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Kritik an Ideologien, Aufklärung über populäre Irrtümer, Kommentare zum Zeitgeschehen

[04/2008] Die Hypothese

Von • Apr 1st, 2008 • Kategorie: Artikel

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In den Institutionen, in denen es angeblich um Wissen, Bildung und Forschung geht, passiert einem fter folgendes: Du kommst hinein und du hast eine schne Theorie. Welcher Bescheid wird dir erteilt? “Nichts da, das war blo eine Hypothese!” Gut! Der Mensch ist lernfhig. Das nchste Mal geht er hinein und verkndet jedem, der es wissen will, er habe eine Hypothese (gr.) In Wirklichkeit hat er natrlich immer noch seine Theorie. Soll man daraus folgern, dass Hypothesen etwas mit Wissenschaft zu tun haben?

Was haben Hypothesen mit Wissenschaft zu tun?

Ein Mensch, der sagt, er htte eine Hypothese, der behauptet, etwas zu wissen. Auf Grund dessen, was er bereits ber seinen Gegenstand wei, kommt er zu dem Ergebnis, dass dieser so oder so beschaffen sein knnte. Wenn man sagt, ich habe eine mgliche Erklrung, so ist zweierlei behauptet: 1. die angestellte Vermutung hat Grnde, und zwar in dem, was man schon wei, und 2. diese Grnde sind mangelhaft, insofern sie noch verschiedene Erklrungen zulassen. Will man also Gewissheit haben, kann man sich mit einer Hypothese nicht zufrieden geben. Die moderne Wissenschaft sieht das anders. Sie geht vom absoluten Gegensatz des Denkens zur Objektivitt als Selbstverstndlichkeit aus, indem sie allem Wissen seine prinzipielle Vorlufigkeit attestiert. Den darin enthaltenen Widerspruch, den Mastab der objektiven Erklrung anzufhren, um seine Unerfllbarkeit zu betonen, nehmen brgerliche Wissenschaftler als Beleg dafr, dass hypothetisches Denken in Ordnung geht: Wenn man von der Realitt nichts Sicheres sagen kann, muss man sie eben nherungsweise deuten. So halten gewusste Nichterklrungen reihenweise Einzug in die Welt der Wissenschaft, die durch die ffentliche und vorweg ausgesprochene scheinbare Einschrnkung, sie seien keineswegs das letzte Wort ber ihren Gegenstand, nicht nur nichts an Gltigkeit einben, sondern gerade umgekehrt respektabel gemacht werden. Hypothesen wie “Lernen ist Verhaltensnderung” werden zu gewichtigen Befunden, denen 5 gegenlufige mit demselben erkenntnistheoretischen Recht gegenberstehen, also dadurch, dass sie sich zusammen mit ihrer Selbstbezweiflung prsentieren; vielleicht ist Lernen ja auch etwas ganz anderes, aber wer kann das mit Sicherheit sagen? Weit davon entfernt, unermdlich Hypothesen aufzustellen, um sie dem Rest der Forschergemeinde zwecks alsbaldiger Widerlegung zur Verfgung zu stellen, damit eine absurde Vorstellung(!) das Wissen zunimmt oder zumindest das Unwissen ab, zeigt sich die brgerliche Geisteswelt vielmehr als solche, in der man des hypothetischen Arguments berechtigte Anstze vorgestellt und zugleich unangreifbar gemacht werden. Dass Wissenschaft eine Sammlung von derartigen Dogmen sein muss, hat sich lngst bis in das letzte Proseminar herumgesprochen, und Beitrge, die ihren selbstzweiflerischen Charakter nicht herausstreichen, mssen im Namen der Vorlufigkeit allen Wissens entschieden zurckgewiesen werden. Die Wissenschaftstheorie bezieht sich auf dieses Treiben als Normalform wissenschaftlichen Denkens, wenn sie behauptet, “der Fortschritt der Wissenschaften bestehe im Aufstellen von immer neuen Hypothesen”, und tritt den philosophischen Beweis dafr an, dass alle Theorie blo hypothetisch ist.

Alles Wissen ist hypothetisch

Die theoretische Befassung mit der Welt kann sehr unterschiedlich ausfallen: Je nachdem, wie das Subjekt sich auf seine Gegenstnde bezieht, muss man seine Gedanken beurteilen. Sie sind Erkenntnis, Spekulation oder Phantasie. Die Wissenschaft entdeckt in den verschiedenen Mglichkeiten, sich mit der Welt zu befassen, nicht unterschiedliche Leistungen des Geistes, sondern ein Problem des Denkens berhaupt. Weil es sich in jedem Fall dabei um Gedanken handelt, soll man es den Gedanken nicht ansehen knnen, ob sie irgend etwas erklren oder Produkt der Phantasie sind. Sie behauptet, jede Ttigkeit beanspruche, Wissen zu sein, und wirft ihr von dieser Unterstellung aus vor, dass sie auch keines sein knnte. Eine sehr interessierte Behauptung, denn der Wissenschaftstheoretiker wei ja um den Unterschied zwischen einer Erklrung und einer Erfindung, wenn er sie als verschiedene Ttigkeiten aufzhlt und behauptet zugleich, an den Gedanken keinen Unterschied entdecken zu knnen. Jedes Urteil, das einer ber einen Gegenstand fllt, unterliegt damit dem sehr prinzipiellen Zweifel, ob es denn auch zutreffe. Man kann nicht wissen, ob der Gedanke richtig ist, weil als Charakteristikum eines jeden Gedankens behauptet ist, dass er mglicherweise falsch ist. Irrtmer sind nicht mehr Fehler im Denken, bzw. fehlerhafte Gedanken, sondern eine conditio sine qua non des Denkens berhaupt. Auf diese Weise entwirft die Wissenschaftstheorie das Bild einer Wissenschaft, in der stndig herumgetftelt wird und man niemals und das wei der Herr Wissenschafts-theoretiker nun wieder ganz genau sicher sein kann, irgendeine gltige Erkenntnis zutage gefrdert zu haben. “Der Gang der Wissenschaft besteht im Probieren, Irrtum und Weiterprobieren.” (Popper) Verlangt wird also vom Subjekt, sich von vornherein zu seinem Denken hypothetisch zu stellen. Es soll jedem Gedanken skeptisch gegenberstehen, weil es einen mglichen Irrtum nicht ausschlieen kann. Und dieser grundstzliche Mangel am Denken, dass es nie wissen kann, ob es richtig gedacht hat, soll ausgerechnet daran liegen, dass es das Subjekt ist, das denkt. Weil Denken menschlich ist, ist es nicht objektiv, ist der Vorwurf an jedes Urteil ber einen Gegenstand. Ein Vorwurf, der ebenso grundlos ist wie die damit begrndete Aufforderung zum Zweifel: Warum soll es denn ein Mangel sein, dass das Denken eine Ttigkeit eines Subjekts ist? Wer sollte es ihm denn abnehmen? Das ist schon ein billiger Trick: Weil das Subjekt denkt, ist der Inhalt der Gedanken blo subjektiv. Mit der “Kritik”, dass die Erkenntnis “ein Erzeugnis des Menschen” und damit “alle Theorie das Resultat von Einfllen” sei, trennt die Wissenschaft das Denken von der Objektivitt und wirft nach vollbrachter Tat die Frage auf, wie beide wieder zusammenkommen knnen. Sie suchen nach einem Kriterium, das die unabhngig von der Befassung mit realen Objekten zustande gebrachten Gedanken doch als objektive ausweisen knnte und findet es in der Vorstellung des unbegriffenen Gegenstandes selbst.

Deswegen: “Empirische Kontrolle”

Die Wissenschaftstheorie will die von ihr ausgesprochene Skepsis gegen mgliche Gewissheit dennoch keinesfalls als Aufforderung missverstanden wissen, das Theorietreiben bleiben zu lassen, im Gegenteil: Die Wissenschaft fordert jetzt die Empirie als Kriterium der Theorie, die zwar nicht die Richtigkeit, aber die Berechtigung der Gedanken unter Beweis stellen soll. So ergibt sich der Widerspruch, dass mit der “Realitt” gerade das, wovon man vorgab, nichts wissen zu knnen, als berprfungsinstanz eingefhrt wird. Wissenschaftsphilosophen behaupten allen Ernstes, der unbegriffene Gegenstand selbst msse, wenn man ihn mit den ohne seine Bercksichtigung verfertigten Gedanken ber ihn vergleiche, fr die Stimmigkeit dieser Theorien brgen: “Es ist unmglich, durch reines Nachdenken und ohne eine empirische Kontrolle (mittels Beobachtungen) einen Aufschlu ber die Beschaffenheit und ber die Gesetze der wirklichen Welt zu gewinnen.” (Stegmller) Praktizieren lt sich diese theoretische Absurditt, das Denken an der ihm vllig inkommensurablen “Realitt” messen zu wollen, nicht. Auch dann nicht, wenn man in Rechnung stellt, was hier mit “Theorie” und “Realitt” oder “Erfahrung” gemeint ist. Erstere lst der Wissenschaftstheoretiker auf in Stze, in denen nicht geurteilt, sondern eine beliebige Einzelheit an einer Sache ausgedrckt wird, wie z.B. bei den berhmten weien Schwnen; Wissenschaft ist hier Nachschauen, ob es sich so verhlt. Der Wissenschaftstheoretiker stellt sich das folgendermaen vor: dass Schwne wei sind, hat man nicht irgendwann einmal festgestellt, sondern verdankt sich einem “Einfall” “Theorien sind Einflle, Entdeckungen, zu denen kein rationaler Weg von den gemachten Beobachtungen fhrt.” (Stegmller) Man formuliert eine Hypothese “Knnte sein, dass Schwne wei sind” und kontrolliert sodann die “Idee” an der Realitt, und siehe da, man findet tatschlich einen weien Schwan. Die Realitt stellt in dieser Vorstellung von Wissenschaft nicht den Ausgangspunkt des Nachdenkens dar, sondern “kontrolliert” die Theorie freilich auf eine recht eigentmliche Weise: die “Empirie”, die der Wissenschaftler zum Zwecke der berprfung seiner theoretischen Annahmen beobachten will, ist von vornherein gar nichts anderes als die Ansammlung von Instanzen der Theorie. Deswegen wird per “empirischer Kontrolle” auch gar nicht nach der Stimmigkeit des inhaltlichen Urteils ber die Realitt gefragt, sondern danach geforscht, ob es das, was die Hypothese zu ihrem empirischen Indikator erklrt, in der Realitt gibt oder nicht. Die schiere Existenz eines Sachverhalts, mehr ist sie nicht, die “solide empirische Grundlage” einer berprfung von Theorien. “Scheitern” kann deswegen keine noch so verrckte Mutmaung ber den Charakter dieser Sachverhalte, einfach, weil dies zur berprfung auch gar nicht ansteht. (Und der Schein, hier ginge es ums “Nachprfen”, kommt nur deshalb zustande weil Popper und seine philosophischen Mitstreiter die Bemhungen ihrer Kollegen von den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen mit einem Rtselraten ber so Dinge wie “welche Farbe hat ein Schwan?” verwechseln. Die Theorie “Alle Raben sind wei” liee sich in der Tat per “empirischer Kontrolle” widerlegen, wenn ein Wissenschaftler solche Theorien aufstellen wrde. Nur tut das eben niemand.); “verifiziert” wird sie freilich auch nicht; denn Theorien gelten in den Kreisen dieser Wissenschaftstheoretiker als “All-Aussagen” also nicht als Urteile ber den Schwan, sondern ber alle Schwne zu allen Zeiten und Orten. Eine Unterscheidung, die vor allem den einen wissenschaftstheoretischen Vorzug hat: solche “All-Aussagen” lassen sich per definitionem nicht “endgltig besttigen”, weil es ja schlechterdings unmglich ist, alle empirischen Instanzen der khnen Mutmaung “Alle Schwne sind wei” zu berprfen. So ist die Theorie eben “vorlufig besttigt“, wenn sie aus dem TV der Empirie kommt, bleibt eben, was sie sein soll: eine Hypothese; “falsifiziert” soll sie freilich werden knnen, die Hypothese: ein schwarzer Schwan und die ganze Schwanentheorie wre widerlegt. Blo: jahrzehntelange “empirische Kontrollen” haben es nicht zustande gebracht, auch nur einer geisteswissenschaftlichen Theorie so den Garaus zu machen, dass sie aus dem Kanon respektabler mglicher Lehrmeinungen ausgeschieden wre. Das liegt daran, dass die einschlgigen Wissenschaftstheoretiker ihr Desinteresse, eine verkehrte “Hypothese” widerlegen zu wollen, ausgebaut haben zu einem ganzen Instrumentarium an berlebensstrategien von Theorien als Hypothesen: da lsst sich die “Beobachtung” mit haargenau den gleichen Argumenten aus Prinzip bezweifeln wie die Theorie, die sie “berprft”; da wird der hypothetische Charakter der “All-Aussage” zum positiven Bestandteil der theoretischen Aussage gemacht, so dass dann Wahrscheinlichkeitsaussagen, middle range theories u.v.a.m. die Welt der Wissenschaft bevlkern. Resultat der “empirischen Kontrolle” ist also die Hypothese, inhaltlich ungeschoren und in ihrer hypothetischen Form enorm besttigt. Unter dem Schein einer “berprfung an der Empirie” wird dem Geist ein Reich der Freiheit zugewiesen, in dem er so viele wie verrckte Theorien aufstellen darf, da der Anspruch auf Gltigkeit im prinzipiellen Zweifel gut aufgehoben ist. “Alle Sicherheiten in der Erkenntnis sind selbstfabriziert und damit fr die Erfassung der Wirklichkeit wertlos. Das heit: Wir knnen uns stets Gewissheit verschaffen, indem wir irgendwelche Bestandteile unserer berzeugung durch Dogmatisierung gegen jede mgliche Kritik immunisieren und sie damit gegen das Risiko des Scheiterns absichern.” (Albert) So kommt umgekehrt jeder Gedanke, der darauf beharrt, er liege richtig, von vornherein in den Verruf der Hybris. Wer diesen Vorwurf erhebt, macht sich sehr klein, verlangt dafr aber auch von allen anderen, diese Pose nachzuahmen; und das im Namen des Wissens, das ganz gewiss nur hypothetisch zu haben ist. “Das ist doch nur eine Hypothese!” wird so zum wuchtigen Argument, dem niemand Sachfremdheit vorrechnet. Es ist Usus geworden an den Universitten und anderswo, mit diesem Universaleinwand, zu dessen Beherrschung keiner Wissenschaftstheorie studiert zu haben braucht, um ungeliebte und nicht geteilte Gedanken zurckzuweisen. Und in den seltenen Fllen, wo die angemahnte Moral des Relativierens nicht beherzigt wird, kommt regelmig der Vorwurf auf, das sei Gewalt.

Die Selbstgerechtigkeit des Zweifels als Gebot der Toleranz

Das Argument der Hypothese leistet einiges: Die Forderung nach Relativierung ist der Angriff auf jede Aussage und bewerkstelligt gerade damit eine Selbstbezichtigung, die den Angriff auf die eigene Theorie verbietet. Der grundstzliche Zweifel an richtigen Resultaten des Denkens, dient ja nicht dazu, die eigene Theorie zu verwerfen, sondern ihr eine Berechtigung zu verschaffen: Sie ist genauso mglich wie jede andere. Unter dem Mantel der Wissenschaftlichkeit versteckt sich die Benimmregel fr die Geisteswissenschaft. Jeder Denker hat sich so aufzufhren, dass er die prinzipielle Vorlufigkeit und damit Harmlosigkeit seiner Urteile durch den Hinweis auf seine Subjektivitt unterstreicht. Das Denken wird dazu aufgefordert, sich stndig als bloe Vermutung ber die Realitt zu betrachten. Ausgerechnet der, der fr die Gltigkeit seiner Argumente nichts weiter beansprucht als die Argumentation selbst, wird der Gewalt bezichtigt. Der Hypothesengedanke ist seiner Natur nach nichts weiter als der Schein der Begrndung fr das moralische Gebot der Toleranz in der Wissenschaft. Dieses aus der Sphre der Politik bekannte Gebot demokratischer Machtausbung, das konfligierenden Interessen freiwillige Selbst-beschrnkung abfordert, ist auch die angemessene Verfahrensweise einer demokratischen Wissenschaft, welche mit ihrer Unterordnung unter den von den Zustndigen bewerkstelligten praktischen Lauf der Welt sehr zufrieden ist. Wer diese Unterordnung unter die “Kontrolle durch die Empirie” schon rein formell nicht betreibt, dessen Argumente werden als Missbrauch der Wissenschaft ins Reich der politischen Ideologie verwiesen. Jemand, der diese Tour aber beherzigt, hat seine Freiheiten im Kommentar, den er dem Weltgeschehen unterlegt. Darin, in demokratischer Wissenschaft, ist die Nutzanwendung der Hypothese sehr unhypothetisch.

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