihrer Diskussion nicht vorgesehen. Wenn die Bürger sich in solche Planungsfragen gedanklich einklinken, dann haben also die Politiker im Prinzip schon gewonnen. Hinzu kommt, dass diese sich der Unterstützung der Leitmedien sicher sein können. Von denen kommen dann konstruktive Beiträge wie etwa der Hinweis, dass die Einberufung durch Losentscheid eigentlich eine lange Tradition hat oder dass es eine absolute Wehrgerechtigkeit nicht geben kann (vgl. SZ, 25.10.2025).

Wenn von seiten der Betroffenen Einwände erhoben werden, die die Politik beeindrucken, dann sind sie, wie ein Beispiel der Schülervertretungen zeigt, positiver Natur: »Der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Gärtner fordert mehr Mitsprache seiner Generation. Man müsse sich mit jungen Menschen auseinandersetzen, wenn man diese für die Landesverteidigung wolle (…). Die Debatte werde von oben herab geführt« (deutschlandfunk.de, 18.8.2025).

Eine seltsame Forderung, die gar nicht in Frage stellt, was da von oben herab diskutiert wird, sondern nur die eigene Beteiligung vermisst und diese sogleich als positiven Beitrag zur Aufrüstung empfiehlt. So erweist sich der besagte Sekretär als sehr gelehriger Schüler, der begriffen hat, wozu eine solche Debatte taugt.

Suitbert Cechura schrieb an dieser Stelle zuletzt am 24. Oktober 2025 über Betriebsräte im Dienst ihrer Unternehmen: »Stets kompromissbereit«

Aus: junge Welt – Ausgabe vom 05.11.2025 / Seite 12 / Thema: Wehrpflicht

https://www.jungewelt.de/artikel/511758.jugend-ans-gewehr.html

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