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Fundsachen: Der Grabbeltisch der Erkenntnis

Von • Mrz 13th, 2016 • Kategorie: Allgemein

Fundsachen:

Julian Bierwirth

Der Grabbeltisch der Erkenntnis – Untersuchung zur Methode des Gegenstandpunkt

Krisis 2/2016

 

Zusammenfassung

Die Zeitschrift Gegenstandpunkt(GSP), ehemals Marxistische Gruppe, genießt den Nimbus, besonders radikale Kapitalismuskritik zu betreiben. Sie nimmt für sich in Anspruch, schonungslos über die herrschenden Zustände aufzuklären und theoretisch so konsequent zu sein, dass sie sich allein auf die Kraft „vernünftiger Argumente“ stützen könne. Dieses Beharren auf dem Primat des Wissens geht einher mit einer bestimmten Form der Theorieproduktion und -vermittlung , die in hohem Maße autoritär strukturiert ist und ihre Gegner systematisch diffamiert, statt die kritische Auseinandersetzung zu suchen.

 

Demgegenüber will die vorliegende Untersuchung zeigen, dass der GSP keinesfalls so radikal ist, wie er sich geriert, sondern inhaltlich und methodisch in vieler Hinsicht sogar noch hinter das Reflexionsniveau des „bürgerlichen Wissenschaftsbetriebs“ zurückfällt, den er doch vermeintlich vernichtend kritisiert. Im Kern reduziert sich die GSP-Position auf die mechanistische Vorstellung, jedes gesellschaftliche Verhältnis, jede soziale Beziehung und jede menschliche Regung gehe in Interessen und Zwecken auf und Kapitalismuskritik bestehe darin, nachzuweisen, dass bestimmte Interessen – im wesentlichen die des „Proletariats“ – systematisch geschädigt würden. Dem entspricht methodisch ein platter Positivismus, der die Oberfläche der gesellschaftlichen Erscheinungen für das Ganze nimmt und daher unterstellt, das wissenschaftliche Denken könne unmittelbaren Zugang zu den Dingen finden, wenn es nur „richtig“ und konsequent die Werkzeuge der Vernunft und der Logik anwende. Es kann daher nicht verwundern, dass der GSP eine Auseinandersetzung mit erkenntnistheoretischen Fragen als vollkommen überflüssig ablehnt, um sich so gegen Kritik zu immunisieren.

 

Seine radikal-positivistische Methode versperrt dem GSP darüber hinaus auch jeden Zugang zur Reflexion auf die grundlegenden Formbestimmungen kapitalistischer Vergesellschaftung. Diese erscheinen ihm als überhistorische und damit unproblematische Selbstverständlichkeiten, die nur „vernünftig“ organisiert werden müssen. Das gilt für das mit der Warenform gesetzte Subjekt-Objekt-Verhältnis ebenso wie für die Arbeit und den Staat.

Zudem resultiert daraus eine systematische Blindheit gegenüber rassistischen und sexistischen Projektionen und Konstruktionen, die sich nicht platt-unmittelbar auf „Interessen“ und „Zwecke“ zurückführen lassen. Diskriminierende Äußerungen auf Veranstaltungen und in Texten sowie die zynische Rationalisierung von sexistischen und rassistischen Vorfällen sind die logische Konsequenz hieraus. Und schließlich reflektieren sich diese theoretischen Kurzschlüsse auch in den Vorstellungen von einer befreiten Gesellschaft. Der „Kommunismus“ à la GSP ist die Fiktion einer auf dem Partikularstandpunkt basierenden Gesellschaft, die durch „kluge Planung“ und das allseitig durchgesetzte Primat des Wissens so organisiert sein soll, dass es zu keinerlei Interessenkollisionen komme, also um die perfekte Nachbildung der kapitalistischen Gesellschaft ohne ihre bedauerlichen Nachteile. Mit radikaler Gesellschaftskritik hat dies erkennbar wenig zu tun.

 

Inhalt

  1. Legenden
  2. Der Primat des Wissens
  3. Playing Dumb
  4. Erkenntnistheorie für Dummies
  5. Das Interesse an der Sache
  6. Theoretically Incorrect
  7. Der doppelte Subjektivismus
  8. Kinder der Postmoderne

Quellen

 

http://vg03.met.vgwort.de/na/d845af82941e439a80e037582b2e3401?l=http://www.krisis.org/wp-content/data/krisis_zwei_2016.pdf

2 Responses »

  1. https://exit.sc/?url=http%3A%2F%2Fwww.farbe-rot.de%2Fmp3%2FGegenStandpunkt%2520-%2520Studentenbewegung%2520(Karl%2520Held).mp3

  2. Statt zu Bierwirth greife der interessierte Leser zu einem gesellschaftstheoretisch, kapitalismuskritisch und in der Auseinandersetzung mit dem „Gegenstandpunkt“ wesentlich stärkeren Band. Die neueste Rezension des Bandes stammt vom 5.4.16 und erschien in
    http://www.kritisch-lesen.de/rezension/interessen-und-ideale

    Meinhard Creydt:
    DER BÜRGERLICHE MATERIALISMUS UND SEINE GEGENSPIELER
    Interessenpolitik, Autonomie und linke Denkfallen

    Bürgerliche Materialisten beziehen sich auf »ihren« Arbeitsplatz, auf den Erfolg »ihres« Betriebs, auf die Rendite ihrer Geldanlage sowie auf das Florieren »unserer« Wirtschaft als Bedingung dafür, ihre Interessen realisieren zu können. Zugleich halten sich die Bürger moderner kapitalistischer Gesellschaften eine Autonomie gegenüber der Interessenpolitik zugute, wenn sie politisieren, an die Vernunft glauben oder den Selbstzweck (z. B. der Menschenwürde) achten. Die spannungsreiche Einheit beider »Seelen« in der Brust des modernen Bürgers ist das Thema dieses Bandes. Viele kapitalismuskritische Argumentationen (z.B. der Zeitschrift »Gegenstandpunkt«) bewegen sich zu ihrem Schaden unbewusst innerhalb dieses Dualismus. Der Band vertieft die Erkenntnis seiner Problematik durch die Aufmerksamkeit für linke Denkfallen.

    248 Seiten, 19,80 Euro

    erschien im Juli 2015 bei VSA Hamburg

    Vorwort und Inhaltsverzeichnis unter
    http://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/der-buergerliche-materialismus-und-seine-gegenstandpunkte/

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