[online] 30.06.09 | Leipzig | Hochschulreform als Standortfaktor
Von webmaster • Jun 30th, 2009 • Kategorie: Veranstaltungen| 30. Juni 2009 | ||
| 19:00 |
Zeit: Dienstag, 30.06.2009, 19.00 Uhr
Ort: Hörsaalgebäude Universitätsstraße, HS 8, Leipzig
Veranstalter: AG Politische Diskussion
Hochschulreform als Standortfaktor – Mit verschärfter Konkurrenz dem Denken Beine machen
Referent: Dr. Freerk Huisken
Dass die Hochschulreform der letzten Jahre den Studierenden – und übrigens auch in anderer Weise den Wissenschaftlern – erheblich zugesetzt hat, ist nicht zu bezweifeln. Mit Bachelor und Master, mit Studiengebühren, verschärften Prüfungs- und Relegationsordnungen usw. wird den Studierenden eingeheizt, die Sortierung am Einkommen fortgesetzt und der europäische Standard mit vergleichbarem Billig- und Aufbaustudium vorangetrieben. In der Forschung gilt es, sich mit Exzellenzclustern zu bewähren, Drittmittel zu requirieren und möglichst noch Großbetriebe für Zusammenarbeit und Sponsering zu gewinnen. Gewinner werden zusätzlich vom Staat belohnt, Verlierer haben es zu verantworten, wenn ihre Uni nicht zu den Eliteuniversitäten gezählt wird. In der Tat: So wird mit verschärfter Konkurrenz dem Denken Beine gemacht.
Grund genug, sich dagegen ins Zeug zu legen. Und Grund genug, sich dafür Klarheit darüber zu verschaffen, warum die Bildungspolitik auf solcherart Reform, die in Hochschulrektoren ihre beflissenen Umsetzer findet, erheblichen Wert legt. Auf jeden Fall sind einige der studentischen Befunde nicht zutreffend: So heißt es etwa, dass die Freiheit der Lehre durch die ganz offenkundige Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Kapital in Gefahr sei, die Wissenschaft zunehmend der „Verwertungslogik“ unterworfen sei und Bildung zur Ware werde. Das überzeugt wenig: Wem denn sonst sollen im demokratischen Kapitalismus Forschung und Lehre Dienste leisten? Den Kritikern von Wirtschafts- und Staatsmacht doch wohl nicht. Dass Wissenschaft diesen Nutzen – Natur- und Geisteswissenschaften erbringen ihn auf unterschiedliche Weise – schon immer erbracht hat, ist dem „made in germany“ – deutsche Waren gelten als Weltmarktführer und „wir“ sind Exportweltmeister – ebenso abzulesen wie der von der Staatsmacht aufgebauten Infrastruktur und Hochrüstung.
Und auch eine weitere Beschwerde trifft nicht ins Schwarze: Mit den Studiengebühren soll ein „sozialer numerus clausus“ in die Universitäten Einzug gehalten haben. Wirklich erst mit diesen zusätzlichen Gebühren? Dabei geben die protestierenden Studierenden doch selbst das Belegmaterial dafür ab, dass so ein „sozialer numerus clausus“ vom ersten Schuljahr an gilt. Immerhin gehören sie zu den Privilegierten, die es geschafft haben, ca. 70% ihres Jahrgangs – und zwar vor allem Kinder aus „bildungsfernen„ Schichten – erfolgreich hinter sich zu lassen, denen dann die Karriere in den unteren Lohngruppen oder in Hartz-IV offen steht.
Übrigens greift deswegen auch die Kritik am Aufbau von Eliteuniversitäten nicht. Elitenproduktion, so kann man lesen, würde sich nicht mit dem demokratischen Egalitarismus vertragen. Von wegen: Schon immer haben Universitäten nur für den Nachwuchs zu Diensten der Macht- und Geldelite gesorgt. Sie haben Juristen und Lehrer, Ingenieure und Betriebswirte, Generäle und Ärzte, Pastoren und Journalisten ausgebildet, die selbstbewusst in ihrem jeweiligen Amt und Beruf dafür sorgen, dass „wir alle“ auf Deutschland stolz sein können.
Es ist also schon nötig, sich etwas genauer mit der Funktion der Universitäten im Kapitalismus überhaupt zu befassen und die Frage zu stellen, welchem Zweck sich tatsächlich die jüngste Hochschulreform verschrieben hat.
http://www.agpolitischediskussion.de/Termine.htm#20090630-Hochschulreform
Update:
“Wie aus einem Bildungsstreik ein Einsatz für Konkurrenz wird – Gespräch mit Freerk Huisken”
Alex von Radio Corax hatte den Erziehungswissenschaftler und Autor Freerk Huisken am Telefon. Ein Gespräch über den Selektionsauftrag des Bildungswesens und der teilweise falschen Kritik des studentischen Protests.
http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=28696
Die Aufzeichnung der Veranstaltung wurde online gestellt.
http://mpunkt.blogsport.de/2009/06/24/veranstaltungstipp-le-xxxvii/
