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[Themenänderung] 25.04.12 | Hamburg | Die Grass-Debatte: Deutscher Großdichter – national abgewatscht

Von • Apr 19th, 2012 • Kategorie: Veranstaltungen
25. April 2012
18:30

Zeit: Mittwoch | 25.04.2012 | 18.30 Uhr
Ort: Uni HH | Pferdestall (Raum 104) | Allendeplatz 1 | Hamburg
Veranstalter: Forum GegenArgumente Hamburg / AANO

Themenänderung aus aktuellem Anlass!

Neues Thema: Die Grass-Debatte: Deutscher Großdichter – national abgewatscht

1.

Es geschieht selten, dass ein Gedicht die halbe Nation in Wallung versetzt. Günther Grass ist es mit einem Stück politischer Prosa gelungen: „Was gesagt werden muss“ hat er nach quälender Überwindung eines sich selbst auferlegten Schweigegebots öffentlich gemacht – und sich dafür einen Empörungsschrei quer durch die maßgebliche Prominenz aus Staat und Kultur eingehandelt samt einem Einreiseverbot nach Israel. Was ist passiert?

2.

Nüchtern besehen und im Kern eigentlich nur das: Grass drückt mit Verweis auf die eskalierende Vorkriegslage im Nahen Osten seine tiefe Sorge um den „ohnehin brüchig gewordenen Weltfrieden“ aus. Den sieht er durch die regelmäßigen Drohungen der Atommacht Israel mit einem präventiven Vernichtungsschlag gegen Irans Atomanlagen hochgradig gefährdet. Besonders erhellend ist das nicht: Denn was die Vorkriegslage im Nahen Osten mit ihren engagierten politischen Subjekten, Mitteln und Zwecken sachlich kennzeichnet – davon erfährt man kein wahres Wort im moralischen Weltbild des Dichters, indem es viel um höchste Werte, Verantwortung und Schuld geht.

3.

Der Dichter Grass sagt das nicht einfach so. Er muss es sagen und das macht einen wesentlichen zusätzlichen Inhalt seiner Einlassungen aus. Als empfindsame Dichterseele quält er sich Vers um Vers mit einem sich selbst auferlegten Schweigen, dem er sein Denken und Meinen über die Weltlage und im Speziellen Israel untergeordnet hat. Sein inneres Redeverbot lässt er aber jetzt, wo er es nicht mehr aushält, nicht einfach sein und sagt, was er will, sondern stilisiert seine Befreiung zur mutigen Leistung, mit der er ausdrückt, was ans Licht der Welt drängt. Eine schöne Dramaturgie der Offenbarung, mit der die Anklage Israels in Sorge um den „Weltfrieden“ auf einem hochmoralischen Fundament steht.

4.

Damit wäre die politische Prosa fertig und man könnte das Gedicht ad acta legen. Aber jetzt geht die Sache erst los: Ebenso primitiv wie prinzipiell liest die Phalanx der geistigen Scharfrichter aus dem Gedicht heraus, was sie hinein lesen will: Antisemitismus! Dass da einer wie Grass, ausgestattet mit dem hohen Ansehen einer nationalen Leitfigur, die Schuldfrage für Krieg und Frieden im Nahen Osten mit einer anderen „Stoßrichtung“ anspricht, als sie im fixen Feindbild zu Iran längst und abschließend beantwortet ist, setzt das öffentliche Aufsichtspersonal über die korrekte Moral der Nation gleich mit dem Standpunkt des geistigen „Holocausts“ – und verlängert die eingeleitete Hinrichtung der moralischen Integrität des Literaten Grass mit dem Verweis auf dessen SS-Vergangenheit: Die soll beweisen, dass der Mann auch mit 85 Jahren noch so einer ist!

5.

Fazit: An dieser Debatte sollte man sich besser nicht beteiligen. Wer etwas über die ziemlich kriegsträchtige Lage der staatlichen Feindschaften im nahen Osten wissen will, über israelische Kriegsdrohungen, das iranische Atomprogramm, das US-Sanktionsregime und nicht zuletzt die deutsche Beteiligung an den 5 plus 1 Gesprächen, der sollte als erstes die Brille national-verantwortlichen Denkens absetzen.

http://www.gegenargumente-hamburg.de/2012/04/die-grass-debatte-deutscher-grosdichter-%e2%80%93-national-abgewatscht/

 

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